http://www.faz.net/-gqe-7479n
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 07.11.2012, 17:03 Uhr

Stolze Honorare für prominente Redner Ein Stadtwerker unter Beschuss

Peer Steinbrück bekam für eine Rede von den Stadtwerken Bochum 25.000 Euro. Joachim Gauck ebenso. Dürfen Stadtwerke so spendabel sein? Der Chef der Stadtwerke ist in Erklärungsnot.

von
© picture-alliance / augenklick/fi Bernd Wilmert

Bernd Wilmert hätte es ahnen können. Der Chef der Stadtwerke Bochum ist nicht der Erste, der wegen außergewöhnlicher Leistungen geehrt und kurz darauf in die Räder der Kritik gerät. Erst im Frühjahr ist Wilmert als Energiemanager des Jahres 2011 ausgezeichnet worden. Nun aber stehen die Stadtwerke Bochum und damit auch er schon seit Tagen unter Beschuss. Es geht um stolze Honorare, mit denen prominente Redner wie Peer Steinbrück und Joachim Gauck zum Bochumer Atrium-Talk gelockt wurden. An diesem Donnerstag ist Wilmert zur Aufsichtsratssitzung ins Bochumer Stadtwerk geladen, der Termin steht schon länger. Und auf der Tagesordnung stehen Themen, die noch schwerer wiegen könnten als der Wirbel um Steinbrücks Gage.

Dass die hochverschuldete Ruhrgebietsstadt Einzelhonorare von 25.000 Euro für einen unterhaltsamen Abend gezahlt hat, ist zwar instinktlos, aber reparabel. Die Stadtwerke haben eine Überarbeitung des Konzeptes angekündigt, mit dem seit 2008 zweimal im Jahr solche Abende veranstaltet werden. Für ein Unternehmen mit rund 450 Millionen Euro Jahresumsatz sind die von Bochumer Lokalpolitikern auf jeweils etwa 100.000 Euro veranschlagten Veranstaltungskosten kein Kraftakt, auch wenn sich die Bochumer Bürger zu Recht fragen werden, ob ein Unternehmen in dieser vom Arbeitsplatzschwund betroffenen Stadt - man denke nur an Nokia, die Opel-Werke und die Edelstahlschmelze von Thyssen-Krupp - sich solche Abende leisten sollte.

Stadtwerke Bochum zahlt Vortragshonorar © dpa Vergrößern Hauptverwaltung der Stadtwerke Bochum

Für Bochum freilich viel wichtiger ist der Bericht zur Risikolage der von ihm verantworteten kommunalen Unternehmensgruppe, den Wilmert dem Aufsichtsrat an diesem Donnerstag geben soll. Der 1952 in der Nachbarstadt Herten geborene Wilmert, der in Bochum ein wirtschaftswissenschaftliches Studium absolviert hat, ist 1992 bei den Stadtwerken Bochum zum kaufmännischen Geschäftsführer bestellt und ein Jahr später zum Sprecher der Geschäftsführung ernannt worden. Der Sechzigjährige tritt ruhig, aber bestimmt auf. Er ist als ein in der Wolle gefärbter Stadtwerke-Mensch unter anderem Präsident der europäischen Dachorganisation für kommunale Unternehmen. Ferner sind die Stadtwerke Bochum Gesellschafter im Stadtwerke-Gemeinschaftsunternehmen Trianel, Wilmert ist dessen Aufsichtsratsvorsitzender. Über seine Versorgungsgebiete hinaus hat er sich mit seinen Aktionen in privatwirtschaftlichem Gewässer früh einen Namen gemacht. Gemeinsam mit den Dortmunder kommunalen Versorgern hat er beispielsweise Eon Gelsenwasser abgekauft. Noch knapp zehn Jahre danach trägt das einst führende privatwirtschaftliche Wasserunternehmen in Deutschland über hohe Dividenden den fremdfinanzierten Kaufpreis ab.

Auch beim Stromversorger Steag sitzen Bochum und Wilmert mit im Boot. Die Stadtwerke sind mit 18 Prozent am Stadtwerkekonsortium Rhein-Ruhr beteiligt, das seinerseits Ende 2010 für 650 Millionen Euro zunächst 51 Prozent dieser Gesellschaft erwarb; einschließlich Schulden wird die Übernahme auf 3 Milliarden Euro veranschlagt. Anders als Gelsenwasser kämpft Steag mit wirtschaftlichen Problemen. Die erste Dividende musste aus den Reserven mobilisiert werden. Und auch bei dem schnell gewachsenen Gemeinschaftsunternehmen Trianel läuft es in jüngerer Zeit nicht mehr rund. Dem fast fertig gestellten Großkraftwerk in Lünen fehlen die Genehmigungen. Selbst wenn die Anlage bald in Betrieb genommen werden könnte, ist mit Gewinnen vor 2020 kaum zu rechnen.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Bundespräsident Gauck will bis Frühsommer über zweite Amtszeit entscheiden

Macht Joachim Gauck weiter oder nicht? Diese Frage bewegt das politische Berlin, doch bis jetzt war vom Bundespräsidenten kein Signal zu vernehmen. Noch vor der Sommerpause werde er sich aber erklären, sagte Gauck jetzt. Mehr

22.04.2016, 15:51 Uhr | Politik
Internationaler Roma-Tag Gauck bei Gedenken an ermordete Sinti und Roma

Mit einer Kundgebung in Berlin hat ein Bündnis von mehr als 20 Organisationen gegen die Diskriminierung von Sinti und Roma protestiert. An der Demonstration am Internationalen Roma-Tag nahmen auch Bundespräsident Joachim Gauck und Integrations-Staatsministerin Aydan Özoguz teil. Mehr

08.04.2016, 18:06 Uhr | Politik
Einigung im Tarifstreit Fast fünf Prozent mehr Gehalt für öffentlichen Dienst

Neue Streiks sind abgewendet: Die Beschäftigten von Bund und Kommunen erhalten künftig 4,75 Prozent mehr Gehalt. Im Tarifstreit der Metall- und Elektroindustrie droht dagegen die Eskalation. Mehr Von Dietrich Creutzburg, Berlin

29.04.2016, 22:02 Uhr | Wirtschaft
Tödliches Klimaphänomen El Niño, ein Satan

Dürre, Fluten, Brände – El Niño ist größer als im Katastrophenjahr ’98. Die UN befürchten Abermillionen Opfer, Länder wie Simbabwe erklären den Notstand. Sehen Sie, wie unsere Korrespondenten rund um die Welt die Situation erleben.Die UN befürchten Abermillionen Opfer, Länder wie Simbabwe erklären den Notstand. Mehr Von Joachim Müller-Jung

13.04.2016, 08:21 Uhr | Wissen
Müssen politikfähig bleiben Gauck verteidigt Abkommen zwischen EU und Türkei

Deutschland habe sich durch die Vereinbarung mit der Türkei in der Flüchtlingskrise erpressbar gemacht, sagen Kritiker. Jetzt erhält die Kanzlerin Rückendeckung von Bundespräsident Gauck. Mehr

24.04.2016, 12:50 Uhr | Politik

Grenzregime

Von Andreas Mihm, Berlin

Die deutsche Energiewende sorgt für Spannungen. Das Netz ist viel zu klein, die Nachbarn sind genervt. Es kommt auf den Netzausbau an - und den verzögern die Deutschen. Mehr 3 10


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Staatsfinanzen Was tun mit noch mehr Steuer-Milliarden?

Deutschland wird wegen der guten Wirtschaftslage wohl noch viel mehr Steuern einnehmen als gedacht. Schon beginnt der Streit, was damit geschehen soll. Mehr 14

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden