02.12.2011 · 37 Mitarbeiter im Pariser Finanzministerium müssen regelmäßig Abnehmer für Staatsanleihen finden. In diesem Jahr verkaufen sie Papiere im Wert von 184 Milliarden Euro. Der Druck wächst täglich. F.A.Z.-Korrespondent Christian Schubert hat ihnen über die Schulter geschaut.
Zutritt haben nur Mitarbeiter und ausgewählte Besucher: Mit dem Aufzug in den neunten Stock, dann einmal rechts, einen langen Flur entlang, durch eine Doppeltür, den Sicherheitscode eingeben oder eine elektronische Karte zücken, und angekommen ist man im Reich der 37 Männer und Frauen, die Frankreichs Wirtschafts- und Sozialmodell sichern. „Agence France Tresor (AFT)“ ist jene Abteilung im französischen Wirtschafts- und Finanzministerium, die Frankreichs Schulden an den Märkten unterbringt. Anders als die 300 Mitarbeiter der allerdings mit mehr Aufgaben ausgestatteten Finanzagentur in Frankfurt haben sie kein repräsentatives Gebäude, sondern belegen nur einen kleinen Flügel im raumschiffartigen Bürokomplex des Wirtschafts- und Finanzministeriums in Paris. Ohne die drei Dutzend Beamte wäre der französische Staat, der seit fast vier Jahrzehnten mehr ausgibt als er einnimmt, freilich bankrott. Staatsanleihen in Höhe von 184 Milliarden Euro verkaufen sie in diesem Jahr an die Investoren.
Wegen der angespannten Lage an den Finanzmärkten und des drohenden Verlustes der französischen AAA-Höchstnote sind die AFT-Mitarbeiter nervös. Ein führender Manager macht einen Witz über schnell und langsam arbeitende Beamte, will nachträglich damit aber auf keinen Fall zitiert werden. Jedes Wort muss auf die Waagschale. „Die Lage ist nicht leicht. Doch viele Schuldenagenturen befinden sich heute in einer schwierigen Situation“, sagt der AFT-Generaldirektor Philippe Mills. „Im Moment hat Frankreich die Note AAA mit stabilem Ausblick. Das ist, was zählt. Es gibt aber viele Fragen und Gerüchte zu diesem Thema, übrigens oft kurz vor unseren Auktionen. Damit versucht man, die Kurse zu beeinflussen“, sagt der AFT-Chef.
Alle paar Wochen schreitet die französische Schuldenagentur zur Versteigerung. Sieben Tage vorher sind die Vertreter von zwanzig ausgewählten nationalen und internationalen Banken - den „Spécialistes en valeurs du Trésor (SVT)“ oder im englischen Fachjargon „primary dealers“ - einberufen worden, um sie nach ihren Markteinschätzungen zu befragen. Zu welchen Kursen mit welcher Rendite sind sie an französischen Staatsanleihen in welchem Volumen interessiert, wollen die Beamten wissen. Am Tag danach geben die Staatsdiener ihr Auktionsprogramm bekannt. Anders als in Deutschland veröffentlichen die Franzosen aber kein festes Volumen, sondern eine Spanne wie etwa „sieben bis acht Milliarden Euro“. Damit erhalten sie sich Flexibilität, wenn die Nachfrage schwach sein sollte.
Am Tag der Auktion herrscht im Handelssaal angespannte Stimmung. Verschanzt hinter Bildschirmen und eingeklemmt zwischen Aktenstapeln und Computertastaturen starren die Mitarbeiter konzentrierter als sonst auf die Kurstabellen. Am Vormittag fragen sie die Stimmung unter den Banken am Telefon noch einmal ab. Dann gehen die ersten Gebote ein. Die Versteigerung findet an den Bildschirmen statt, daher wissen die Bieter nichts von den jeweiligen Angeboten der Konkurrenz. „Ansonsten gäbe es das Risiko von Absprachen“, sagt Agenturchef Mills. In den letzten zehn Minuten der knapp einstündigen Auktionen überschlagen sich die Offerten. Dann ist die Versteigerung mit einem Schlag beendet. Doch immer noch ist Eile geboten, denn die Märkte wollen mit den Papieren versorgt werden. Innerhalb von fünf bis zehn Minuten entscheidet die Agentur, welches Volumen sie innerhalb der zuvor genannten Spanne den Banken zukommen lässt, und wie sie es auf die Titel mit verschiedenen Laufzeiten verteilt.
Die abnehmenden Banken sind dabei nur Großhändler, wie sie Mills nennt. „Sie behalten nur wenig, meistens für ihr eigenes Treasury. Sie reichen die Anleihen stattdessen an Zentralbanken, an Staatsfonds, an Versicherungsgesellschaften, an Pensionsfonds und an Vermögensverwalter weiter“. Zwischen 2009 und 2011 sank der Anteil der Banken von 20 auf 2 Prozent. Eine wichtige Funktion als Garant des Staates erfüllen die zwanzig ausgewählten Banken aber dennoch. Jede muss versprechen, im Laufe eines Jahres mindestens 2 Prozent der Staatsanleihen abzunehmen. 40 Prozent der französischen Staatsschuld sind damit schon garantiert. Zum Vergleich: In Deutschland garantieren 38 ausgewählte Banken jeweils 0,05 Prozent, wodurch eine Garantie von 19 Prozent zusammenkommt.
„Unsere Arbeit ist immer dann delikat, wenn die Märkte nervös sind. Das ist derzeit der Fall“, sagt Mills. Umso wichtiger wird die zweite Rolle von AFT, das Marketing für die Staatsschulden. „Unsere Rolle besteht darin, daran zu erinnern, dass die französischen Staatsschulden viele Vorzüge haben“. In aller Welt werben die AFT-Mitarbeiter für die Attraktivität der französischen Schulden, betonen, wie sicher die Tilgung und wie attraktiv die Rendite ist. 26 Länder von Chile bis China haben die Beamten im vergangenen Jahr besucht, hielten Vorträge und absolvierten Einzelbesuche bei den besonders wichtigen Investoren. „Wir arbeiten hart daran, eine diversifizierte Investorenbasis zu haben“, sagt Mills. „Das ist ein großer Vorteil für den Fall, dass ein Teil der Schulden etwa von einer Kategorie von Investoren weniger nachgefragt wird. Je mehr Diversifizierung man hat, desto mehr Sicherheit“. Jeweils ein Drittel der Staatsschuld entfällt auf Investoren aus Frankreich, der Eurozone und den Rest der Welt.
Dass Frankreich seine Schulden heute nur noch zu Zinsen los wird, die einem Land mit der Note Doppel-A und nicht Triple-A entsprechen, wollen die Beamten indes nicht kommentieren. Lieber weisen sie daraufhin, dass ihre Auktionen in diesem Jahr dennoch um das 2,4-fache überzeichnet waren. Das ist mehr als in Deutschland, das in diesem Jahr allerdings auch deutlich größere Volumina emittiert hat. Die hohe Überzeichnung in Frankreich hängt auch mit der sogenannten Flucht in die Qualität zusammen. Denn nach den deutschen Staatsanleihen gelten in Europa die französischen Papiere noch als die sichersten - allerdings mit wachsendem Abstand zum deutschen Nachbarn.
Wenige schreiben über die wirkliche Lage in Deutschland.
bernd ullrich (demokrat2)
- 03.12.2011, 08:39 Uhr
Angst um die Krise in Frankreich
Albino Albano (albinalban)
- 02.12.2011, 17:23 Uhr
Warum müssen Staaten überhaupt Schulden machen?
Bryan Hayes (bhayes)
- 02.12.2011, 13:39 Uhr
Wenn nicht nachhaltig und kreativ gespart wird
Jürgen Wenz (satyrffm)
- 02.12.2011, 12:30 Uhr
Sehr guter Artikel (bis auf den peinlichen 0,5% Fehler..
Alex Merck (AlexM3)
- 02.12.2011, 12:19 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2465 | −0,19% |
| Rohöl Brent Crude | 106,29 $ | −0,52% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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