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Streit um Herbizid : Glyphosat, angezählt

Die Schmetterlinge sollen leben: Protest einer europäischen Bürgerinitiative gegen Glyphosat. Bild: dpa

Ein brisantes Thema der vergangenen Jahre könnte in der kommenden Woche ein Ende finden. In Brüssel stimmen die Staaten über die weitere Zulassung für das Herbizid ab. Bleibt Deutschland Enthaltungsweltmeister? Die Befürworter von Glyphosat in der EU werden weniger.

          Glyphosat ist wahrscheinlich krebserregend. Zumindest in hoher Dosierung für Mäuse. Für Verbraucher birgt es bei üblicher Verwendung kein Gesundheitsrisiko. Es erspart Landwirten den Pflug und es trägt dazu bei, Bodenerosion zu verhindern. Glyphosat trägt aber auch dazu bei, dass Landwirte Ackerbau mit Brachialmethode betreiben, dass sie nicht groß nachdenken müssen, was sie tun, denn das Mittel tötet jedes Unkraut. Glyphosat trägt dazu bei, dass der Strukturwandel sich beschleunigt. Glyphosat ist in den meisten Lebensmitteln nachzuweisen, die Getreide oder Milch enthalten. Aber in so geringen Mengen, dass Toxikologen zum Verzehr raten. Glyphosat, aus Flugzeugen über das Land versprüht, wird jedoch in Südamerika mit Krebserkrankungen und organischen Missbildungen bei Kindern in Verbindung gebracht.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Hendrik  Kafsack

          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Alles das ist wahr. Und so verwirrend vielseitig. Informationen von erschreckendem bis harmlosem Gehalt – von der guten Eignung bis zum Krebs- und Todesmittel. Und das war nicht alles. In dieser Woche, der Woche der Wahrheit, der Woche vor der erwarteten Entscheidung über die Zukunft des Herbizids in Brüssel, wurden noch mehr Informationen gestreut. Weiter lässt sich nun sagen: Mitarbeiter von Monsanto behaupteten in internen E-Mails, das amerikanische Unternehmen hätte wissenschaftliche Studien über seine „Cashcow“, also sein sehr einträgliches Produkt, selbst mitverfasst. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und die EU-Behörde Efsa gerieten unter den Beschuss der Grünen und der österreichischen Nichtregierungsorganisation Global 2000.

          Die hatte den Bericht des BfR durch eine Plagiatssoftware gejagt – und viele rot gefärbte Seiten gefunden. Zwar ist diese Beobachtung bemerkenswert, aber auch wenig sinnvoll: Denn es handelt sich nicht um die Übernahme geistigen Eigentums, auch nicht um eine wissenschaftliche Veröffentlichung. Der BfR-Bericht war bloß eine behördeninterne Kommunikation mit der EU-Schwesterbehörde Efsa. Das Vorgehen, dass Hersteller nach standardisierten Vorgaben die Studien selbst in Auftrag geben und durchführen lassen: kein Einzelfall, sondern der Standard in der Pharma- und Chemieindustrie.

          Eine Entscheidung trotz Interessenskonflikt

          Und auch wurde klar, dass auch die Klage gegen Glyphosat ein dickes Geschäft ist: Christopher Portier, als Biostatistiker der schärfste wissenschaftliche Gegner des Glyphosat, beriet amerikanische Kanzleien, die lukrative Sammelklagen gegen Monsanto anstrengen. Portier aber hatte 2015 auch an einer Studie der Krebsforschungsbehörde der Weltgesundheitsorganisation, IARC, mitgewirkt. Diese Studie wiederum nutzte eine der Kanzleien als Werbemittel für ihre Sammelklage.

          Auf Basis dieser verschlungenen Interessenlage und vielseitig ruinierten Vertrauens müssen die EU-Mitgliedstaaten in der kommenden Woche entscheiden, ob Glyphosat in Europa eine Zukunft hat. Die Zeit drängt. Am 15. Dezember läuft die Frist für die Verlängerung der Glyphosat-Zulassung ab. Gibt es bis dahin keine Entscheidung der EU, müssen die europäischen Landwirte von Anfang des nächsten Jahres an auf andere Pflanzenschutzmittel zurückgreifen. Am kommenden Mittwoch tritt der „Scopaff“, der Ausschuss für Pflanzen-, Tier-, Lebensmittel- und Futtersicherheit, wieder zusammen, um über die Verlängerung der Glyphosat-Zulassung für weitere zehn Jahre zu entscheiden.

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