Für die deutschen Kernkraftwerke spricht ein handfester Grund: Sie sind da, und sie funktionieren. Wenn sie nicht funktionieren, weil sie falsche Dübel haben, werden sie abgeschaltet und repariert.
Damit sind Atomkraftwerke an sich noch keine Lösung für die Zukunft. Irgendwann in den nächsten 300 Jahren geht uns wohl das Uran aus. Aber bis dahin ist ja noch ein bisschen Zeit. Außerhalb Deutschlands wird diese Forschung vorangetrieben. Entwickelt werden Reaktoren der vierten Generation, die Kernschmelzen unmöglich machen. Andere Wissenschaftler beschäftigen sich damit, die Lebenszeit der radioaktiven Abfälle deutlich zu verkürzen, was die Sicherheitsanforderungen an die Endlagerstätten reduzieren würde.
Kernenergie kann die globale Versorgung nicht sichern
Doch zur erfolgreichen Strategie der Kernkraftgegner in Deutschland gehörte es stets, die Zukunftsfähigkeit der Kernkraft zu eliminieren – mit zwei Methoden: die technische Lösung der riesigen Endlagerproblematik politisch zu blockieren und die Forschung zu stoppen. Die nächste Stufe in der politischen Strategie ist es dann, die Zukunftsfähigkeit anzuzweifeln, von Schrottreaktoren und der offenen Endlagerproblematik zu reden. Das ist die hohe Kunst der politischen Dialektik, aus der es kein Entrinnen gibt.
Die Kernenergie kann die globale Energieversorgung nicht sichern. Dafür gibt es viel zu wenige Atomkraftwerke. Um diese Frage zu lösen, wird man auf regenerative Energien und – das ist durchaus schmerzhaft – auf Kohle bauen müssen. Aber Zeit zu kaufen ist gewiss keine schlechte Idee. Das geht mit Kernkraft.
Ohne Kernkraftwerke wird der Strom langfristig teurer
Damit ist man bei der Idee, die Laufzeiten der Reaktoren zu verlängern. Das ruft die Kraftwerksgegner wieder auf den Plan mit dem listigen Argument, dass längere Laufzeiten der Kernkraftwerke den Strom nicht billiger machen. Das mag stimmen. Aber: Ohne Kernkraftwerke wird der Strom langfristig teurer. Wenn Bundesumweltminister Sigmar Gabriel das bestreitet, leistet er einen Beitrag zur Volksverdummung.
Auf dem Strommarkt bestimmt das letzte Kraftwerk, das die Nachfragespitze deckt, den Preis. In der Regel sind das Gaskraftwerke, die teurer Strom erzeugen als Atommeiler, dafür aber schnell zugeschaltet oder abgeschaltet werden können. Wenn also Atomkraftwerke vom Netz genommen werden, bleiben Gaskraftwerke immer noch die letzten Kraftwerke, deren Erzeugungskosten die Preisuntergrenze bestimmen. Es ändert sich also nichts am Preis. Kurzfristig.
Eine Knappheit der neuen Dimension droht
Doch wenn diese kurze Frist verstrichen ist, dann müssen und werden die Energieversorger ihren vollen Erzeugungskosten hereinholen, wie es jedes Unternehmen tun muss. Die neuen Kraftwerke, die Atomkraft ersetzen, produzieren Strom auf jeden Fall teurer als abgeschriebene AKWs, die mit 2,5 bis 4,5 Cent je Kilowattstunde auskommen. Langfristig bestimmen die vollen Erzeugungskosten die Preisuntergrenze des Stroms. Das gilt für jede Industrie und auch die Versorger.
Das zweite Argument: Die Preisobergrenze hängt stark von der Knappheit und der Nachfrage ab. Ein realistisches Szenario sieht so aus: Die Kernkraftwerke in Deutschland gehen vom Netz, gleichzeitig werden die als Ersatz geplanten Kohlekraftwerke durch Bürgerinitiativen blockiert. Schließlich wird der Stromimport aus Nachbarländern teuer, weil dort auch Kraftwerke fehlen.
Die Konsequenz ist eine Knappheit der neuen Dimension. Dann wird Deutschland mit Stromausfällen kalkulieren müssen und mit Höchstpreisen. Die Kraftwerksgegner haben noch nicht verraten, wie sie diese Bedrohung vermeiden.
Diese unaufgeregte, pragmatische Vernunft ...
Peter Zentner (Caterwaul)
- 12.07.2008, 20:23 Uhr