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Strompreise Der unheimliche Erfolg der Energiewende

Der Erfolg der Energiewende wird unheimlich. Überall werden Solar- und Windanlagen gebaut. Weil das Stromnetz an sonnigen und windigen Tagen die Last nicht tragen kann, bekommen die Betreiber Geld vom Staat fürs Nichtstun, für das Abklemmen vom Netz. Subvention folgt auf Subvention. Wo soll das enden?

© dpa Vergrößern Fundamente für Windräder im Meer stehen zur Verschiffung bereit.

 Allerorten glänzen Solardächer in der Sonne, ragen Windräder in den Himmel, sprießen Energiepflanzen auf den Äckern. Seit zehn Jahren locken pralle Fördertöpfe und garantierte Traumrenditen über zwanzig Jahre. Zunächst waren die Kosten überschaubar, weil nur wenige Solar-, Wind- und Biogasanlagen installiert waren. Nachdem jedoch die Einspeisevergütung gesenkt worden war, setzte ein Windhundrennen nach Förderung ein, die Kosten schossen nach oben. Jetzt will Umweltminister Altmaier auf die Strompreisbremse treten. Recht hat er.

Holger Steltzner Folgen:    

Nach der Wahl gehört das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) vom Kopf auf die Füße gestellt. Es darf nicht länger eine Intervention der nächsten folgen. Weil durch den zu schnellen Ausbau von Solar- und Windanlagen das Stromnetz an sonnigen und windigen Sommertagen die Last nicht tragen kann, bekommen Solar- und Windparkbetreiber Geld vom Staat fürs Nichtstun, für das Abklemmen vom Netz. Wenn der im Überfluss produzierte deutsche Ökostrom ins polnische oder holländische Stromnetz drückt, zahlen wir mit negativen Strompreisen dafür. Der Strompreis in den Niederlanden sinkt, weil er in Deutschland steigt. Das ist pervers. Und weil im Winter an schattigen oder windstillen Tagen Solar- und Windparks nicht genug Strom für den Bedarf von Industrie und Haushalten liefern, müssen die Energiekonzerne Kraftwerke vorhalten, die sich nicht rechnen. Denn weil Ökostrom stets Vorrang hat, werden die teuren Großanlagen nur selten gebraucht. Deshalb will der Staat die Konzerne künftig ebenfalls fürs Nichtstun bezahlen. Subvention folgt auf Subvention. Wo soll das enden?

Wenn durch Fracking der Strompreis sinkt, kann die Energiewende mehr als eine Billion kosten

Höchste Zeit, dass sich Ökostrom dem Markt und dem Wettbewerb stellt. Im heutigen Fördersystem mit fester Vergütung ist Ökostrom umso teurer, je niedriger der Preis an der Strombörse ist. Eine Billion Euro koste die Energiewende, sagt Altmaier, unter der Annahme, der Strompreis bleibe stabil und der Ausbau gehe weiter wie bisher. Zugesagt und nicht mehr kürzbar sind Subventionen über 317 Milliarden Euro für bereits installierte Anlagen. Durch ungebremsten Ausbau kämen 360 Milliarden Euro Förderung hinzu, rechnet Altmaier vor. Das letzte Drittel der Billion entfällt auf Netzausbau, die Subvention konventioneller Reservekraftwerke, Forschung und Gebäudedämmung.

Die Billion erschreckt. Der Protest der Wind- und Solarlobbyisten gegen Altmaiers Strompreisbremse kann selbst die Opposition kaum mobilisieren. Denn auch Umweltpolitiker wollen im Wahlkampf nicht als Schuldige für steigende Strompreise gelten. Zu groß ist die Wut der Wähler über die hohe EEG-Umlage auf der Stromrechnung, gerade weil an der Strombörse der Preis so tief ist wie lange nicht.

Weil so viele von den Subventionen profitieren, traut sich kein Politiker zu kürzen

Da von den Subventionen für die Energiewende mittlerweile unzählige Landwirte, Hausbesitzer, Investoren, die Industrie und viele andere Unternehmen gut leben, traut sich kein Politiker, an den Besitzständen zu rütteln. Daran könnte die überfällige Reform der gigantischen EEG-Subvention scheitern.

Weil schon zu viele vom Förderwahn profitieren, ist das Drehen an kleinen Stellschrauben wahrscheinlicher. In der Euro-Krise ist das Gefühl für große Zahlen ins Rutschen gekommen. Deshalb lohnt der Vergleich der Billion für die Energiewende mit der Staatsverschuldung Deutschlands, die doppelt so hoch liegt. Die gut zwei Billionen Schulden wurden jedoch über Generationen hinweg aufgebaut.

Solange zu Festpreisen gefördert wird, lädt der Staat das Preisrisiko beim Stromverbraucher ab

So wie gedankenlose Staatsverschuldung die Eurozone ins Wanken gebracht hat, könnte die Energiewende Deutschland in die Krise führen, wenn sie nicht nachhaltig finanziert wird. Die größte Gefahr für den nicht-subventionierten Stromkunden ist die fehlende Bindung an den Marktpreis für Strom. Solange zu Festpreisen gefördert wird, lädt der Staat das Preisrisiko beim Stromverbraucher ab. Hausbesitzer und Ökoinvestoren können sich dagegen absichern, indem sie selbst auf das Subventionskarussell aufspringen, alle anderen nicht.

Als wären die schiefen Anreize im Fördersystem nicht schlimm genug, stellen nun auch noch Umwälzungen am Weltenergiemarkt die Finanzierbarkeit der Energiewende in Frage. Die Annahme, dass sich aufgrund steigender Preise für fossile Energie die hohen Strompreise der Energiewende künftig wie von selbst rechnen, kann sich ins Gegenteil verkehren. In den Vereinigten Staaten, Argentinien, Russland, Polen oder Australien wurden riesige Öl- und Gasreserven in Schiefergestein entdeckt. Mit dem ökologisch strittigen Fracking wird nun Gas und Öl in großem Stil gefördert. Amerika wird dadurch vom größten Verbraucher zu einem der größten Öl- und Gaslieferanten mit gravierenden strategischen und wirtschaftlichen Folgen für die Welt. In langfristig sinkenden Energiepreisen sieht Präsident Obama den Hebel für die Reindustrialisierung Amerikas. Damit wird nicht nur die deutsche Industrie zu kämpfen haben, sondern auch der Stromkunde. Wenn international der Strompreis sinkt, wird für den Verbraucher der Erfolg der Energiewende noch unheimlicher - weil teurer.

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Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 20.02.2013, 18:58 Uhr

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