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Dienstag, 18. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Stiftung Warentest "Wir wollen niemanden an den Pranger stellen"

 ·  Die Stiftung Warentest feiert ihren vierzigsten Geburtstag. Und will künftig auch die soziale und ökologische Verträglichkeit der Produktion bewerten.

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Nur ausgewählte Gäste sind mit von der Partie, wenn an diesem Samstag abend die Stiftung Warentest in Berlin ihren 40. Geburtstag feiert. Und dazu zählt an vorderster Stelle Bundesverbraucherschutzministerin Renate Künast (Grüne). Ihr ist die Stiftung besonders dankbar. Denn sie hat mit dem Ansinnen des früheren Bundeswirtschaftsministers Werner Müller (parteilos) aufgeräumt, der Stiftung den Geldhahn zuzudrehen.

Müller wollte die staatlichen Zuschüsse kürzen und dafür der Stiftung erlauben, in ihre Zeitschriften "Test" und "Finanztest" Anzeigen aufzunehmen. Er selbst mußte schon dem starken Widerstand der um ihre Unabhängigkeit fürchtenden Verbraucherschützer nachgeben und statt der Zuschüsse seine Kürzungen zurücknehmen. Aber erst Künast hat den alten Zustand wiederhergestellt, wonach der Haushalt der Stiftung zwar zu knapp 90 Prozent aus Eigenmitteln finanziert werden muß, man aber aus dem Bundeshaushalt doch einen Zuschuß von etwa 10 Prozent der Aufwendungen bekommt. Der Etat der Stiftung Warentest belief sich 2003 auf 51 Millionen Euro, davon wurden 43 Millionen Euro selbst erwirtschaftet.

Künftig auch soziale und ethische Kriterien

Die eigenen Mittel stammen vor allem aus Zeitschriftenumsätzen, 23 Millionen Euro aus dem Verkauf der Zeitschrift "Test" und 13 Millionen Euro aus dem Verkauf der Zeitschrift "Finanztest". Hinzu kommen der Umsatz aus Sonderheften und Büchern und zunehmend der Erlös aus dem Internetangebot, mit dem die Stiftung "deutlich mehr als eine Million Euro im Jahr erwirtschaftet", wie die Sprecherin der Stiftung, Heike van Laak, bestätigt.

So kann die Stiftung die Ausweitung ihrer Tätigkeiten auf einem zumindest mittelfristig sicheren finanziellen Fundament planen. Sie ist gerade dabei, ihre Prüfungsaktivitäten auszubauen. In Zukunft will sie nicht nur Produkte und Dienstleistungen testen, sondern auch ein Urteil darüber abgeben, ob bei der Herstellung auf die Einhaltung sozialer und ethischer Kriterien geachtet wurde. Kritiker wie Befürworter waren sofort auf dem Plan: "Sozial-Tüv" unkten die einen, "Offensive für eine gerechtere Warenwelt" frohlockten die anderen. Die Stiftung versucht, sachlich zwischen den Meinungspolen hindurchzuschiffen. "Wir wollen niemanden an den Pranger stellen", betont van Laak. Gerade bei der Beurteilung der Verantwortung für Umwelt und Soziales sei man - im Gegensatz zu reinen Produkttests - auf die Mitarbeit der Unternehmen angewiesen. Anbieter müßten ihre Lieferanten nennen und bereit sein, Prüfer in die Produktionshallen zu lassen.

Solche Tests sind sehr teuer

Der erste Testbericht ist gerade erschienen. Bei Wetterjacken wurden nicht nur die Jacken selbst getestet, sondern auch die Produktionsbedingungen zumeist in Fernost unter die Lupe genommen. Ergebnis: Der in Deutschland gerade erst durch Personalabbau in die Schlagzeilen geratene Warenhauskonzern Karstadt-Quelle achtet vorbildlich auf die Produktionsbedingungen seiner Artikel. Als einzigem Anbieter von Wetterjacken bescheinigt ihm die Stiftung, "stark engagiert" zu sein. Allerdings bekam die getestete Jacke selbst nur das Urteil "ausreichend". Daß soziales Engagement und Qualität indes auch zusammengehen können, zeigt die Jacke von Berghaus in Neuss. Das Unternehmen zeigt "deutliche Initiative" zu sozialer Kompetenz bei seinen Herstellern und bietet die beste aller getesteten Jacken an.

Solche Tests - dem ersten sollen Urteile über Lachse und deren Aufzucht sowie Waschmittel und deren Produktion folgen - sind sehr teuer. Um den Aufwand auch international zu begrenzen, arbeitet die Stiftung schon seit Jahren mit Partnerorganisationen in England, Belgien, den Niederlanden und Österreich zusammen. Die Globalisierung macht's möglich: Es gibt immer weniger nur national vertriebene Produkte. Das macht sich vor allem bei der Prüfung technisch hochwertiger Produkte bezahlt. "Bei der Prüfung von Kindersitzen kaufen wir nicht nur die Kindersitze, wir kaufen auch die Autos, die wir mit Kindersitzen vor die Wand fahren lassen", illustriert van Laak den Aufwand, den die Stiftung treibt: Sie kauft alle Testprodukte, um unabhängig urteilen zu können.

Uschi Glas ist nicht allein

Dennoch sind die Tests nicht immer unumstritten. Die jüngste Klage wurde gerade in der vergangenen Woche von der Schauspielerin Uschi Glas eingereicht, weil eine mit ihrem Namen versehene Creme ein vernichtendes Urteil der Tester auf sich zog. "Wir sehen dem Verfahren dennoch gelassen entgegen", sagte van Laak. Die Erfahrung gibt ihr recht. Zwar hat es nie an Klägern gefehlt. Allein gegen das im Jahr 2000 erschienene "Handbuch Medikamente" gingen Anbieter in 67 Fällen juristisch vor. Die meisten Einsprüche wurden aber vor Gericht zurückgewiesen. Nur in einigen wenigen Fällen mußten Bewertung oder Text des Tests geändert werden. Stolz ist die Stiftung darauf, daß sie trotz mancher Kritik in ihrer vierzigjährigen Geschichte nicht ein einziges Mal rechtskräftig zu einer Schadensersatzzahlung verurteilt worden ist. In einem Fall - es ging um Rollstühle - hat sie ein entsprechendes Urteil durch eine Berichtigung wohl vermeiden können.

Auf der anderen Seite nimmt sie für sich in Anspruch, die Hersteller zu verbraucherfreundlichem Verhalten anzuregen. Der größte Sieg der Stiftung war wahrscheinlich vor zwei Jahren die Rücknahme des neuen Preissystems der Bahn nach einem vernichtenden Urteil der Tester. Der rechtliche Boden für die nicht immer schmeichelhaften Urteile ist ein Urteil des Landgerichts Düsseldorf zu Tests des Verbrauchermagazins "DM". Die Richter sagten 1962, jeder Gewerbetreibende müsse sich einer öffentlichen Kritik seiner Leistung stellen, selbst wenn diese Kritik nachteilige Folgen für den Gewerbetreibenden haben sollte. Voraussetzung seien Objektivität der Tests, Neutralität und Sachkunde der Prüfenden.

So bekannt wie der Bundeskanzler

Dieses Urteil ebnete den Weg: Am 4. Dezember 1964 beschloß der Deutsche Bundestag die Gründung der Stiftung Warentest. Als Starthilfe wurden 400 000 DM zur Verfügung gestellt. Die Hoffnung, daß sich die Stiftung einmal selbst trägt, ist bis heute nicht aufgegangen. Was aber aufging, ist die Hoffnung auf den Erfolg. Die Stiftung hat mit 96 Prozent heute die gleiche Bekanntheit wie der Bundeskanzler.

Das war nicht immer so: Die Zeitschrift fand am Kiosk zunächst kein Interesse, ihr Einzelverkauf wurde 1967 eingestellt und erst 1971 wiederaufgenommen. Der zweite Start war dann erfolgreich. Inzwischen liegt die Auflage der Zeitschrift "Test" bei 605 000 Exemplaren und die Auflage der 1990 hinzugekommenen Zeitschrift "Finanztest" bei 307 000 Exemplaren. Inzwischen wurde der Stiftung vom Bundesgerichtshof eine volkswirtschaftlich nützliche Funktion bescheinigt.

Quelle: geg., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.12.2004, Nr. 284 / Seite 12
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