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Start-up Stufenweise Finanzierung - Wer erpreßt wen?

03.06.2004 ·  Wer erpreßt wen? Was die stufenweise Ausschüttung von Kapital - das sogenannte Staging - für Unternehmensgründer und Venture Capitalisten bedeutet.

Von Carola Jungwirth, Zürich
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Venture Capitalisten (VC) können ihren Portfoliounternehmen jederzeit das Kapital entziehen - nicht weil sie Kapital hinausnehmen, sondern weil sie kein neues nachschießen. Der Gründer lebt also immer an der Schwelle zum Konkurs und der VC hat alle Zügel in der Hand. Ist das fair?

Kein Unternehmensgründer bekommt von einem VC das ganze Gründungskapital auf einmal. Der VC teilt die Summe auf und schüttet sie stufenweise über den gesamten Gründungsprozeß aus. Zunächst fängt er klein, mit ein wenig „Spielgeld“ an. Mit dem Gründer handelt er aus, was am Ende der ersten Finanzierungsstufe herauskommen soll, zum Beispiel der Prototyp eine bestimmten technischen Geräts soll funktionieren.

Vor jedem Meilenstein droht das Aus

Ist dieser „Meilenstein“ erreicht, gibt er dem Gründer das Geld für Runde zwei. Wieder vereinbart er festumrissene Ziele und will er das Erreichte sehen. Ist der VC jedoch nicht zufrieden, schießt er kein Kapital nach. Das kann für das Start-up das Aus bedeuten. Denn gibt er, der das Unternehmen am besten kennt, kein Geld, scheuen auch andere VC vor einem Investment zurück.

Aber kein Geld ist nur eine Variante, wenig Geld die andere: Wegen schlechter Performance brechen einem mit Wagniskapital geförderten Unternehmen die Anteilspreise weg. Statt rund 200 Euro pro Anteil zahlt der VC in einer weiteren Finanzierungsrunde nur noch 0,63 Euro. Um die gleiche Kapitalmenge zu erhalten, muß das Unternehmen also das 320fache an Anteilen abgeben. Kurz: Das Staging, das stufenweise Ausschütten von Kapital, scheint den Gründer in eine unverhältnismässige Abhängigkeit zu befördern. Er hat eine gut bezahlte Stellung aufgegeben, die Arbeits- und Freizeit der letzten Jahre der Idee geopfert, Gründungswissen aufgebaut und sein Privatvermögen in die Gründung investiert. Dann zeigt der VC mit dem Daumen nach unten und (fast) alles ist weg!

Ohne Meilensteine liefert der VC sich aus

Aber so einfach ist die Sache nicht: Auch der VC ist vom Gründer abhängig. Denn in einer frühen Finanzierungsphase besitzt der Unternehmensgründer alle wichtigen Ressourcen, nämlich die Gründungsidee und das zur Realisierung der Idee notwendige Wissen. Beides ist im Kopf des Gründers und nur dort verankert. Der VC kommt also an den Gegenwert für sein eingesetztes Kapital gar nicht heran. Er kauft also die Katze im Sack und sein Kapital ist für ihn zunächst einmal verloren.

Würde er nun das ganze Kapital auf einmal geben, könnte der Gründer ihn erpressen: „Ich steige aus, wenn Du nicht Deinen Platz im Vorstand räumst“, ist nur eine von vielen Varianten. Stimmt der Gründer dagegen einer stufenweisen Finanzierung zu, so zeigt er glaubhaft: „Ich werde hart arbeiten, um die vereinbarten Meilensteine zu erreichen, und erpressen kann ich Dich nicht.“

Staging als wirkungsvolle Lösung für beide Seiten

Offensichtlich ist das Staging also für beide Seiten eine wirkungsvolle Lösung. VC und Gründer tauschen „Tit for Tat“ Kapital gegen die Anstrengung der Realisierung einer Idee und das tun sie solange, bis aus der Idee ein an der Börse handelbares Unternehmen geworden ist.

Und ist es eine faire Lösung? Ja und nein. Der VC verliert im schlimmsten Fall Kapital, der Gründer alles. Der Gründer allerdings ist nur sich selbst, der VC jedoch seinen Investoren verpflichtet. Könnte er denen nicht glaubhaft versichern, daß er - etwa durch das Staging - die Zügel in der Hand hält, wäre den Investoren das Geschäft zu risikoreich.

Die stärkere und vielleicht unfaire Abhängigkeit des Gründers vom VC ist der Preis für „smartes“ Kapital. Denn wenn der Venture Capitalist, der sich das Staging ausgedacht hat, auch sonst ein schlauer Fuchs ist, sind die Erfolgschancen des Gründers viel höher als ohne - trotz des Daumens, der nach unten zeigen kann.

Dr. Carola Jungwirth schliesst an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Universität Zürich gerade ihre Habilitation zum Thema „Portfolio-, Betreuungs- und Syndizierungsstrategien von Venture Capitalisten im deutschsprachigen Raum - Theorie und Evidenz“ ab.

http://www.isu.unizh.ch/fuehrung/

Quelle: @rwi
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