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Staatseingriffe Gouvernanten des Glücks

09.12.2009 ·  Versuche, das Bruttoinlandsprodukt durch gezielte staatliche Maßnahmen zu steigern, sind fragwürdig. Zuweilen will sich der Staat gar anmaßen, das Wohlergehen der Bürger zu steuern. Das führt in die Bevormundung.

Von Philip Plickert
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Es ist wohl kein Zufall, dass gerade jetzt, nach der schwersten Rezession seit den dreißiger Jahren, kritische Fragen zur Messung von Wachstum und Wohlstand vermehrt Beachtung finden. Ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) das Maß aller Dinge? Jenes BIP, das in der Rezession in Europa um rund fünf Prozent geschrumpft ist. Viele Menschen zweifeln daran. Alte und neue Wachstumsskeptiker fühlen sich durch die Krise bestätigt.

Vom „BIP-Fetischismus“ spricht Joseph Stiglitz, der im Auftrag von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy mit anderen Ökonomen und Sozialwissenschaftlern einen Bericht vorgelegt hat mit Vorschlägen, wie das Wohlergehen der Menschen und ganzer Nationen besser und differenzierter zu messen sei als durch die schnöde BIP-Zahl. Die Stiglitz-Gruppe will etwa Maße zur Verteilung der Einkommen stärker betonen. Auch die Europäische Kommission springt auf diesen Zug. Jüngst hat sie Pläne vorgelegt, das BIP um soziale und ökologische Indikatoren zu ergänzen.

Kritik am BIP-Konzept

Seit das BIP-Konzept in den dreißiger Jahren entwickelt wurde, gibt es auch Kritik. Das BIP misst den Wert aller in einem Jahr in einer Volkswirtschaft produzierten Waren und Dienstleistungen ohne Vorprodukte. Schon schwieriger ist die Einbeziehung der Schattenwirtschaft, die in einigen Staaten bis zu einem Fünftel der Wertschöpfung ausmacht. Gar nicht berücksichtigt werden die unbezahlten Leistungen in den Privathaushalten, die Pflege von Kindern und Angehörigen sowie ehrenamtliche Tätigkeiten.

Problematisch ist, dass auch unerwünschte Phänomene das BIP rechnerisch aufblähen: Wenn Autofahrer im Stau stehen, erhöht sich zwar der Benzinverbrauch und der Umsatz der Tankstellen, mithin steigt das BIP, wie Stiglitz kritisch bemerkt; doch der Stau schadet der Volkswirtschaft wie der Umwelt. In der reinen Brutto-Rechnung werden zudem Abschreibungen und der Verbrauch unersetzlicher fossiler Ressourcen ignoriert. Eine Nachhaltigkeitsrechnung, die nicht nur Brutto-, sondern Nettowerte enthält, ist daher angebracht.

Der Ansatz der Wachstumskritiker ist weltfremd

Andererseits ist der Ansatz der radikalen Wachstumskritiker weltfremd: Wachstum ist schlicht notwendig, um die Beschäftigung zu erhalten. Stagnation bedeutet, dass die Arbeitslosigkeit steigt, weil durch den technischen Fortschritt die Produktion rationalisiert wird. Mit der modernen Wirtschaft ist es also ähnlich wie mit einem Fahrrad: Wenn man aufhört, in die Pedale zu treten, wird es immer langsamer, bis es umfällt. Allerdings haben die klügeren Wachstumsskeptiker wie Meinhard Miegel natürlich recht, dass wir auf eine qualitative Verbesserung unserer Produktion und eine weniger Ressourcen verschwendende Wirtschaft zielen müssen.

Die Frage nach dem guten Leben stellt sich nach dieser Krise, die viele materielle (Schein-)Werte zerstört hat, mit neuer Schärfe. BIP reimt sich nicht auf Glück, dazu gehört viel mehr. Steigert materieller Wohlstand das Glücksempfinden dauerhaft? Die moderne ökonomische Glücksforschung ist sich darin nicht einig. Einer ihrer Pioniere, der amerikanische Volkswirt Richard Easterlin, vertritt die paradoxe These, dass die steigenden Einkommen unsere Gesellschaften nicht glücklicher gemacht haben, weil auch die Ansprüche gewachsen sind. Wichtiger erscheint vielen Menschen ihre relative Einkommensposition: Wer mehr verdient als der Kollege, der Nachbar oder der Durchschnitt, fühlt sich subjektiv gut, wer weniger bekommt, ist unzufrieden.

Aus dieser These, die in Fachkreisen nicht unumstritten ist, könnte man ein umfassendes egalitäres Programm ableiten. Die EU-Kommission zielt in diese Richtung. Die Brüsseler Zentrale will die neuen sozialen Indikatoren auch dazu nutzen, um Unterschiede zwischen den Regionen und „gesellschaftlichen Gruppen“ abzubauen. Schleichend maßt sich Brüssel mehr Befugnisse in der Sozialpolitik und zum „social engineering“ an. Aus dem Kontinent der Vielfalt droht so ein Projekt der Gleichmacherei zu werden.

Anfällig für Manipulation und Missbrauch

Neue Sozialindikatoren können ein differenziertes Bild unserer Gesellschaften geben. In der Hand der Politik erscheinen sie aber – wie jede Statistik – anfällig für Manipulation und Missbrauch. Zudem können sie zu der Vorstellung verleiten, der Staat sei umfassend verantwortlich für das Wohlergehen der Bürger. Auf diesem Weg, der mit guten Absichten gepflastert ist, sind wir schon ein weites Stück voran gekommen. Er führt in zunehmende Bevormundung und Unfreiheit. Das zeigen etwa die Gesundheitsvorschriften, die aus Brüssel ergehen. Gegen das Rauchen, gegen Alkohol, gegen zu fette Speisen und zu süße Getränke werden Verbots- und Warnschilder errichtet. Wie Gouvernanten spielen sich Politiker und Beamte auf, die dem als unvernünftig, sogar unmündig erachteten Bürger einen besseren Lebensstil anerziehen wollen.

Solche Tendenzen sollten selbstbewusste Bürger zurückweisen. Die Gesellschaft wie auch die Wirtschaft braucht mehr Freiräume. Schon die Versuche, das BIP durch gezielte staatliche Maßnahmen zu steigern, sind fragwürdig. Absurd wäre der Versuch, das Bruttoglück der Bevölkerung steuern zu wollen.

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