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Stiftungslehrstühle Eine Million Euro je Professur

 ·  Deutschlands Unternehmen geben für die Wissenschaft viel Geld aus, die Zahl der Stiftungslehrstühle nimmt zu. 660 solcher Lehrstühle zählt der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. Ob sich die Investition lohnt, lässt sich nicht vorhersagen.

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Über ein ungewöhnliches Weihnachtsgeschenk darf sich in diesem Jahr der Präsident der Frankfurter Fachhochschule freuen: Gerade noch rechtzeitig vor dem Fest hat ihm der Energieversorger Mainova eine Professur beschert. "Energieeffizienz und Erneuerbare Energien" wird der neue Studiengang heißen, der dank der finanziellen Unterstützung des Unternehmens zum kommenden Wintersemester erstmals angeboten werden soll.

Schon ein paar Wochen länger ist es her, dass der hessische Energiedienstleister Techem der privaten Wirtschaftshochschule EBZ in Bochum eine Professur für Energiemanagement gestiftet hat, rund 500.000 Euro lässt sich Techem dieses Engagement in den nächsten fünf Jahren kosten. Der Nahrungsmittelhersteller Danone gab schon im November bekannt, zusammen mit der European Business School in Oestrich-Winkel einen Lehrstuhl für "Social Business" einzurichten; dort gehören gleich zwei Professuren zum Stiftungspaket.

Danone, Techem und Mainova reihen sich damit in eine lange Liste von Unternehmen ein, die Deutschlands Hochschulen Stiftungsprofessuren spendieren: Insgesamt 660 solche Lehrstühle zählt der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, der im vergangenen Jahr eine Studie zu dem Thema vorgelegt hat; 41 Prozent davon werden von Unternehmen finanziert, der Rest von Verbänden, Vereinen, Einzelpersonen und Stiftungen.

Häufig: Förderdauer von fünf Jahren

Am gebräuchlichsten ist es der Studie zufolge, dass Hochschulen und Stifter zunächst eine Förderdauer von fünf Jahren vereinbaren; danach kann der Stifter sein Engagement verlängern oder die Hochschule entscheiden, die Professur aus ihrem Etat weiterzuführen. Die Einrichtung der ersten Stiftungsprofessur in Deutschland datiert der Verband in die fünfziger Jahre, erst seit Mitte der achtziger Jahre aber nehme ihre Zahl stetig zu. In der Regel geben die Stifter für die gesamte Dauer ihres Engagements je gefördertem Lehrstuhl zwischen 500.000 und 1 Million Euro aus.

Am teuersten sind mit einem durchschnittlichen Fördervolumen von 1,5 Millionen Euro wegen der anfallenden Labor- und Materialkosten Professuren in den Naturwissenschaften, in Mathematik und Informatik; vergleichsweise günstig hingegen ist es, einen rechtswissenschaftlichen Lehrstuhl zu fördern - dafür sind der Befragung zufolge im Durchschnitt nur knapp 400.000 Euro nötig. Insgesamt gaben die Unternehmen in Deutschland im vergangenen Jahr 84 Millionen Euro für Stiftungslehrstühle aus.

Wozu der Aufwand? Sind Forschung und Lehre nicht Aufgaben der öffentlichen Hand? Gleich mit einem ganzen Bündel von Gründen für die Einrichtung von Stiftungsprofessuren kontert der Energieversorger Eon solche Fragen, der sich unter anderem an der RWTH Aachen und an der TU München engagiert: Arbeitsteilung in der Forschung, Imagepflege, Nachwuchsrekrutierung und Führungskräfteentwicklung, Vorteile für Marktverständnis und -zugang sowie die Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung stehen auf der Liste. Die Techem-Manager sprechen vom Anspruch eines Marktführers an sich selbst, der Mainova-Vorstand rechtfertigt die Förderung mit dem Mangel an speziell qualifizierten Ingenieuren, Danone hält sich eine Kultur kreativer Lösungen für soziale und ökologische Problemstellungen zugute.

Daimler: „Uns geht es auch darum, Forschungsthemen zu initiieren“

"Manche Stifter verfolgen ein eher karitatives Ziel", ordnet Christian Hahner, der im Automobilkonzern Daimler für Forschungspolitik zuständig ist, die Motive ein. "Uns geht es aber auch darum, Forschungsthemen zu initiieren und zielgerichtet langfristige Kooperationen aufzubauen." Daimler fördere zurzeit acht Professuren; eine davon an der renommierten Tongji-Universität in Schanghai, die anderen an deutschen Hochschulen. In China gelte es nicht zuletzt, aus erster Hand Erfahrungen mit dem dortigen Forschungs- und Hochschulsystem zu sammeln; in der Regel aber gäben inhaltliche Aspekte den Ausschlag für die Förderung. "Wir wollen den Forschungsstandort Deutschland vorwettbewerblich so gut wie möglich nutzen." Hahner verweist auf ein Beispiel aus Karlsruhe: Zusammen mit der Universität hat der Konzern dort vor zwei Jahren das "Projekthaus e-drive" gegründet und mit einer für fünf Jahre finanzierten Professur für elektrische Antriebs- und Speichersysteme ausgestattet. "Wir haben das Thema 2005 kommen sehen", begründet Hahner das Engagement auf dem Feld, das heute in aller Munde ist. "Damals gab es aber zu einigen relevanten Aspekten noch kaum Forschung hierzulande."

In Euro und Cent allerdings lasse sich der Nutzen der Wissenschaftsförderung nicht ausrechnen, schränkt Hahner ein. Während der Konzern bei der Vergabe von Forschungsaufträgen an Hochschuleinrichtungen vergleichsweise genaue Ziele setzen und daraus gewonnene Erkenntnisse je nach Vertragslage exklusiv nutzen könne, sei das für Stiftungsprofessuren anders. Hier habe die Freiheit der Wissenschaft Vorrang; nur in manchen Fällen führe eine Stiftungsprofessur zu anschließendem Projektgeschäft. Auch die Rekrutierung von Absolventen lasse sich nicht programmieren. "Einen Haus-und-Hof-Professor, der das Unternehmen mit Inhalten versorgt, sollte sich kein Stifter erwarten."

Uni Frankfurt hat einen „Stifter-Kodex“ festgelegt

Welche berechtigten Erwartungen Hochschule und Stifter haben dürfen, hat die Goethe-Universität in Frankfurt eigens in einem "Stifter-Kodex" festgelegt, schließlich ist hier die Zahl der Stiftungsprofessuren auch besonders hoch. Zurzeit finanzieren Stifter - von der Schweizer Großbank UBS über den Pharmakonzern Sanofi-Aventis bis zum Telekommunikationsanbieter T-Mobile - dort rund 40 Vollzeitprofessuren: für Finanzwissenschaft, für "Mobile Business & Multilateral Security", für chemische Biologie und vieles mehr - nicht immer lässt sich eine eindeutige Verbindung zu Geschäftsinteressen des Stifters ziehen. Ein Sprecher der Hochschule betont das hohe Innovationspotential dieser Stellen: Durch sie würden oft zukunftsträchtige, aber noch nicht fest etablierte Forschungsfelder besetzt, für die sonst kein Geld zur Verfügung stehe; nach fünf Jahren lasse sich überprüfen, ob sich die Hoffnung auf Erkenntnisgewinn und Relevanz erfüllt hat oder nicht.

Hin und wieder sind die Ideen offenbar sogar zu fortschrittlich, um verwirklicht zu werden: Als der britische Finanzinvestor 3i vor zwei Jahren in Frankfurt eine Professur für Private Equity einrichten wollte, scheiterte dieser Plan mangels geeigneter Kandidaten für die Stelle. Zuvor allerdings war das Vorhaben in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert worden. Kritiker befürchteten, ein als "Heuschrecke" in Verruf geratener Akteur wolle die Wissenschaft für seine Zwecke instrumentalisieren. Dieser Vorstellung tritt der Stifterverband entgegen: Weder auf das Berufungsverfahren noch auf die wissenschaftliche Praxis wollten sie Einfluss nehmen; stets entscheide nur die Hochschule selbst, ob sie eine Professur tatsächlich einrichte oder nicht. Und dass der Staat seine Verantwortung für Forschung und Lehre an die Wirtschaft abgibt, lässt sich angesichts der aktuellen Situation auch nicht behaupten: Zwar öffnen sich die Unternehmen seit der Jahrtausendwende zunehmend dem Bildungssponsoring, zwar nimmt die Zahl der Stiftungslehrstühle zu. Noch aber machen die 660 gestifteten ganze 2 Prozent aller Professuren in Deutschlands aus.

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Jahrgang 1978, Redakteur in der Wirtschaft.

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