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Stadtflucht : Plötzlich kommen die Großstädter

Wanfried: Jede Menge historische Bausubstanz Bild: Pilar, Daniel

Wanfried ist vielen ein Rätsel. Die Stadt in Osthessen verliert Einwohner, bringt aber mit Erfolg Fachwerkhäuser auf den Markt. Wie schafft sie das?

          Tiefgrau hängt der Himmel überm Werratal, aber die Stimmung von Birgit Maske-Pagel und ihrem Mann Rainer trübt das nicht. Daran ändern auch nichts die frischen Schnitte in der Folie, die das freigelegte Fachwerk ihres Hauses und den dahinterliegenden Raum im Erdgeschoss vor Regen, Spritzwasser und Eindringlingen schützt. „Ist sowieso ein Wunder, dass das über den ganzen Winter gehalten hat“, sagt Rainer Pagel gelassen und flickt das dünne Kunststoffkleid mit Klebeband. Seit Monaten schon ist das stattliche Fachwerkhaus an der Marktstraße des Städtchens Wanfried eine einzige Baustelle. Das wird noch Monate so bleiben, denn Pagels haben sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt. Sie wollen das Baudenkmal aus dem 16. Jahrhundert so originalgetreu wie möglich sanieren und zu ihrem neuen Zuhause machen.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Vor mehr als einem Jahr haben die beiden das Kaufangebot für das Haus auf der Internetseite der Bürgergruppe Wanfried entdeckt. Sie habe sich sofort darin verliebt, erzählt Birgit Maske-Pagel. Und weil die Liebe zum Haus sich auch auf Wanfried selbst und Umgebung ausgedehnt hat, fährt das Ehepaar nun die 240 Kilometer von ihrem Noch-Wohnort Wiesbaden in diesen östlichsten Winkel Hessens, übers Wochenende und in den Ferien, wann immer es geht.

          Es ist kein Zufall, dass die beiden nach Wanfried gekommen sind. Im Fernsehen hatten sie einen Beitrag über diese kleine Stadt gesehen, der seit Jahren gelingt, wovon viele andere Gemeinden in der deutschen Provinz träumen: Käufer für leerstehende Häuser zu finden - und den Ort damit am Leben zu erhalten. Denn ums Überleben geht es jenseits der Zentren längst. In Brandenburg genauso wie in Bayern, im Sauerland ebenso wie im Harz, an der norddeutschen Küste wie in Mecklenburg-Vorpommern, im Westerwald, in Franken. Während der Zustrom in Großstädten wie Berlin und München oder Ballungsgebieten wie dem Rhein-Main-Gebiet nicht abreißt, siecht die Provinz dahin. Erst fehlt es an Arbeit, dann an der Jugend und so an Perspektive. In einigen Kommunen ist die Lage so dramatisch, dass sogar drastische Mittel wie etwa eine Abwrackprämie für Gemeinden diskutiert wurden, weil es zu teuer ist, die Infrastruktur wie die Müllabfuhr oder das Abwassersystem für eine Handvoll Bewohner aufrechtzuerhalten. Insgesamt 240 schrumpfende Städte und Kreise hat das IW Köln gezählt.

          Nicht tatenlos zusehen

          Auch für Wanfried geht es seit Mitte der neunziger Jahre bergab. Nach einer kurzen Wachstumsphase nach dem Fall der innerdeutschen Grenze zogen die Menschen in Scharen davon. 2006 zählte die Stadt 4366 Einwohner - 600 weniger als elf Jahre zuvor. Damals standen allein in der Altstadt 21 Fachwerkhäuser ohne Aussicht auf neue Bewohner leer. Da beschlossen einige Wanfrieder, eine Bürgergruppe zu gründen und sich auf die Suche nach Käufern zu machen.

          Maßgeblich geholfen haben ihnen zunächst zwei Urlauber aus Holland, die begeistert von der Natur wie von den Fachwerkhäusern waren und anregten, diese auf einem niederländischen Internetportal zum Kauf anzubieten. Die Aktion hatte solchen Erfolg, dass Wanfried damit bald schon für Schlagzeilen sorgte.

          Fünf Jahre später sind es nicht nur Niederländer, sondern auch Käufer aus den westdeutschen Ballungszentren, die im einstigen Zonenrandgebiet auf Haussuche gehen - sei es für die Ferien oder wie die Pagels, weil sie einen Ort suchen, an dem sie alt werden wollen. Am Leben in der Provinz reizen nicht nur die niedrigeren Lebenshaltungskosten. Hier ist das Tempo langsamer, das empfinden sie als wohltuend.

          Wie machen die das?

          „Die Großstädter kommen“, gibt sich Bürgermeister Wilhelm Gebhard zuversichtlich. Jeder Käufer, der sich für ein Haus in Wanfried entscheidet, macht den Menschen vor Ort Mut, dass es mit ihrer Stadt weitergeht. Die Bürgergruppe, zu der Gebhard schon gehörte, als er noch nicht im Rathaus saß, hat mittlerweile immerhin 40 Häuser vermittelt. „Den Neubau haben wir hinten angestellt, wir konzentrieren uns auf die Leerstandsbekämpfung“, sagt er. Das bedeutet in manchen Fällen auch, Erben aufzuspüren und sie vom Verkauf zu überzeugen - oft zu einem Preis weit unter dem Buchwert.

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