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Standbein der Wirtschaft Ein Lob auf die deutsche Industrie

 ·  Was heißt hier Dienstleistungsgesellschaft? Deutschlands Stärke ist und bleibt die Industrie. Plötzlich wollen auch alle anderen werden wie die Deutschen. Denn das Land zeigt sich stark in der Krise.

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© ddp „Sie gehen dorthin, wo es kracht und stinkt.“ (Sigmar Gabriel)

Haben Sie in den vergangenen 15 Jahren verfolgt, was deutsche Politiker so über Wirtschaft reden (mit halbem Ohr genügt)? Falls ja, dann ist sicher: Deutschland muss zur Dienstleistungsgesellschaft werden, muss weg von der Industrie. Fabriken machen Dreck und verschmutzen die Luft und die Flüsse. Die Chinesen können sowieso alles viel billiger herstellen als wir. Und jener Wirtschaftsbereich, dem die Zukunft gehört, heißt Gesundheit/Finanzdienstleistungen/Telekommunikation. Industriegesellschaft, adé!

Doch hier kommt die Überraschung: Deutschland hat es nicht getan. Wir sind immer noch eine Industriegesellschaft. Während Italien, Frankreich und selbst China in den vergangenen Jahren kontinuierlich Industrie abgebaut haben, haben die Deutschen das seingelassen. Seit 15 Jahren stagniert der Anteil der Industrie an der deutschen Bruttowertschöpfung. Und zuletzt ist er sogar gestiegen. Deutschland reindustrialisiert. Und das auf einem hohen Niveau.

Industrieanteil bei 23 Prozent

In der EU sind wir fast unerreicht. Unser Industrieanteil liegt bei 23 Prozent. Italien hat 16 Prozent, Spanien 13 Prozent und Großbritannien und Frankreich sogar nur 10 Prozent. International reichen von den sogenannten Industrieländern nur Südkorea und Japan an Deutschland heran.

Und hier kommt noch eine Überraschung: Das ist gut so! Während man vor kurzem noch nörgelte, Deutschland schaffe den Sprung in die schöne neue Dienstleistungswelt nicht, wollen auf einmal alle so werden wie wir. Die Franzosen und die Briten eifern uns nach. Die Europäische Kommission empfiehlt sogar allen Ländern der EU, sich wieder mehr Industrie zuzulegen. Am besten rund 20 Prozent der Bruttowertschöpfung - wie in Deutschland.

Dass Fabriken auf einmal wieder in Mode kommen, hat viel mit der Finanzkrise zu tun. Gertrud Traud, Chefvolkswirtin bei der Helaba in Frankfurt, erklärt das so: „Industrie macht Krach und stinkt. Wir dachten bis 2008, wir hätten mit der Finanzbranche etwas gefunden, das weder stinkt noch kracht und trotzdem Wachstum bringt.“ Doch dann kam die Finanzkrise. „Und wir stellten fest, dass man auch in Banktürmen mit Papier giftiges Zeug schaffen kann.“

Schnelle Erholung vom Lehman-Schock

Hinzu kommt, dass 2008 nicht nur die Finanzblase geplatzt ist, sondern auch die Immobilienblase. Damit war auch der Boom der Bauwirtschaft in so unterschiedlichen Ländern wie Amerika, Irland und Spanien beendet. „Das war bitter“, sagt Traud. „Und auf einmal stellte man fest, dass es da ja noch einen anderen Bereich der Realwirtschaft gibt: die Industrie.“

Dank Industrie erholte sich Deutschland schnell vom Lehman-Schock - überraschend schnell -, und seither läuft’s. Besonders schön sieht man das am M-Dax. Dieser Aktienindex umfasst sogenannte Nebenwerte, mittelgroße deutsche Unternehmen, nicht die ganz großen wie im „Dax 30“: Viel Industrie ist darunter. Wer im Tief des Jahres 2009 auf den M-Dax gesetzt hat, der schaut derzeit wahrscheinlich mehrmals täglich zufrieden in sein Depot. Denn der M-Dax ist seither um üppige 160 Prozent gestiegen. Der Dax hingegen nur um 85 Prozent.

Nicht nur Anleger haben profitiert, sondern das gesamte Land. Denn die guten Aufträge der Industrie haben auch unser Wachstum befeuert, das trotz Euro-Krise in den vergangenen zwei Jahren erstaunlich hoch war. Der Grund dafür ist simpel: „Die Industrie ist weniger anfällig für Aufschwung und Niedergang“, sagt Gertrud Traud. Von einer Maschinenbau-Blase hat noch keiner etwas gehört. Finanzprodukte und Immobilien sind gefährdeter. So hat die Industrie uns krisenfest gemacht.

Wenn man verstehen will, wie es zum deutschen Industriewunder kommen konnte, dann muss man aufs Land fahren. Gut, es gibt auch Wolfsburg oder Stuttgart mit ihren Autobauern und Zulieferern. Doch Industriekonzerne haben andere Länder auch. Unternehmen, die Deutschland so besonders machen, finden sich eher in Ostwestfalen-Lippe, auf der Schwäbischen Alb oder im Sauerland. Und zwar schon seit über hundert Jahren.

Es sind Firmen wie Kusch und Co. Ein Familienbetrieb, der Sessel und Tische herstellt. Rund 50 Millionen Euro Umsatz, 430 Mitarbeiter, Sitz und komplette Produktion in Hallenberg, einem Ort mit weniger als 5000 Einwohnern im Sauerland. Die Chefin, Ricarda Kusch, ist 30 Jahre alt und kommt aus der Eigentümerfamilie. „Die letzten Jahre waren gute für die Industrie im Sauerland“, sagt sie. „Die Nachfrage weltweit war groß und wir waren wettbewerbsfähig.“

Firmen mit weniger als 500 Mitarbeitern sind sehr wichtig

Es sind Firmen mit weniger als 500 Mitarbeitern, die in der deutschen Industrie die meisten Menschen beschäftigen. Vier Millionen Deutsche arbeiten dort und exportieren in alle Welt. „Es gibt kein anderes Land, das so viele größere Mittelständler hat, die den Weltmarkt bedienen“, sagt Karl Lichtblau vom arbeitgebernahen Beratungsunternehmen IW Consult. Es sind diese Unternehmen, die dafür verantwortlich sind, dass wir noch so viel Industrie haben. Sie haben sich besonders lange nicht beirren lassen, hatten vielleicht auch gar nicht die Mittel dazu, ganz neu anzufangen. Jetzt profitieren sie. „Man könnte auch sagen: Langsamkeit wird belohnt“, sagt Ökonomin Traud.

Allerdings hatte dieses Beharren auch einen Preis. Den haben die Unternehmen in den 90er Jahren gezahlt. Kusch und Co erlebte damals wie viele andere den großen Einbruch. „Wir mussten eine Sozialplan erstellen und Mitarbeiter abbauen“, erzählt Kusch. Das ist nicht leicht für einen Unternehmer in einem kleinen Ort wie Hallenberg, wo man den Entlassenen immer wieder über den Weg läuft. „Aber es war nicht anders möglich.“ Zusätzlich machte die Firma zweierlei: Sie ging in die Weltmärkte hinaus. Und sie wandelte sich vom reinen Produzenten zum Dienstleister mit angeschlossener Produktion.

So machten es auch die anderen. „Alle Industrieunternehmen bieten heute längst auch Dienstleistungen als Produkte an“, sagt Karl Lichtblau. Was das heißt? Sie planen, beraten, mischen sich in den Handel ein und warten die Produkte, die sie verkauft haben. Und sie gehen in alle Welt hinaus.

Günstige Politik

Dieser Wandel ist ein Erfolgsgeheimnis der deutschen Industrie. Ein anderes ist die günstige Politik. Die Agenda 2010 hat die Lohnstückkosten gesenkt. Und der Euro hat dazu geführt, dass die Konkurrenz in Italien nicht mehr einfach billiger werden kann, indem sie abwertet.

Bei all den guten Nachrichten darf man allerdings eines nicht vergessen. Die Industrie bringt auch einen Nachteil mit. Denn sie hängt besonders stark an der Weltkonjunktur. „Geht es irgendwo bergab, merkt das zuerst die Industrie“, sagt Traud. „Die Aufträge gehen zurück.“ Zuletzt war dies allerdings erstaunlich wenig relevant, denn die Konjunktur der Welt lief nicht synchron. Was die Amerikaner weniger kauften, glichen die Chinesen und Brasilianer aus.

Das muss nicht so bleiben. Schon jammern die Autobauer über wegbrechende Aufträge, die Maschinenbauer werden vorsichtiger, und die Wirtschaftsprognostiker erwarten schlechtere Zeiten. Es kann also wieder härter werden für die deutsche Parade-Branche. Gertrud Traud sieht das gelassen: „Wir Deutsche sind Tüftler“, sagt sie. „Wir lassen uns schon etwas einfallen.“

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Jahrgang 1979, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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