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Streit über den Haushalt Sparen an der Bildung - aber richtig

24.05.2010 ·  Geldmangel ist nicht das größte Problem im deutschen Bildungswesen. Es regiert der Wildwuchs. Zu viel Geld wird da ausgegeben, wo es gar nicht viel bringt. Das schadet vor allem den Kindern armer Leute.

Von Winand von Petersdorff
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Hessens gerissener Ministerpräsident Roland Koch hat sich mit Kalkül einer heiligen Kuh genähert: Der Bildung. Er hat nicht nur für Kürzung der Bildungsausgaben plädiert, sondern in Europas großer Staatsschuldenkrise das zentrale Merkel-Ziel in Frage gestellt: Die Kanzlerin will bis 2015 die Ausgaben für Bildung und Forschung von sechs Prozent auf dann zehn Prozent der volkswirtschaftlichen Gesamtleistung steigern.

Heimlich hat der Hesse gleichzeitig eine Mehrheit der Länder gegen Bafög-Steigerungen und Stipendien organisiert. So fand er in Angela Merkel und Bildungsministerin Annette Schavan nun Parteifreundinnen fürs Leben. „Wer jetzt für die Kürzung des Bildungssystems plädiert, versündigt sich an der Zukunft“, maßregeln sie Koch: An Bildung dürfe man nicht sparen, man müsse investieren.

Das klingt eingängig und ist falsch. Man kann ohne Verluste sparen, wie eine erste Überlegung ergib: Bildung ist eine Veranstaltung des Staates, und der neigt stets zur Verschwendung. Nichts illustriert das besser als das seltsame Ziel, die Ausgaben bis 2015 zu erhöhen. Kommt es der Politik nicht mehr auf die Erträge an?

Der Zusammenhang zwischen Geld-Input und Bildungs-Output ist nicht trivial. Der Bildungssektor hat schon länger ein Problem, die zusätzlichen Millionen, die zuletzt flossen, gescheit unterzubringen. So wissen Hochschulrektoren nicht, wie sie die Millionen aus der Exzellenzinitiative der Bundesregierung einsetzen sollen. Die Bildungsmanager zittern schon vor der Evaluierung der Ergebnisse, berichtet ein renommierter Ökonomieprofessor. Seinen Namen will er lieber nicht publiziert sehen. Er muss zurück zur Universität.

Die Gleichung „viel Geld gleich viel Bildung“ geht nicht auf. „In den meisten Bildungsbereichen können wir keinen wissenschaftlichen Zusammenhang zwischen eingesetzten Mitteln und Bildungserfolg herstellen“, sagt Bildungsökonom Ludger Wößmann und entzaubert beispielhaft eine der gängigsten Ideen für bessere Bildung. Es ist jene der Verkleinerung der Klassen. Hier sind die wissenschaftlichen Ergebnisse eindeutig: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Klassengröße und Lernerfolg. Der brutal klingende Umkehrschluss lautet: Wenn die Schulen ihre Klassen etwas vergrößern, können sie Personal einsparen, ohne der Bildung zu schaden. Der Satz, Geld macht nicht klüger, gilt lokal wie global. Die Pisa-Sieger haben häufig sogar weniger Geld als Deutschland ausgegeben.

Geldmangel ist nicht das größte Problem

Man möchte es kaum laut sagen: Geldmangel ist nicht das größte Problem im deutschen Bildungswesen. Es hat zwei andere gewaltige Defizite: Es ist ungerecht und ineffizient. Beide Themen hängen zudem eng zusammen. Wir haben schlechtes Timing bei Bildungsinvestitionen und treffen nicht den, der es am nötigsten braucht und am meisten profitiert.

Der Ökonomie-Nobelpreisträgers James Heckman hat die Binsenweisheit „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr!“ auf wissenschaftliche Füße gestellt und in Ökonomen-Sprache übersetzt: Investitionen in die frühkindliche Bildung stiften dramatisch höhere Renditen als Investitionen in späteren Bildungsphasen eines Heranwachsenden, hat er nach Auswertung einer legendären Langzeitstudie herausgefunden. Und die Wirkungen sind besonders groß bei Kindern aus benachteiligten Familien. Anders gesagt: Je früher im Leben wir vom Schicksal benachteiligte Kinder fördern, desto größer ist die Aussicht auf Erfolg. Und desto billiger wird es für die Gesellschaft (siehe Grafik). Umgekehrt: Je später wir uns um die Entwicklungschancen von Menschen kümmern, desto teurer wird es - und umso aussichtsloser. Die Krippen-Studie der Bertelsmann-Stiftung bestätigt die Ergebnisse für Deutschland: Krippen-Kinder machen eher Abitur, vor allem die Sprösslinge aus bildungsfernen Milieus profitieren.

Bei niemandem sind die Investitionen besser angelegt als bei einem Baby aus sozial schwierigen Verhältnissen. Kaum eine andere staatliche Ausgabe macht sich so bezahlt wie Krippen und Hebammen in den ersten Lebensmonaten für die vernachlässigten Kinder überforderter Eltern. Hebammen bringen womöglich sogar mehr für die Bildung als Professoren, mutmaßt der Bildungsökonom Friedhelm Pfeiffer.

„Denn wer da hat, dem wird gegeben werden“

Denn offenbar funktioniert der Bildungserwerb nach dem sogenannten Matthäus-Prinzip: „Denn wer da hat, dem wird gegeben werden.“ Wer schon als Säugling eine stimulierende, stärkende und schützende Umgebung hatte, kann künftige Bildungsangebote besser ausbeuten. Er hat größere Lernraten als der vernachlässigte Altersgenosse. Zugespitzt bedeutet es: Der Behütete bezahlt einmal Steuern, der andere darbt in der Arbeitslosigkeit und beansprucht Transfers. Im schlimmen Fall wird er kriminell. Nach neuen Studien werden früh vernachlässigte Kinder sogar häufiger krank und produzieren Gesundheitskosten. „Investieren ist besser als reparieren“ sagt Jörg Dräger, Geschäftsführer der Bertelsmann-Stiftung. Und viel billiger.

Das begründet ökonomisch das frühe Eingreifen des Staates, die komplette Schutzlosigkeit der Kinder erzwingt es geradezu. „Babys können sich schließlich keine guten Eltern kaufen“, sagt Pfeiffer.

Doch die staatlichen Investitionspläne Deutschlands folgen einer anderen Logik: Wenig Geld kommt früh und trifft den Nachwuchs der Besserverdiener, viel mehr Geld kommt später und trifft dann ebenfalls diese privilegierten Kinder. Ein Ergebnis der Fehlallokation ist, dass fast ein Viertel der 15-Jährigen in Deutschland nicht richtig lesen, schreiben und rechnen können.

Mittelschicht setzt sich durch

Die Ausbaupläne für Kindergärten und Krippen helfen da im Moment noch zu wenig: Das erste Ziel ist, gut ausgebildeten Paaren die Entscheidung für ein Kind zu erleichtern. Klassische Krippen grenzen die sozial schwache Familien sogar aus, wissen Praktiker. Die Leiterinnen wollen keinen Ärger mit schwierigen Eltern. Zudem setzen sich die besser ausgebildeten Eltern im Wettstreit um rare Krippenplätze mühelos gegen die Konkurrenz aus dem Hartz-IV-Milieu durch. Und gelegentlich bekommen langzeitarbeitslose Eltern gar keine Ganztagsbetreuung. Sie haben ja Zeit, um auf die Kleinen aufzupassen.

Die Mittelschicht sichert sich die Bildungsinvestitionen im frühen und im späten Bildungsstadium. Aus ihr kommen die Begabten, die mit Stipendien der klassischen Förderwerke Konrad-Adenauer-Stiftung oder Cusanus-Werk ins Studium gehen. Deren Mittel wurden seit 2005 um mehr als 50 Prozent aufgestockt. Die Kraft der besseren Kreise kennt der hessische Ministerpräsidenten Roland Koch bestens, seit er vor den Protesten gegen die Studiengebühren klein bei gab. „Eine Kapitulation vor der Selbstbedienungsmentalität der Mittelschicht“, nennt der Ökonom Axel Börsch-Supan das. Den Armen nützt das freie Studium wenig, denn ihre Kinder kommen in der Regel nicht so weit.

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Jahrgang 1963, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.

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