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Start-up-Unternehmen Zwischen Modedesign und Web 2.0

08.09.2006 ·  Ein BWL-Student hatte eine geniale Idee: Auf seiner Webseite können Kunden T-Shirt-Fabrikanten werden. Inzwischen gehört Spreadshirt zu den wichtigsten Arbeitgebern Leipzigs - als nächstes will die Firma in China Fuß fassen.

Von Swantje Wallbraun
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Den Meetingraum überwacht ein zwei Meter hoher Batman. Ein Kickertisch steht im Raum, aber keiner benutzt ihn. Dazu sind alle viel zu beschäftigt. In spärlich möblierten Büros sitzen sie vor den Rechnern, rund achtzig junge Leute, die in ihren Jeans und T-Shirts wie Studenten aussehen. Dabei managen sie eines der erfolgreichsten deutschen Start-up-Unternehmen der vergangenen Jahre: die Leipziger Firma Spreadshirt.

Textil? Mode? E-Commerce? Welches Etikett am besten zu Spreadshirt paßt, weiß Gründer und Geschäftsführer Lukasz Gadowski selbst nicht so genau. „Am ehesten Web 2.0“, meint er - das Schlagwort für Internet zum Mitmachen.

Olli Kahn, Fettes Brot und Ärzte ohne Grenzen

Seine Kunden können am Computer eigene Motive und Sprüche entwerfen, aus Gadowskis Angebot ein T-Shirt-Modell auswählen und die Klamotte auf ihrer eigenen Homepage zum Verkauf anbieten. Herstellung und Versand übernimmt Spreadshirt, der Designer kassiert eine Provision, deren Höhe er selbst bestimmt. 200.000 solcher „Spreadshops“ sind registriert.

Torwarttitan Oliver Kahn ist mit Fanartikeln dabei, die Ärzte ohne Grenzen, die Hip-Hop-Gruppe „Fettes Brot“ und ein Papst-Fanclub, auch Sportvereine lassen sich ihre Trikots bedrucken. Einen zweistelligen Millionenbetrag setzt Spreadshirt jährlich um.

Träume von der Expansion

Und Lukasz Gadowski, 28 Jahre alt, kurze rotblonde Haare, löchrige Jeans, das dunkelgraue T-Shirt natürlich bedruckt mit einem Spreadshirt-Motiv, hat große Pläne. Er sitzt an seinem Schreibtisch im quirligen Hauptquartier, wie die Mitarbeiter es nennen. Vor seinem Fenster verfallen die alten Fabriken im Leipziger Stadtteil Plagwitz. Gadowski will expandieren. „Wir wollen Weltmarktführer werden“, sagt er selbstbewußt.

Hohe Ziele für einen, dessen Idee anfangs auf wenig Interesse bei Geldgebern stieß. „Unrealistisches Geschäftskonzept“, urteilte die Jury des Kölner Gründerwettbewerbs. Und beim Schlagwort „E-Commerce“ winkten Kreditgeber sofort ab, „meist hat mich die Sekretärin nicht mal durchgestellt“, berichtet Gadowski.

Nie einen Euro investiert

2002 war das, als niemand mehr so recht glaubte, daß man im Internet Geld verdienen kann. Gadowski, damals BWL-Student in Leipzig, versuchte es auf eigene Faust. Die Internetseite baute er allein, die Herstellung der T-Shirts übernahmen örtliche Druckereien, mit denen er Verträge schloß. Er selbst lebte von Bafög. „In das Unternehmen wurde nie auch nur ein Euro investiert“, sagt er heute stolz.

So erwirtschaftete er schnell Gewinn. „Spreadshirt funktioniert über Netzwerke als Multiplikator“, sagt Kai Hudetz von der Kölner Forschungsstelle E-Commerce Center Handel. Damit könne man die kritische Masse schnell erreichen. „Ohne Anschubfinanzierung mußte das Unternehmen ein solides Geschäftsmodell entwickeln - das zahlt sich jetzt aus.“

3000 Kleidungsstücke am Tag

Bei Spreadshirt hat der Kunde die Wahl zwischen Markentextilien von Nike, Adidas, Trigema; dazu gibt es eine billige Eigenmarke. Auch Kappen, Taschen, Schlüsselbänder und Lätzchen werden bedruckt; in Flexdruck, bei dem eine Folie mit dem Stoff verschmolzen wird, digital oder mit Filzflocken. Die Techniken werden ständig verbessert. Vielleicht reicht es mal für ein Patent, hofft Gadowski.

In Taucha, zehn Kilometer vom Zentrum Leipzigs, liegt die Fabrik. Druckpressen zischen, im Hintergrund plärrt ein Radio. In einer Halle, in der bis vor einigen Jahren Baumaschinen hergestellt wurden, stehen Mitarbeiter an zwölf Geräten und drücken Motive auf alles, was Baumwolle oder Synthetik ist. 3000 Teile schaffen sie am Tag. „Bis zum Winter werden noch sechs Pressen dazukommen“, kündigt Produktionsleiter Jens Deward an.

Unter den 100 wichtigsten Arbeitgebern in Leipzig

Zwischen dem Klick auf den Bestellknopf und dem Päckchen im Briefkasten liegen zwei bis drei Tage und neun Produktionsschritte. Die Druckfolien müssen ausgestanzt und zugeordnet, die bedruckten Teile verpackt und versendet werden - alles Handarbeit. An den Wänden hängen in großer Schrift die verbotenen Sprüche: „Pozilei“ ist tabu und „Tötet den Holzmichl“ - sonst gibt es Ärger mit der Polizei oder mit Urheberrechtsinhabern des Volksmusik-Hits „Lebt denn der alte Holzmichl noch“.

Anders als im Hauptquartier arbeiten hier auch Mitarbeiter, die vierzig Jahre oder älter sind. Sie heben den Altersdurchschnitt des Unternehmens, der bei 29 Jahren liegt. Gelernte Gärtner, Bäcker, Elektriker arbeiten hier; als der Vater von Gründer Lukasz Gadowski im vergangenen Jahr seine Arbeit verlor, stellte der Sohn ihn ein. 80 volle Stellen hat Spreadshirt in der Produktion geschaffen, dazu 80 weitere im Hauptquartier. Nach Angaben der Industrie- und Handelskammer Leipzig gehört Gadowski damit zu den 100 wichtigsten Arbeitgebern in Leipzig, wo jeder fünfte arbeitslos ist.

Tochterfirma in den Vereinigten Staaten

„Ich finde es toll, mit so vielen jungen Leuten zusammenzuarbeiten“, sagt eine Mitarbeiterin. Auch wenn von der euphorischen Start-up-Atmosphäre hier nichts zu spüren sei. Einige fürchten, daß sie das Nachsehen haben, wenn die Firma weiter so rasant wächst: „Hoffentlich bleibt Spreadshirt im Osten.“

In Lukasz Gadowskis Büro im Hauptquartier stehen zwei Flaggen, die europäische und die amerikanische. Denn Spreadshirt ist längst ein transnationales Unternehmen. Die Leipziger liefern in zwanzig europäische Länder und bis nach Japan. In den Vereinigten Staaten, in Pittsburgh, ist Anfang 2005 eine Tochterfirma entstanden. Jetzt will Gadowski nach China: Ein Mitarbeiter baut Kontakte dorthin auf.

Die erste Spreadshirt-Boutique hat im Juni in Berlin eröffnet, ein weiteres Geschäft in Paris ist geplant. Dort gibt es die T-Shirts, die im Designwettbewerb „Derby“ von den Internetnutzern die besten Bewertungen bekamen. Wird Spreadshirt zum Modelabel? Gadowski wehrt ab: „Wir sind das Werkzeug, die Mode machen die Nutzer selbst.“ Sonst hat Spreadshirt mit Mode seiner Meinung nach wenig zu tun: „T-Shirts sind keine Mode. Die kaufen die Leute immer.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.09.2006, Nr. 35 / Seite 36
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