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Staatsschulden : Weidmann sieht Kritik an Rogoff-Studie gelassen

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann Bild: dpa

Nachdem zwei amerikanische Forscher einen Rechenfehler in einer Studie über die negativen Folgen hoher Staatsschulden eingeräumt hatten, war die Aufregung unter Ökonomen groß. Bundesbankpräsident Weidmann hält die Aufregung für übertrieben.

          Bundesbankpräsident Jens Weidmann mahnt, in der Debatte über einen Rechenfehler in der einflussreichen Studie des früheren IWF-Chefvolkswirts Kenneth Rogoff und seiner Kollegin Carmen Reinhart Ruhe zu bewahren. „Manchmal hat man ja den Eindruck, als ob, nur weil in der Studie zwei, drei Datenpunkte fehlen, die Ergebnisse jetzt auf den Kopf gestellt würden und Staatsverschuldung das Wachstum fördere“, sagte Weidmann am Rande der Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds in Washington. „Das wäre etwas fehlgefolgert und sicherlich nicht richtig.“ Grundlage der ja richtigen Konsolidierungsbemühungen sei keine Studie, sondern ein breites empirisches Bild und auch ökonomische Zusammenhänge, sagte Weidmann. In den Beratungen der G-20-Finanzminister und Notenbankgouverneure habe die Diskussion um die Reinhart-Rogoff-Studie keine Rolle gespielt.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Die beiden Harvard-Ökonomen Reinhart und Rogoff hatten gezeigt, dass in Ländern mit einer Staatsschuldenquote über 90 Prozent das Wirtschaftswachstum geringer ist. Die 90-Prozent-Marke war ein häufig gehörtes Argument in den Debatten um den Sparkurs hochverschuldeter Länder. Jetzt gibt es Kritik, weil in einer frühen Rogoff-Studie einige Länder in der Excel-Tabelle irrtümlich ausgeklammert wurden und einige Zahlen aus der Nachkriegszeit fehlten, als Staaten wie Neuseeland trotz hoher Schulden hohes Wachstum hatten. Daraufhin hatten Gegner einer Sparpolitik wie Nobelpreisträger Paul Krugman triumphiert, die ökonomisch-theoretische Grundlage der Defizitabbaupolitik sei nun vernichtet. Vergangene Woche hatten drei Ökonomen der Universität von Massachussetts der Studie einige Fehler nachgewiesen (F.A.Z. vom 18. April). Peinlich war, dass Reinhart und Rogoff die ersten fünf Länder im Alphabet - Australien. Österreich, Belgien, Kanada und Dänemark - versehentlich in ihrer Excel-Berechnung übersprungen hatten.

          Viele Excel-Rechnungen sind fehlerhaft

          Der IT-Professor Ray Panko sagte unterdessen, 88 Prozent aller Rechnungen mit dem Excel-Tabellenkalkulationsprogramm enthielten Fehler. Das sei gerade bei größeren Datenmengen und Formeln der Fall. „Selbst wenn die Tabellen sorgfältig entwickelt werden, dann enthalten ein Prozent oder mehr der Formel-Felder Fehler.“ In großen Tabellen mit Tausenden von Formeln gebe es Dutzende von nicht entdeckten Irrtümern, sagte Panko, der an der Universität von Hawaii forscht.

          Gebhard Kirchgässner, Professor für Volkswirtschaft in St. Gallen, hat schon früher davor gewarnt, dass viele ökonometrische Studien kleinere und größere Fehler enthalten. „Die meisten Fehler werden nicht aufgedeckt“, sagte Kirchgässner dieser Zeitung. Er verwies auf zwei Studien des „Journal of Money, Credit and Banking“ aus den achtziger und neunziger Jahren. Diese ergaben, dass in der Mehrzahl der untersuchten ökonometrischen Studien aus der Zeitschrift die Ergebnisse der Rechnungen von einem unabhängigen Gutachter nicht nachvollzogen und wiederholt werden konnten. „Manchmal fehlten die Daten, manchmal gab es kleine Fehler, aber selbst kleine Fehler können massive Auswirkungen haben“, sagte Kirchgässner, der im vergangenen Jahr auf der Jahrestagung der deutschen Ökonomenvereinigung Verein für Socialpolitik in seiner Thünen-Vorlesung vor allzu großer Gläubigkeit in ökonometrische Studien gewarnt hat.

          Allerdings nahm er Reinhart und Rogoff in Schutz. Diese hätten in ihrer Studie zwar einen Programmierfehler gemacht, indem sie fünf Spalten in der Formel nicht berücksichtigten. „Diesen Fehler haben sie zugegeben.“ Die anderen Vorwürfe - etwa dass einige Daten zu Neuseelands Wachstum nach dem Zweiten Weltkrieg nicht in die Rechnung eingeflossen sind - findet Kirchgässner nicht gravierend oder stichhaltig. „Letztlich reduziert es sich auf einen Excel-Fehler, der eigentlich nicht dramatisch, aber extrem ärgerlich ist, weil er erhebliche Auswirkungen auf die Ergebnisse hat“, sagte er.

          Die Grundaussage von Reinhart und Rogoff, dass bei einer sehr hohen Staatsverschuldung das Wachstum geringer sei, werde von einer ganzen Reihe anderer Studien gestützt. Es gebe zwar keinen Knick exakt bei der 90-Prozent-Marke, aber das Wachstum nehme ab. Andere Forscher haben indes zu bedenken gegeben, dass der Zusammenhang (Korrelation) noch keine Wirkung (Kausalität) belege und zweitens die Richtung der Wirkung auch umgekehrt sein könne: Möglich sei auch, dass Länder mit geringem Wachstum auf die Dauer in die Überschuldung rutschten.

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