Aufruhr in Amerikas Unterhaltungsmetropolen: Die Streiks in Hollywood und am Broadway gehen immer mehr ins Geld. Sowohl die amerikanische Film- und Fernsehindustrie als auch der New Yorker Theaterbezirk Broadway werden nun seit mehreren Wochen von Arbeitskämpfen erschüttert, die den Betrieb beeinträchtigen oder gar ganz lahmlegen.
In Hollywood streiken die Drehbuchautoren, am Broadway sind es die Bühnenarbeiter. Allein die Stadt Los Angeles mit ihrem berühmten Filmzentrum verliert durch gestoppte Film- und Fernsehproduktionen jeden Tag 21,3 Millionen Dollar an Einnahmen, schätzt die Organisation Film L.A. Der Streik betrifft freilich die gesamte Filmindustrie in Amerika, neben Los Angeles haben auch die Autoren in anderen Filmmetropolen wie New York die Arbeit niedergelegt. Den Schaden des Broadway-Streiks für die einheimische Wirtschaft beziffert die Stadt New York auf 2 Millionen Dollar am Tag. Sowohl in der Filmindustrie als auch am Broadway stehen sich die Fronten bislang unversöhnlich gegenüber, und es ist völlig offen, wann die Streiks ein Ende finden könnten.
Ohne Bühnenarbeiter gibt es keine Vorstellung
Gerade am Broadway sind die Auswirkungen des Streiks unmittelbar zu spüren: Während die Film- und Fernsehindustrie zum Teil noch von schon abgegebenen Drehbüchern zehren kann, kamen die Broadway-Shows mit Beginn des Streiks zu einem jähen Halt, weil es ohne Bühnenarbeiter auch keine Vorstellungen geben kann.
Der Streik begann am 10. November und betrifft 27 der 35 Shows, die an den großen Broadway-Theatern rund um den New Yorker Times Square aufgeführt werden, darunter Kassenschlager wie „König der Löwen“ und „Mamma Mia“. Neben den Film- und Fernsehgiganten mit ihren Multimilliarden-Dollar-Umsätzen sind die Broadway-Shows zwar ein vergleichsweise überschaubares Geschäft: Sie haben in der im Mai zu Ende gegangenen Spielzeit 2006/07 einen Umsatz von 939 Millionen Dollar eingebracht.
Als berühmteste Theatermeile der Welt gehört der Broadway aber zu den Aushängeschildern und Touristenmagneten der Stadt - und beflügelt somit auch das Geschäft von Hotels, Restaurants, Einzelhändlern und Taxifahrern. Viele Restaurants im Umkreis des Times Square klagen in diesen Tagen über einen Besucherschwund. Zwar leidet nicht jeder unter dem Streik: So berichten zum Beispiel kleinere Theater in anderen Teilen der Stadt, die unter den Kategorien „Off-Broadway“ und „Off-off-Broadway“ geführt werden, von glänzenden Geschäften, weil sie nun als alternative Anlaufstation für die gestrichenen Shows attraktiver werden. Insgesamt ist der Effekt aber nach Schätzungen der Stadt New York klar negativ.
Flexiblerer Arbeitseinsatz der Mitarbeiter ein Knackpunkt
Der Ausstand zieht sich nun schon viel länger hin als zunächst gedacht. Der letzte Broadway-Streik im Jahr 2003 dauerte vier Tage, damals hatten die Musiker die Arbeit niedergelegt. Viele Beobachter hatten mit einer Einigung am vergangenen Wochenende gerechnet, als die Theaterproduzenten und die Gewerkschaft der Bühnenarbeiter zu neuen Verhandlungen zusammenkamen.
Der Unterhaltungsgigant Disney, der hinter einigen der großen Broadway-Produktionen wie „König der Löwen“ steht, hatte dabei eine führende Rolle übernommen und einen seiner Top-Anwälte für Arbeitsrecht aus Kalifornien einfliegen lassen. Die Gespräche scheiterten aber. Knackpunkt der Verhandlungen ist die Forderung der Produzenten nach einem flexibleren Arbeitseinsatz der Bühnenarbeiter. Bislang gibt es recht strikte Vorschriften dafür, wie viele Arbeiter wie lange beim Aufbau von Shows und bei Vorstellungen beschäftigt werden müssen.
Theater bleiben über Thanksgiving geschlossen
Die Broadway-Produzenten teilten nach dem abermaligen Scheitern der Gespräche mit, dass alle vom Streik betroffenen Shows bis zum kommenden Sonntag gestrichen werden. Das war eine Hiobsbotschaft, denn damit war klar, dass die Theater über das Thanksgiving-Fest am gestrigen Donnerstag hinaus geschlossen bleiben würden. Die Thanksgiving-Woche gehört zu den umsatzstärksten des Jahres: Im vergangenen Jahr wurden Tickets im Wert von 23 Millionen Dollar verkauft. Möglicherweise werden beide Seiten an diesem Sonntag zu neuen Gesprächen zusammenkommen.
Im Ausstand der Drehbuchautoren sind für den kommenden Montag neue Gespräche zwischen den Film- und Fernsehstudios und der Gewerkschaft fest angesetzt. Der Streik dauert nun schon fast drei Wochen. In Los Angeles und New York finden seither fast täglich Protestmärsche von Drehbuchautoren statt, oft begleitet von Film- und Fernsehstars, die sich solidarisch zeigen. Einen Streik in dieser Dimension hat es schon lange nicht mehr gegeben. Im Jahr 1988 legten die Autoren ihre Arbeit für fast ein halbes Jahr nieder, was die Branche damals Schätzungen zufolge 500 Millionen Dollar kostete. Beim Arbeitskampf geht es vor allem um Honorare für die Drehbuchautoren bei der Verwertung von Filmen und Fernsehsendungen im Internet oder auf DVD.
Dreharbeit von Johnny Depps Film ausgesetzt
Der Streik hat sich in einigen Teilen des Fernsehprogramms sofort bemerkbar gemacht: Tagesaktuell produzierte Talkshows von David Letterman oder Jay Leno kamen unmittelbar nach Streikbeginn zum Stillstand, weil die Gag-Schreiber fehlten. Nun werden Wiederholungen alter Shows ausgestrahlt. Fernsehserien laufen vorerst noch weiter, weil die Sender im Regelfall noch einige fertig produzierte Folgen auf Lager haben.
Auch das würde sich aber ändern, wenn der Streik noch lange dauert. Bei mindestens zwei Dutzend Fernsehshows wurden die Dreharbeiten schon eingestellt, darunter Publikumsrenner wie „24“ und „Desperate Housewives“. Allmählich macht sich der Streik auch bei der Produktion von Kinofilmen bemerkbar. Mittlerweile wurden die Dreharbeiten für drei Filme ausgesetzt, zuletzt in dieser Woche die Romanverfilmung „Shantaram“ mit Johnny Depp.
Finden Gewerkschaften zu alter Stärke wieder?
Die Streiks bei Film und Fernsehen sowie am Theater sind nicht die einzigen öffentlichkeitswirksamen Arbeitskämpfe zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern in jüngster Zeit in Amerika. Im September und Oktober zettelte die Autogewerkschaft UAW Streiks bei den Herstellern General Motors und Chrysler an. Die Streiks waren recht schnell wieder vorbei: Bei GM dauerte es zwei Tage, bei Chrysler sogar nur sechs Stunden, bis es zu einer Einigung kam. Trotzdem hat die Serie von Arbeitskämpfen in Amerika die Frage aufgeworfen, ob die Gewerkschaften wieder zu früherer Stärke und Aggressivität zurückfinden.
Nach Meinung von Fachleuten ist dies aber eher nicht der Fall. Im Gegensatz zu früher seien die meisten heutigen Streiks defensiver Natur: Es gehe nicht darum, den Arbeitgebern zusätzliche Leistungen abzuringen, sondern vergangene Errungenschaften zu bewahren. Gerade der Kurzstreik bei den Autoherstellern wurde sogar eher als Zeichen der Machtlosigkeit der Gewerkschaft gewertet. Beobachter meinten, der Streik habe für die UAW in erster Linie die symbolische Funktion gehabt, die Muskeln spielen zu lassen und ihr Gesicht zu wahren.