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Stromversorgung Der Zufall hat geholfen

19.02.2012 ·  Trotz extremer Kälte in der ersten Februarhälfte ist die Stromversorgung in Deutschland nirgends zusammengebrochen. Das lag an einer Ballung günstiger Zufälle, die bestandene Nagelprobe darf nicht zum Erfolg der Energiewende schön geredet werden.

Von Werner Sturbeck
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Die fünfte Jahreszeit treibt in den närrischen Hochburgen ihrem Höhepunkt entgegen. Dann gelten besondere Regeln. „Es kommt wie es kommt“ oder „es ist noch immer gut gegangen“ sind eingedeutschte Lebensweisheiten aus den zehn Geboten der Kölner. Diese beiden Gebote treffen passgenau auf das, was Deutschland in den zurückliegenden frostigen Wochen umgetrieben hat. In der ersten Februar-Hälfte ist das Stromnetz mehrfach ganz eng am Punkt der Überlastung gewesen. Der von der Kälte getriebene Stromverbrauch, die Produktion von Wind- und Sonnenenergie wurde gebannt beobachtet, analysiert und bewertet. Auch der Stromaustausch mit den Nachbarländern, vor allem mit Frankreich, erlangte Nachrichtenwert.

Jahrzehntelang äußerst zuverlässig

Im vergangenen Frühjahr wurden zum Start der Energiewende acht deutsche Kernkraftwerke unwiderruflich aus dem Markt genommen. Das sind rund zehn Prozent der in Stunden mit hohem Stromverbrauch benötigten Kapazität. Energiefachleute prognostizierten damals erhebliche Schwierigkeiten für den Winter. Der begann mild und steigerte sich zu einer ungewöhnlichen langen Frostphase.

Jahrzehntelang war das deutsche Stromnetz außergewöhnlich zuverlässig. Das lag an den großzügigen Reserven im Netz und der Stromerzeugungskapazität. Die Reserven wurden durch die Abschaltung der acht Meiler stark reduziert, was die Netzbetreiber seither mächtig auf Trab hält. Aber die eigentliche Nagelprobe hat erst in diesem Monat begonnen. Trotz extremer Kälte in der ersten Februarhälfte fielen weder Heizungen, Aufzüge und Herde noch Telefone und Computer aus.

Noch einmal gut gegangen

Das lag an einer Ballung günstiger Zufälle: Es gab trockenen Frost aus Sibirien statt auf Photovoltaikanlagen vereisten Schnee, wie es nach Kältewellen vom Atlantik geschehen kann. So war viel Solarenergie in den Mittagsstunden hilfreich für die Stromversorgung in Süddeutschland. Den Netzbetreibern half das nur geringe Windstromaufkommen im Norden. Denn bei dem kältebedingt weit überdurchschnittlich hohen Stromverbrauch waren die Nord-Süd-Höchstspannungsleitungen randvoll mit Strom aus allen verfügbaren konventionellen Kraftwerken. In einer Stromautobahn, die nach der Stilllegung der beiden Biblis-Blöcke rund um die Uhr Grundlaststrom aus dem Ruhrgebiet in den Rhein-Main-Raum bringt, sind ständige Wechsel zwischen Kohle- und Windstrom kaum zu steuern. Und schließlich hat es in dieser langen kalten Phase keinen einzigen technischen Ausfall eines Großkraftwerks gegeben.

Zwar mussten Netzbetreiber einige Male auch auf die im vergangenen Jahr in Deutschland und Österreich ausgewählten Kaltreserve-Kraftwerke zurückgreifen. Aber die Kriseninstrumente, etwa Zwangsabschaltungen von Großkunden, mussten nicht angewendet werden. Es ist noch einmal gut gegangen.

Keine Entspannung in Sicht

Doch ist es falsch, wenn der Bundesumweltminister nach dieser Zitterpartie behauptet: „Die Energiewende war ein voller Erfolg.“ Die Preiskurve mit Preisen von 30 Euro je Megawattstunde bis zu den höchstens zulässigen 3000 Euro zeugt von extremen Augenblicken. Die bestandene Nagelprobe darf nicht zum Erfolg der Energiewende schön geredet werden. Vielmehr müssen die verantwortlichen Politiker die Erkenntnisse der zurückliegenden Wochen nutzen, um die Ausfall-Risiken zu verringern. Die kritischen Punkte sind die Erzeugung und das Netz für alle Spannungsebenen. Die Produktion ist im Moment das kleinere Problem: Bis Ende 2013 werden neben Windrädern, Solar- und Biogasanlagen noch einige im Bau befindliche große Kohle- und Gaskraftwerke mit mehreren Tausend Megawatt Kapazität in Betrieb gehen.

Das größere Problem ist das in seiner heutigen Form für den Ausbau der regenerativen Energie untaugliche Stromnetz. Hier zeichnet sich vorläufig trotz neuer Beschleunigungsgesetze keine Entspannung ab. Die Genehmigungsbehörden sind fast überall hoffnungslos unterbesetzt. Die Widerstände der Bevölkerung in den betroffenen Regionen wachsen. Netzgesellschaften halten Geld für Investitionen bereit, haben aber keine Genehmigung. Die für die Nordsee-Windparks zuständige Netzgesellschaft kommt mit den Anschlüssen nicht weiter. Deshalb wollen RWE und Eon ihre Offshore-Pläne vorsichtiger vorantreiben.

Mehr nachdenken

Der Start der Energiewende war ein Schnellschuss. Nun tauchen immer wieder neue Schwierigkeiten bei der Verwirklichung des Vorhabens auf. Häufig sind es Kleinigkeiten, etwa wenn eine Genehmigungsbehörde für einen Regierungsbezirk mit nur drei Beamten besetzt ist, die sich lieber um Straßen kümmern, als um die neue Stromtrasse. Aber auch grundsätzliche Regeln, wie der Einspeisevorrang für erneuerbare Energie, behindern die optimale Ausrichtung der Netze.

Knapp ein Jahr nach dem Atomausstieg müssen gründlicher durchdachte Wege für die Energiewende geschaffen werden. Es wird immer klarer, dass für die schwierigen, komplexen Aufbauarbeiten eine verantwortliche und einflussreiche Einrichtung erforderlich ist, die sich ausschließlich mit der Energiewende befasst. Es ist angenehm, nach zwanglosen Regeln durch die fünfte Jahreszeit zu treiben. Aber nach dem Aschermittwoch kommt der Katzenjammer. Narren wissen das.

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Jahrgang 1949, Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

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