17.10.2002 · Für Unternehmensgründungen haben Krisenzeiten, wie wir sie derzeit erleben, nicht nur Nachteile, sondern durchaus positive Seiten!
Von Marc GruberEs vergeht derzeit kaum ein Tag, an dem die Medien nicht über die Insolvenz eines Unternehmens berichten, sei es diesseits oder jenseits des Atlantik. Dabei schaffen es in der Regel nur die großen Firmennamen, die Aufmerksamkeit der Journalisten auf sich zu ziehen. Viele Schicksale kleiner und mittlerer Unternehmen bleiben unbeachtet und lassen sich lediglich in aggregierter Weise aus den Insolvenzstatistiken entnehmen. So weisen aktuelle Zahlen der Creditrefrom darauf hin, dass für das 1. Halbjahr 2002 mit rund 18.400 Unternehmensinsolvenzen in Deutschland zu rechnen ist - dies sind rund 50 Prozent mehr Insolvenzen als im Vergleichszeitraum 1996.
Schlechte Zeiten...gute Zeiten?
Es verwundert nicht, dass angesichts solcher Zahlen nicht nur Aktionäre zu Antidepressiva greifen. Auch die Stimmung in der Gründerszene hat sich in den letzten Monaten nochmals merklich abgekühlt. Dabei sind die Voraussetzungen zur Gründung eines Unternehmens in Krisenzeiten nicht unbedingt schlechter als zu vermeintlichen Hochphasen, wie wir sie vor rund 3 Jahren erleben durften.
Kapitalgeber mit schärferen Brillen
Sicherlich ist richtig, dass heute Wagniskapitalgeber wie auch Banken einen Business Plan erheblich genauer prüfen. Dabei erwarten die Financiers nicht selten einen „Proof of market“ und „Proof of technology“ vom Start-up, also den Nachweis, dass sowohl Kundeninteresse vorliegt als auch die verwendete (innovative) Technologie hält was sie verspricht.
Während dies für fortgeschrittenere Start-ups in der Regel möglich ist, stellt dies für sehr junge Unternehmen in der Frühphase ihrer Entwicklung ein erhebliches Problem dar. Schließlich benötigen sie die Frühphasenfinanzierung meist, um ihre Technologie zur Marktreife zu entwickeln. Es ist daher kaum verwunderlich, dass sich Kapitelgeber jeglicher Couleur derzeit aus der Frühphasenfinanzierung fast gänzlich zurückgezogen haben. Auch Business Angels haben durch die anhaltende Krise auf den Kapitalmärkten Federn lassen müssen und halten sich derzeit mit Investments eher zurück.
„War for talent“ nur noch eine Inszenierung
Soweit die schlechten Nachrichten für Gründer. Einige wesentliche Voraussetzungen zur Unternehmensgründung haben sich jedoch auch in den vergangenen beiden Jahren erheblich verbessert und dürfen nicht übersehen werden - auch wenn die Medien darüber seltener berichten. So gleicht der vor Jahren vor allem in der Beraterszene heraufbeschworene „War for talent“ heute eher einer Inszenierung als einem realen Kriegsschauplatz: Stellenanzeigen werden auch bei den renommiertesten Firmen meist nur noch aus Imagegründen geschaltet, Einstellungsstops prägen das Bild im Norden wie im Süden.
Für Unternehmensgründer bedeutet dies freilich, dass sie nun ihr Managementteam kompetent ergänzen und talentiertes Personal zu deutlich günstigeren Konditionen einstellen können als noch vor wenigen Jahren. Wenn man bedenkt, dass die Qualität des Managementteams der zentrale Faktor für den Erfolg eines jungen Unternehmens ist, dann wiegen auch die sonst mit der Krise verbundenen Größen weniger schwer.
...auch Räumlichkeiten und Anlagen sind günstiger
Was für die Personalakquisition in Start-ups gilt, trifft auch auf die zu mietenden Räumlichkeiten und die zu erwerbenden Anlagen zu. Vor allem letztere können heute zu erheblich günstigeren Bedingungen angeschafft werden, sei es gebraucht auf Internet-Marktplätzen oder mit zum Teil deutlichen Rabatten von den Herstellern. Gleichfalls ist zu berücksichtigen, dass die Gründer aufgrund der heutigen Marktlage bereits sehr früh einer Feuerprobe ausgesetzt sind und den Wettbewerbsvorteil ihres Angebots deutlich unter Beweis stellen müssen. Zieht die Konjunktur jedoch an, ist abzusehen, dass sie dann aufgrund ihrer kostenbewussten Strukturen auch überproportional vom Aufschwung profitieren können.
...doch viele Gründungsideen sterben schon im Kopf
Doch was ist nun mit den Gründern? Die anschwellende Insolvenzwelle verbreitet nicht unbedingt Mut. Nur in Japan und Südkorea ist laut einer Erhebung des Global Entrepreneurship Monitors die Angst, bei einer Unternehmensgründung zu scheitern, noch größer als in Deutschland. So sterben hierzulande viele Gründungsvorhaben bereits im Kopf - manche zwar zu recht, viele aber auch zu unrecht, weil es sich die Ideenträger einfach nicht zutrauen und sich vor der gesellschaftlichen Ächtung einer gescheiterten Unternehmensgründung fürchten.
Anders in den USA: Dort wird eine gescheiterte Gründung als wertvolle Lernerfahrung aufgefasst. Ein Unternehmer wie Henry Ford ist mit zwei Gründungen gescheitert - erst sein dritter Gründungsversuch war erfolgreich. Wäre das bei uns möglich? Dies sollte uns zu denken geben, besonders in wirtschaftlich eher düsteren Zeiten.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2465 | −0,19% |
| Rohöl Brent Crude | 106,29 $ | −0,52% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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