25.10.2008 · Die Deutsche Bank könne ja auf staatliche Hilfe verzichten, heißt es in der Finanzwelt. Aber es gehe nicht an, alle anderen Manager als Versager darzustellen, wenn sie auf das staatliche Eigenkapital zurückgreifen müssten. Der Streit zeigt, wie sehr die Finanzmarktkrise die Bankenwelt in ihren Grundfesten erschüttert.
Von Holger PaulDie Stimmung in den deutschen Bankentürmen ist schon lange nicht mehr gut, aber seit kurzem ist die Atmosphäre noch frostiger geworden. Die Deutsche Bank hat einen Teil der Branche gegen sich aufgebracht; zwischen ihrem Vorstandsvorsitzenden Josef Ackermann und dem Bankenpräsidenten und Commerzbank-Aufsichtsratschef Klaus-Peter Müller herrscht angeblich Funkstille. Ackermann hat sich den Zorn seiner Kollegen mit der Bemerkung zugezogen, er schämte sich, nähme sein Haus in der Krise Staatsgeld an. Die Deutsche Bank könne ja ruhig auf die staatliche Hilfe verzichten, heißt es dazu in der Frankfurter Finanzwelt. Aber es gehe nicht an, alle anderen Manager als Versager darzustellen, wenn sie auf das staatliche Eigenkapital zurückgreifen müssten.
Ackermann hat mit seinem Vorpreschen eine tiefe Kluft in die Reihen des Bankenverbands gerissen, und das kurz vor der Wahl des neuen Bankenpräsidenten. Viele Institute hatten nach Verkündung des Rettungspakets gehofft, man könne bei der Regierung noch Nachbesserungen an den Konditionen der Staatshilfe erreichen. Diese gemeinsame Linie wird nun kaum noch zu finden sein.
Bankenwelt in ihren Grundfesten erschüttert
Der Streit zeigt, wie sehr die Finanzmarktkrise die Bankenwelt in ihren Grundfesten erschüttert. Vor ein paar Monaten noch hätten die privaten Geldhäuser staatlich verordnetes Eigenkapital mit Händen und Füßen abgewehrt, jetzt wären manche Institute froh, wenn sie - ähnlich wie ihre Konkurrenten in den Vereinigten Staaten oder Frankreich - zur Annahme der Hilfen gezwungen würden. Zwar zweifelt niemand daran, dass ein Institut, das um sein Überleben bangt, frisches Kapital vom Staat erbittet. Das hat die Bayerische Landesbank bewiesen. Die große Sorge in der Finanzwelt lautet allerdings, dass Banken, die auf wackeligen Beinen stehen, aus Scham oder falschem Ehrgeiz nicht zugreifen werden. Der Makel, der einem solchen Institut angeblich anhaftet, scheint aber nur in Deutschland aufzutauchen. Er lässt sich an den Kapitalmärkten nicht wirklich belegen. So stiegen zum Beispiel die Börsenkurse der französischen Banken erst einmal an, nachdem die Regierung ihnen eine Kapitalzufuhr verordnet hatte. Doch ist die Botschaft, die Ackermann unters Volk gestreut hat, klar: Nur schlechte Banken benötigen staatliche Hilfe.
Sollten nun also lediglich die Landesbanken auf das Eigenkapital der Regierung zurückgreifen, wäre das zwar ein Triumph für die private Konkurrenz. Der könnte sich allerdings in eine Niederlage verwandeln, wenn die Institute, die jetzt zögern, später doch so klamm mit Eigenkapital wären, dass sie beim Finanzminister anklopfen müssen. Ihnen droht zudem, dass die staatlich aufgepolsterte ausländische Konkurrenz mit besseren Konditionen das Rennen um die Kunden macht. Auf mehr als 15 Prozent wird die Kernkapitalquote bei so mancher Großbank im Ausland ansteigen, davon ist sogar die selbstbewusste Deutsche Bank mit ihrer Rate von zehn Prozent ein gutes Stück entfernt.
Freie Wahl für die Banken bleibt richtig
Natürlich ist die Annahme von Staatskapital mit Einschnitten verbunden, die jeder Bankmanager vermeiden will. Dabei spielt die Gehaltsbegrenzung nur eine untergeordnete Rolle. Entscheidend ist, dass der Staat aktiv in die Geschäftspolitik der Bank eingreifen will. Commerzbank, Dresdner Bank oder Hypovereinsbank müssten damit rechnen, dass ihnen die staatlichen Vertreter im Aufsichtsrat die Kreditpolitik diktieren. Es bleibt daher richtig, dass die Regierung den Banken freie Wahl gelassen hat, ob sie das staatliche Kapital annehmen wollen oder nicht. Aber wie so oft in dieser Krise haben sich die Dinge schneller und in eine andere Richtung entwickelt als vorhergesehen.
Dass die Amerikaner, Franzosen oder auch die Schweizer einen Wettlauf starten, wer seinen großen Banken am schnellsten neues Kapital zuschießt, hat die Bundesregierung und die hiesige Finanzwelt überrascht. Man wird darauf reagieren müssen, doch hoffentlich nicht mit ähnlichen Zwangsmaßnahmen. Der Staat hat sich als Krisenhelfer bewährt, als Bankenmanager nicht. Diese Lehre aus dem Debakel vieler Landesbanken sollte nicht vergessen werden.
Daher hat das britische Modell den größten Charme. Den Geldhäusern auf der Insel wird von der Aufsicht eine anspruchsvolle Kernkapitalquote vorgeschrieben, die ihr Überleben sicherstellen soll. Schaffen es die Institute in Eigenregie, ihre Kapitalpolster entsprechend aufzustocken, dann können sie freiwillig den Staat zwar immer noch um weiteres Geld bitten, sie müssen es aber nicht tun. Reißen sie dagegen die Latte, dann kommen sie unter die staatliche Kuratel. Somit werden Anreize gesetzt, eigenständig zu bleiben, gleichzeitig wird das Risiko eines Zusammenbruchs verringert.
Einige deutsche Institute hoffen, dass die Aufsichtsbehörde Bafin und die Bundesbank bald Ähnliches anordnen werden. Hinter den Kulissen laufen entsprechende Gespräche. Vielen privaten Banken wäre wohler, sie könnten dabei mit einer Stimme sprechen, um ihren Einfluss entsprechend zur Geltung zu bringen. Aber das ist durch die Haltung der Deutschen Bank wohl kaum noch möglich.
Hilfe zur Selbsthilfe
Michael Ambré (ammisabi)
- 25.10.2008, 23:31 Uhr
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