29.11.2009 · Naiv wäre es anzunehmen, jedes anonyme Baby sei aus einer dramatischen Notlage heraus abgegeben worden. Babyklappen sind allenfalls gut gemeint. Die Empfehlung des Ethikrates, sie zu schließen, ist nicht nur moralisch und juristisch weise, sie ist auch ökonomisch geboten.
Von Rainer HankDer deutsche Ethikrat, ein Beratungsgremium des Gesetzgebers, hat vergangene Woche in einer spektakulären Stellungnahme empfohlen, alle Babyklappen in Deutschland zu schließen. Die öffentliche Empörung seither ist groß: 72 Prozent der Deutschen halten laut einer Umfrage den Rat des Gremiums nicht für eine weise Empfehlung.
Worum geht es? Babyklappen, von denen es mittlerweile 80 in Deutschland gibt, funktionieren alle ähnlich: Nach Druck auf einen Knopf an der Außenwand eines Krankenhauses öffnet sich eine Tür, hinter der ein auf 36,9 Grad beheiztes Wärmebettchen wartet. Mütter können dort ihr Neugeborenes anonym abgeben, ein Angebot, welches verhindern soll, dass das Baby getötet oder ausgesetzt wird.
Die Babyklappen erfüllen ihren Zweck nicht
Babyklappen sollen Leben retten. Was ist daran verwerflich? Zunächst ist es die Empirie, die der Rat für sich in Anspruch nimmt. Zwar wurde seit Einführung der Babyklappen mehr als 500 Findelkindern das Leben geschenkt. Doch gleichzeitig ist die Zahl der von ihren Müttern getöteten Neugeborenen nicht zurückgegangen, sie ist sogar gewachsen. Mit anderen Worten: Die Babyklappen erfüllen ihren Zweck nicht. Psychologen können das erklären: Mütter, die ihr neugeborenes Kind töten, sind nicht identisch mit Frauen, die imstande sind, ihr Baby an der Klappe abzugeben. Kindsmörderinnen handeln im Affekt und wollen ihre Schwangerschaft ungeschehen machen.
Doch kann die Babyklappe, selbst wenn sie ihren Hauptzweck nicht erfüllt, gleichwohl sinnvoll sein? Nein, sagt die Mehrheit des Ethikrats und hat gute Argumente. Babyklappen sind ethisch und rechtlich problematisch, weil sie das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Herkunft und auf die Beziehung zu seinen Eltern verletzen. Wer meint, das könne man als Preis der Rettung in Kauf nehmen, der weiß nicht, wie dramatisch die Anonymität für Kinder wie für Mütter ist. Mütter fühlen sich oft ein Leben lang schuldig, als hätten sie versagt, weil sie ihr Kind verlassen haben: Viele leiden unter schweren Depressionen. Für tätige Reue ist es zu spät, denn es gibt keine Chance, das Kind je wiederzusehen. Und für die Kinder bleibt es aussichtslos, auf die Suche nach ihren Eltern zu gehen. Sie bleiben mit ihren Selbstzweifeln, mit Wut, Scham und Ohnmacht für immer allein.
Jedes Angebot schafft sich seine Nachfrage
Die Einführung der Babyklappen erfüllt das Saysche Gesetz der Ökonomie. Seine Kurzform lautet: Jedes Angebot schafft sich seine Nachfrage. Oder, etwas brutaler formuliert: Mit Babyklappen werden (zumindest auch) künstlich erst Findelkinder produziert, denen man das Trauma der ungewissen Herkunft zumutet.
Kein Wunder, dass es jetzt insbesondere die neu entstandene Branche der Babyklappen-Betreiber ist, die gegen die Empfehlung des Ethikrates Sturm läuft. Denn naiv wäre es anzunehmen, jedes anonyme Baby sei aus einer dramatischen Notlage heraus abgegeben worden. Den Einzelfall kennt man ja eben gar nicht.
Mehr noch. Die Babyklappe setzt falsche Anreize für Mütter: Sie erlaubt es, Verantwortung zu delegieren. Den Preis, den sie später dafür zahlen werden, kennen sie noch nicht. Selbst wenn, was sich statistisch schwer nachweisen lässt, durch die Existenz der Klappen weniger abgetrieben würde, wäre nur ein Übel durch ein anderes ersetzt, welches sich freilich nicht sofort mit all seinen negativen Folgen offenbart. Kurzum: Babyklappen sind allenfalls gut gemeint. Die Empfehlung des Ethikrates, sie zu schließen, ist nicht nur moralisch und juristisch weise, sie ist auch ökonomisch geboten.
Welche Alternativen der Ethikrat empfiehlt
Rainer Hank Jahrgang 1953, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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