15.02.2006 · Bürstenhaarschnitt, Schnauzbart und rheinischer Tonfall. Stefan Drees ist der neue Richter im Mannesmann-Prozeß, der am Düsseldorfer Landgericht neu verhandelt wird. „Ruhig, fair, besonnen“, loben ihn Strafverteidiger.
Von Joachim JahnDer Richter, der in der nächsten Runde des Mannesmann-Prozesses über Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und weitere Angeklagte zu Gericht sitzen wird, hat derzeit ganz andere Sorgen. Noch sind die Akten nicht einmal vom Bundesgerichtshof, der drei Tage vor Weihnachten alle Freisprüche in dem ungewöhnlichen Wirtschaftsstrafprozeß aufgehoben hatte, zurück im Düsseldorfer Landgericht angekommen.
Statt dessen schlägt sich der 44 Jahre alte Robenträger Stefan Drees mit dem herum, was die deutsche Strafjustiz besonders häufig beschäftigt - einem Fall von Rauschgiftkriminalität. Ackermann, der frühere Mannesmann-Chef Klaus Esser, dessen damaliger Aufsichtsratsvorsitzender Joachim Funk und der einstige IG-Metall-Boß Klaus Zwickel müssen also auf die Neuauflage ihres Prozesses noch warten.
Seit Wochen sitzt im Saal L 115 erst einmal der Albaner Tafil S. neben seinem Dolmetscher auf der Anklagebank. Drees ist Vorsitzender von drei verschiedenen Strafkammern; in diesem Fall ist es die Große Strafkammer XI a, die aber infolge von Sparmaßnahmen in verkleinerter Besetzung tagt. Neben Drees thronen deshalb nur eine einzige Juristenkollegin sowie zwei Schöffen. Der mutmaßliche Drogendealer soll die „BTM-Szene“ (die Abkürzung steht im Juristenjargon für Betäubungsmittelkriminalität) rund um die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt jahrelang in großem Stil mit Kokain versorgt haben.
Gemütlich, fast gemächlich
Was der Staatsanwalt ihm vorwirft, zieht sich aber quer durchs ganze Strafgesetzbuch: Mit einer silbernen Neun-Millimeter-Pistole soll der Angeklagte Angst und Schrecken verbreitet haben. Einen Kunden, der eine Lieferung nicht bezahlen wollte, ließ er den Ermittlungsakten zufolge mit einer Eisenstange zusammenschlagen und dann - in seinen Exkrementen liegend - in einer Garage einsperren. Geldfälscherei, Frauenhandel und Scheinehe sowie Drogenschmuggel im präparierten Tank seines VW Phaeton - für all das soll S. zusammen mit Verwandten in halb Europa verantwortlich gewesen sein.
Heute dauert es eine halbe Stunde länger, bis der mutmaßliche Rauschgifthändler endlich aus der Haftzelle im Keller des Justizgebäudes vorgeführt werden kann - seine Verteidigerin aus Köln ist im Autostau steckengeblieben. Und auch, als es endlich losgeht, bleibt der Fall Routine. Die Justizbeamtin mit einem piepsenden Metallsuchgerät an der Tür hat wenig zu tun, weil nur drei Zuschauer auftauchen. Ihre beiden Wachtmeisterkollegen lösen derweil Kreuzworträtsel oder spielen mit einem Taschencomputer. Der erste Zeuge des Tages, ein Italiener, soll den Stoff weiterverkauft haben. Alles, was er sagt, muß ein vereidigter Dolmetscher übersetzen; ein Anwalt in Pullover und Lederjacke neben ihm paßt auf, daß der Italiener sich dabei nicht um Kopf und Kragen redet.
Der schnauzbärtige Drees mit Bürstenhaarschnitt wirkt mit seinem rheinischen Tonfall gemütlich, fast gemächlich, wenn der geständige Zwischenhändler sich in Widersprüche verwickelt, etwa über den damaligen Marktpreis für Koks. Bis vor zwei Jahren war Drees Zivilrichter. „Ruhig, fair, besonnen“, loben Strafverteidiger ihn. Was bei der mühsamen Prozedur herauskommt, faßt er nach einer Stunde für den Protokollführer am PC in sieben knappen Sätzen zusammen. Die schwangere Frau des Italieners verweigert dagegen gleich die Aussage, denn auch gegen sie wird längst ermittelt. Der Rest des Sitzungstages geht dafür drauf, daß Drees einen Hauptkommissar der Kriminalpolizei langwierig zu dessen Aufzeichnungen in den Ermittlungsakten und den Protokollen über die monatelange Überwachung diverser Mobiltelefone befragt.
Langwierige Verhandlung
Die Verhandlung gegen den Albaner S. dürfte noch Monate dauern. Ob Drees anschließend noch in diesem Jahr genügend Zeit für Ackermann & Co. findet, ist keineswegs so sicher, wie stets zu lesen ist. Zumal das Bundesverfassungsgericht gerade in einer umstrittenen Entscheidung die deutschen Strafrichter angehalten hat, Prozesse gegen inhaftierte Angeklagte vorzuziehen. Andere Akten warten ebenfalls schon auf Drees. Bisher macht das Gericht deshalb sogar ein Geheimnis aus dem Lebenslauf des Richters.
„Grottenfalsch“ seien Berichte mit ein paar kritischen, aber anonymen Zitaten über seine Rechtskenntnisse und seine Souveränität als Verhandlungsleiter gewesen, heißt es dort. Konkrete Fehler der Presse werden jedoch nicht genannt. Nicht auszuschließen bleibt, daß Angeklagte und Strafverfolger die Zeit nutzen, um doch noch eine Einstellung des Strafverfahrens gegen hohe Zahlungen an die Staatskasse auszuhandeln. Wenn das Gericht dann mitspielt, könnte es sich eine langwierige Verhandlung mit einer neuen Beweisaufnahme sparen.
Joachim Jahn Jahrgang 1959, Redakteur der Wirtschaft in Berlin, zuständig für „Recht und Steuern“.
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