02.11.2009 · Frust im Beruf? Vorsicht, es kann der Anfang einer Krankheit sein. Bei welchen Symptomen es brenzlig wird, wissen Ärzte gut. Jetzt müssen nur noch die Arbeitnehmer lernen, sie zu erkennen. Machen auch Sie mit - beim interaktiven FAZ.NET-Stresstest.
Von Melanie AmannSind die Deutschen hartleibiger als die Franzosen? Sind sie besser gewappnet gegen beruflichen Stress, Umwälzungen im Betrieb, ungewohnte Herausforderungen? Man könnte es fast denken angesichts der jüngsten Ereignisse im Nachbarland. Immer wieder gingen dort Meldungen über „Selbstmord-Serien“ von Arbeitnehmern durch die Medien. In den Freitod gingen Mitarbeiter des Autobauers Renault, der Bahngesellschaft SNCF, des Atomkonzerns Areva. Bei France Télécom zählten Gewerkschafter 25 Selbstmorde in nur 20 Monaten.
Menschen nahmen sich in ihren Büros das Leben oder auf dem Werksgelände. Und in den Abschiedsbriefen klagten sie über Stress und Druck am Arbeitsplatz. Frankreichs Wirtschafts- und Sozialrat spricht von bis zu 400 arbeitsbedingten Selbstmorden im Jahr.
Zwar rufen die Statistiker zur Ruhe: Die Belegschaften der betroffenen Unternehmen seien riesig und die Suizidrate insofern noch klein. Aber die Debatte bleibt.
Hierzulande sind Selbstmordserien zumindest nicht bekannt, weder den Arbeitgeberverbänden noch den Gewerkschaften und ihrer Hans-Böckler-Stiftung und auch nicht den Psychologen oder Betriebsärzten. Aber gesund ist es trotzdem nicht, das Büroleben der Deutschen: „Dauerstress“ will die Böckler-Stiftung gemessen haben. Eine Umfrage unter Betriebsräten zeige, dass in 84 Prozent der Betriebe große Teile der Mitarbeiter ständig unter hohem Zeit- und Leistungsdruck stehen. Der AOK-Bundesverband meldete 2008, dass die Fehlzeiten wegen psychischer Krankheiten seit 1995 um 80 Prozent gestiegen seien. Fast jede dritte Frühverrentung wird inzwischen mit psychischen Leiden begründet. (Zum interaktiven FAZ.NET-Stresstest: Wie groß ist Ihr Frust im Beruf?)
Zahl der Therapeuten um 85 Prozent gestiegen
Kein Wunder, heißt es bei den Arbeitgeberverbänden: In den vergangenen zehn Jahren sei auch die Zahl der Therapeuten um 85 Prozent gestiegen. Die Leute horchten mehr in sich hinein und gingen öfter aus Seelenpein zum Arzt, über psychische Krankheiten zu sprechen sei salonfähig geworden.
Außerdem zeichneten die Zahlen der Krankenkassen ein verzerrtes Bild, warnt die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA): denn sie erfassten ja alle Versicherten, auch Arbeitslose. Und gerade die seien besonders anfällig für psychische Leiden: „Arbeitnehmer fühlen sich seltener gestresst als Hausfrauen“, meldet die BDA. „Berufstätigkeit wirkt insgesamt sehr positiv auf die psychische Gesundheit.“
Trotzdem haben die Arbeitgeber die „Psyche als Produktivitätsrisiko“ erkannt und sehen, dass der Beruf auch krank machen kann. In Frankreich lässt sich France Télécom die Stressprävention jetzt eine Milliarde Euro kosten. Deutsche Mitarbeiter in großen Unternehmen können Hotlines anrufen, Fragebögen zum Selbsttest ausfüllen (siehe Test) oder um Termine beim Betriebspsychologen bitten.
Dafür müssen sie aber erst einmal merken, wie es um sie steht. „Es gilt, ungute Gefühle zu erkennen und zu bekämpfen, bevor ernsthafte psychische Probleme entstehen“, sagt Mirjam Gollenia, Psychotherapeutin und Coach in Hamburg. „Die Betroffenen verdrängen ihr Unwohlsein oft zu lang.“ Das können Schlafstörungen, Rückenschmerzen, Grübeleien, fehlende Motivation sein. Wer sich aufrafft, fragt vielleicht beim Betriebsarzt wegen Schmerzen nach Krankengymnastik, aber die Psyche bleibt ungeheilt.
Und die Betriebsärzte verstehen auch nicht immer sofort, gesteht Anette Wahl-Wachendorf, Vorsitzende des Betriebsärzteverbandes. Der Verband mahnt seine Mitglieder, die Symptome stärker zu beachten und auf die Branche zugeschnittene Fragebögen einzusetzen, um den seelischen Zustand der Mitarbeiter besser zu erfassen.
Netz der Ärzte hat viele Lücken
Das Netz der Ärzte hat aber auch noch viele Lücken. Im Dienstleistungssektor, der keine Pflichtuntersuchungen kennt, bleiben viele psychisch Kranke unerkannt. „Die Betroffenen sind sich oft nicht bewusst, wie stark ihr Gefühlsleben von ihren Arbeitsbedingungen geprägt wird, und suchen die Schuld bei sich selbst“, sagt Thomas Rigotti, Arbeitspsychologe an der Universität Leipzig.
Ratgeberbücher suggerieren auch noch, dass jeder Job gleich frustanfällig sei. So bleibt der Genervte lieber, wo er ist – und aus Frust wird Krankheit. „Besser ist es, in einem ersten Schritt ehrliche Ursachenforschung zu betreiben, ob das Privat- oder das Berufsleben einen unglücklich macht“, sagt Rigotti. Im zweiten Schritt gelte es, die Kontrolle zurückzugewinnen: durch Gespräche mit Vorgesetzten, aber auch durch den Abschied von übersteigerten Erwartungen an sich selbst.
Die Persönlichkeit des Mitarbeiters und die Kultur des Unternehmens entscheiden maßgeblich darüber, wie resistent Arbeitnehmer gegen psychische Belastungen sind, beobachten Psychologen und Ärzte. Bildungsgrad, Geschlecht, Alter oder Branche seien eher unwichtig. „Zeitarbeitskräfte verkraften den häufigen Arbeitsplatzwechsel oft erstaunlich gut“, sagt Anette Wahl-Wachendorf, „dagegen ist im stabilen öffentlichen Dienst die Frustrationsrate sehr hoch.“
Wichtiger als die Branche sei, ob das private Umfeld stimme, ob die beruflichen Sorgen von einer stabilen Familie aufgefangen würden. Insofern haben die Fachleute doch Risikobranchen ausgemacht, nämlich die, in denen viel gereist wird, wo viele Singles arbeiten und wenig gelobt wird. Kurz: wo die Risiken geballt auftreten.
„Besonders gefährdet sind die humanen Dienstleistungen, also Lehr- oder Pflegeberufe“, sagt Thomas Rigotti. Wie die Finanz- und Wirtschaftskrise den Arbeitnehmern aufs Gemüt schlägt, ist noch nicht erforscht. Aber die Fachleute wagen einen Blick in die Zukunft: Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass bis 2020 psychische Störungen mit Abstand die wichtigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit werden.
Zum interaktiven FAZ.NET-Stresstest: Wie groß ist Ihr Frust im Beruf?
Melanie Amann Jahrgang 1978, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Jüngste Beiträge
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.368,84 | −1,82% |
| Dow Jones | 12.419,90 | −1,28% |
| EUR/USD | 1,2366 | −0,03% |
| Rohöl Brent Crude | 103,25 $ | −3,37% |
| Gold | 1.540,00 $ | −2,50% |
Anonym bewerben? Ist das gut?