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Stefan Raab „Ich wohne hier, verdiene hier und fühle mich wohl“

 ·  Der Entertainer Stefan Raab über die Lust am Steuernzahlen, den Spaß am Unternehmertum, Rentner bei „Wetten, daß..?“ und seine Arbeit als Sinnproduzent.

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Der Entertainer Stefan Raab über die Lust am Steuernzahlen, den Spaß am Unternehmertum, die Rentner bei „Wetten, daß . . .“ und seine Arbeit als Sinnproduzent.

Herr Raab, was halten Sie als Multimillionär von der neuen Reichensteuer?

Multimillionär haben Sie gesagt. Sagen wir so: Es reicht, um nicht ins Dschungel-Camp gehen zu müssen. Aber Steuern zahlen ist selbstverständlich etwas Gutes.

Mit dieser Ansicht stehen Sie ziemlich alleine da in Deutschland.

Sehen Sie, wenn Sie mit Ihrem Auto irgendwo langfahren wollen, brauchen Sie Straßen. Wer soll die bauen, wenn Sie nicht was dazu tun? Und wenn die A3 hier in Köln erweitert wird, so daß ich für meine tägliche Strecke zur Arbeit nur noch zehn Minuten brauche statt 15, leg' ich sogar gern noch 'ne Mark drauf.

Viele Promis sind da anderer Meinung und wandern aus.

Ich wohne hier, ich verdiene hier, und ich fühle mich hier wohl. Und da ich eh da bin, unterwerfe ich mich den steuerlichen Gepflogenheiten. Das Rummeckern ist zwar eine typisch deutsche Tugend, aber ich neige grundsätzlich nicht dazu, mich zu beklagen. Sonst wäre ich auch nicht mehr hier und vielleicht Nachbar von Herrn Schumacher, Herrn Beckenbauer oder Herrn Gottschalk.

Hört sich jetzt aber arg edel, hilfreich und gut an.

Ich bin der Meinung, jeder muß seinen Beitrag zum allgemeinen Wohl leisten. Und da müssen die, die's etwas dicker haben, auch ein bißchen mehr dazugeben. Und das geht doch auch, denn noch geht es den Deutschen gut, sehr gut sogar.

Die Deutschen glauben aber das Gegenteil. Alles nur eine Frage der Psychologie, des Verkaufens von Politik, letztlich der Show?

Es ist sicher eine Frage der Kommunikation. Wirtschaftliche Euphorie entsteht nicht rational, sondern in den meisten Fällen emotional. Die Leute haben ja Geld, sie geben es nur nicht aus. Jetzt muß nur jemand sagen: Es wird alles gut, haut die Kohle auf den Kopf.

Aufgabe der Bundeskanzlerin?

Ob Angela Merkel die Richtige ist, eine Euphorie dieser Art zu forcieren . . .

. . . daran haben Sie Ihre Zweifel.

Sagen wir so: Unter den Kommunikatoren in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland gehört sie nicht zu den Größten.

Sie ist Naturwissenschaftlerin und kein Showtalent.

Kann sein, aber auch das ist in dem Geschäft wichtig. Es reicht nicht aus, daß man fachliche Kompetenz mitbringt, man muß auch wissen, wie man die Leute davon überzeugt.

Haben Sie einen Tip für Merkel?

Ich würde 2007 die Mehrwertsteuer erhöhen, aber richtig. Nicht auf 19 Prozent, sondern auf 30.

Was soll das bringen?

Die Leute würden im kommenden Jahr noch schnell alles kaufen, was sie in irgendeiner Form brauchen: Autos, Häuser, Waschmaschinen, teure Klamotten.

Und 2007 käme dann der abrupte Einbruch.

Am 1. Januar könnte man dann sagen: Paßt mal auf, Leute, war nur ein Trick. In Wirklichkeit senken wir heute die Mehrwertsteuer. Dann gäb's einen zweiten Konsumboom. Klingt gut, oder? Hab' ich mir jetzt gerade in den letzten drei Minuten überlegt. Aber vielleicht sollte man es noch mal durchrechnen.

Was steht eigentlich auf Ihrer Visitenkarte? Ökonom vielleicht?

Ich leiste mir den Luxus, keine zu haben.

Was würde draufstehen?

Mensch. Stefan Raab, Mensch.

Oder Spaßproduzent?

Ich würde das nicht auf Spaß fokussieren. Vielleicht Sinnproduzent.

Nicht eher Unsinnproduzent?

Unsinn ist ja auch Sinn. Wenn Sie etwas machen, was keinen Sinn hat, haben Sie damit auch keinen Erfolg. Und wenn es nur der Sinn ist, Leute zu unterhalten. Aber ganz objektiv gesehen bin ich Moderator, Produzent, Komponist, Arrangeur.

Und Provokateur.

In manchen Fällen kann es einem so vorkommen. Grundsätzlich gehört Provokation in den Medien dazu. Auch Kulturkritiker wie Karasek oder Reich-Ranicki leben davon. Ich würde das eher als kreatives progressives Entertainment bezeichnen.

Das Sie teuer kommt. Alleine die Verhöhnung der Schülerin Lisa Loch kostete 70.000 Euro.

In vielen Fällen muß es sich noch erweisen, ob wir zahlen müssen. Die Aussagen in der Show sind jedenfalls nicht darauf angelegt, Leute willentlich und wissentlich zu beleidigen.

Nicht?

Bei 200 Sendungen jährlich kann es natürlich sein, daß mal jemand sagt: Hör mal, das ist mir unangenehm, was ihr da von mir zeigt. Im Normalfall reagieren wir darauf sofort und lassen es sein. Das kostet nur einen Anruf in der Redaktion. Aber manche Leute wollen nur finanziell profitieren.

Trotz alldem gilt Ihre Sendung „TV Total“ bei Musikern und anderen Künstlern als Vermarktungsmaschine schlechthin - gleich hinter „Wetten, daß . . .“.

Wenn die Leute bei mir auftreten, müssen Sie zunächst ein gutes Produkt haben. Dann wissen sie, daß es sich über „TV Total“ auch gut verkaufen läßt.

Wie im Fall des Autors Heinz Strunk, den vorher keiner kannte.

Ja, der hatte ein Buch geschrieben mit dem Titel „Fleisch ist mein Gemüse“, eine Musikerbiographie. In der Sendung hat er daraus vorgelesen. Das Buch war vorher so ungefähr auf Platz 10.000 in der Bestenliste von Amazon, am nächsten Tag auf Platz eins. Oder nehmen Sie die Chef-Serie „Stromberg“. Deren Hauptdarsteller Christoph Maria Herbst war bei uns zu Gast, und „Stromberg“ ist heute noch in den DVD-Charts ganz weit oben, umgeben nur von großem amerikanischen Kino.

Wie kommt das?

Wir haben im Zweifelsfall die Zuschauer in der Zielgruppe der 14- bis 49jährigen, die auch konsumieren. Wir bedienen keine äußerst breite Gruppe, sondern eine äußerst spitze Gruppe, ein ganz klares Zielpublikum. Wenn Sie Nordic-Walking-Stöcke verkaufen wollen, müssen Sie zu „Wetten, daß . . .“ gehen. Da sitzt auch der eine oder andere Rentner, der meint: Ohne einen solchen Stock kann ich nicht mehr gehen.

Dabei ist Ihre absolute Zuschauerzahl doch eher bescheiden.

Vergangene Woche hatten wir 1,2 Millionen, davon eine Million in der Zielgruppe. Das ist ein Streuverlust von 200.000. Bei „Wetten, daß . . .“ sehen zwölf Millionen zu, aber nur 4,5 Millionen der 14- bis 49jährigen. Wenn Sie dort Musik für junge Leute bringen, dann sagen acht Millionen: Ich hab' Hexenschuß, ich hab' Wasserbeine, was soll ich mit Shakira?

Sind Sie eine Großmacht auf dem deutschen Musikmarkt?

Das kann man so nicht sagen. Ich selbst produziere gar nicht soviel. Wenn's hochkommt, ein Album pro Jahr. Letztes Jahr habe ich den Soundtrack zum Bully-Film gemacht und das Max-Album. Ansonsten konzentriere ich mich darauf, Musik im Fernsehen zu ermöglichen.

Wie mit dem Bundesvision Song Contest als Konkurrenzveranstaltung zum europäischen Schlager-Grand-Prix. Sie lieben offensichtlich den Wettbewerb auf allen Ebenen.

Ich bin immer ein Freund des Wettbewerbs. Es macht doppelt soviel Spaß, bei irgend etwas mitzumachen, wo man sehen kann, ich war besser als Person X oder Y. Ich habe aber auch kein Problem damit zu verlieren, sei es beim Turmspringen, sei es beim Wok-Fahren. Da hab' ich kein einziges Mal gewonnen. Und auch beim Springreiten hat's mich ins Gebälk gepfeffert.

Sie haben gewonnen, weil vorher keiner geglaubt hat, daß man mit solchen Veranstaltungen Geld verdienen kann.

Die deutschen Medienschaffenden sind mutlos, wenn es darum geht, was Neues zu machen. Vor unseren Events hat es jahrelang nichts gegeben, was nicht schon auf anderen Märkten funktioniert hat. Da wollte keiner eine Show machen, die nicht schon zuvor in Amerika, England oder Holland erfolgreich war. Dann kamen wir mit der Wok-WM, und jetzt fangen sogar ARD und ZDF an, diese Ideen zu kopieren.

Selbst Firmen wie Nissan scheuen nicht davor zurück, sich bei Ihnen zu beteiligen.

Nur mit diesem Sponsoring können wir die Veranstaltungen überhaupt finanzieren. Bei uns ist es wie im richtigen Sport, wie bei den Rennwagen in der Formel Eins: mit Woksengasse, mit Werkteams. Das ist bei der Wok-WM nichts anderes als das, was in der Realität im Sport auch gemacht wird.

Nämlich?

Es wird Geld bewegt. Man kauft ein Wok-Team, bekommt dafür Aufmerksamkeit und verkauft ein paar Autos mehr. Ist ja auch gut für die Volkswirtschaft.

Also Kommerzialisierung.

Ja, warum auch nicht. Es nützt den Veranstaltungen und stört die Zuschauer nicht. Und überhaupt nehmen wir es ja nicht von den Armen und Bedürftigen, sondern von den Großen und Reichen. Das hat für mich ein bißchen was von Sherwood Forest. Ich bin so ein bißchen der Robin Hood im medialen Sherwood Forest.

Das Gespräch führte Thiemo Heeg

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 20.11.2005
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