28.11.2004 · Die Stiftung Warentest ist eine mächtige Organisation. Wenn sie den Daumen senkt, fürchten Unternehmer um Millionenumsätze. Jetzt feiert die Stiftung ihren 40. Geburtstag.
Von Thiemo HeegSo richtig schmeckte der Multivitaminsaft den Testern der Stiftung Warentest nicht. Sie fanden, das Getränk sei unzulässig gezuckert. Dumm nur, daß der Paderborner Hersteller Stute gerade Aldi belieferte. Der Discounter kennt bei einem „Versagen“ seiner Lieferanten keine Gnade. „Die bekamen ihren Saft hektoliterweise auf den Fabrikhof zurückgekarrt“, erinnert sich Stiftungsmanager Peter Sieber.
Ein ähnliches Schicksal blühte dem Zubehörproduzenten Boeder. Quelle hatte Computerdisketten des Unternehmens im Angebot - genau so lange, bis die Stiftung Warentest aktiv wurde. Das Speichermedium erreichte die Note „befriedigend“. Klingt passabel, doch dieses Urteil befriedigte das Fürther Versandhaus gar nicht. Es hatte vielmehr den Rauswurf aus dem Quelle-Sortiment zur Folge.
Wirtschaftliche Macht
Die Liste solcher Vorfälle ließe sich problemlos verlängern - aber schon die beiden Beispiele machen deutlich: Die Berliner Stiftung Warentest, die in der kommenden Woche ihren 40. Geburtstag feiert, besitzt eine gehörige Portion wirtschaftlicher Macht. Ein Testurteil ist mehr als eine bloße Geschmackseinschätzung. Zwischen „gut“, „befriedigend“, „ausreichend“ oder „mangelhaft“ liegen ökonomische Welten. Genauer: viele Millionen Euro Umsatz.
Boeder etwa bezifferte die wegen der Warentest-Note weggebrochenen Umsätze auf drei Millionen Mark. Beim Fruchtsafthersteller Stute ging es um einen Streitwert von zehn Millionen Mark. Und die BASF errechnete aus einem Negativ-Urteil für ihre Videokassetten einen Schaden von 40 Millionen Mark.
Insgesamt 73.000 Produkte überprüft
Seit der Gründung 1964 hat die Stiftung bislang in 4.000 Warentests 73.000 Produkte auf ihre Qualität überprüft. Dazu gesellen sich 1.200 Tests von Dienstleistungen. Bei dieser Menge wundert es kaum, daß die Aktivitäten der Berliner auch der Justiz viel Arbeit bescherten. Alleine gegen die erste Ausgabe des „Handbuches Medikamente“ (mit mehr als 6000 Arzneien im Test) zogen Anbieter 67mal vor den Kadi. Peter Sieber spricht von insgesamt 200 „strittigen Fällen“, wobei ein „Fall“ auch mehrere Gerichtsprozesse umfassen kann.
Der „Bereichsleiter Untersuchungen“ kann für sich und die Stiftung auf den ersten Blick eine weiße Weste in Anspruch nehmen. Noch nie wurde die Stiftung Warentest von einem deutschen Richter rechtskräftig dazu verurteilt, Schadensersatz an einen Hersteller zu zahlen. Das bedeutet wiederum nicht, daß die pingeligen Prüfer zu 100 Prozent fehlerfrei arbeiten würden.
Noch gut in Erinnerung ist ein Finanztest aus dem Jahr 2002. Es ging um einen Vergleich von Produkten auf Basis der Riester-Rente. Die Tester wandten damals ein falsches Prinzip an, der Fehler blieb unerkannt. Folge: Ein Drittel der Produkturteile mußte neu berechnet werden. „Das war der Gau, eine echte Katastrophe“, resümiert Sieber. Die Peinlichkeit, die arg am Image kratzte, brachte dem Projektleiter eine Abmahnung und kostete den Abteilungsleiter die Stelle.
Das Testurteil entscheidet
Die Stiftung ist sich ihres Einflusses wohlbewußt. „Immerhin kann es von Testurteilen abhängen, ob ein Artikel zum Renner wird oder vom Markt verschwindet“, heißt es im Jubiläumsheft der Stiftungszeitschrift „test“. Untersuchungen der Universitäten Mannheim und Bremen bestätigen dies.
Danach beobachteten zwei Drittel der Hersteller getesteter Produkte Umsatzsteigerungen, wenn das Produkt positiv abschnitt. Auf der anderen Seite verzeichneten 71 Prozent aufgrund negativer Testergebnisse deutliche Umsatzrückgänge. „Für mittelständische Unternehmen mit schmaler Produktpalette kann die Testnote ,mangelhaft' existenzbedrohend sein“, sagt der Hamburger Rechtsanwalt Christian Klawitter.
„Der deutsche Markt braucht keine Zensoren“
Weil es also stets um viel Geld geht, werden die Verfahren oft bis zur letzten Instanz durchgefochten. In einem dieser Prozesse hat der Bundesgerichtshof ganz grundsätzlich geurteilt und die „volkswirtschaftlich sinnvolle und nützliche Funktion“ der Stiftung bestätigt. Tatsächlich sehen die Berliner ihre Hauptaufgabe ordnungspolitisch korrekt darin, die Markttransparenz zu erhöhen. Auch wenn der Vater der Sozialen Marktwirtschaft, Ludwig Erhard, von Warentests grundsätzlich wenig hielt: „Der deutsche Markt braucht keine Zensoren“, so sein harsches Diktum.
Die Deutschen beurteilen das anders, sie goutieren die Prüf-Arbeit: Zum 30. Geburtstag vor zehn Jahren präsentierte die Stiftung Warentest eine Umfrage. Danach ist die Organisation die „nützlichste Einrichtung“ der Bundesrepublik, gleich nach dem Roten Kreuz. Manche Hersteller dürften das ähnlich sehen - und einige die Stiftung lieber zum Teufel wünschen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.319,85 | −3,26% |
| Dow Jones | 12.118,60 | −2,22% |
| EUR/USD | 1,2433 | +0,58% |
| Rohöl Brent Crude | 98,82 $ | −2,76% |
| Gold | 1.606,00 $ | +3,08% |
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