18.01.2009 · Sowohl in der amerikanischen als auch in der britischen Hauptstadt wird die Schaffung einer "Bad Bank" erwogen. Eine solche Einrichtung könnte den Banken faule Wertpapiere abnehmen. In London wird eine Entscheidung für die kommende Woche erwartet.
Von Bettina Schulz und Claus TiggesIn Washington und London werden mit Hochdruck Pläne für zusätzliche Maßnahmen zur Rettung angeschlagener Banken geschmiedet. Sowohl in der amerikanischen als auch in der britischen Hauptstadt wird die Schaffung einer staatlichen „Bad Bank“ erwogen, an die Kreditinstitute und andere Finanzmarktakteure faule Kredite und problematische Wertpapiere auslagern können - in der Hoffnung, durch diese Entlastung die Kreditvergabe an Verbraucher und Unternehmen wieder in Gang zu setzen.
Die künftige amerikanische Regierung arbeitet derzeit an den Details, wie die zweite Hälfte des im Herbst 2008 aufgelegten 700 Milliarden Dollar schweren Rettungspakets für das Finanzsystem am sinnvollsten eingesetzt werden kann. Die scheidende Regierung von Präsident George Bush hatte zwar ursprünglich ins Auge gefasst, den angeschlagenen Banken „toxische“ Wertpapiere, die im Zusammenhang mit dem kollabierten Markt für Hypothekendarlehen stehen, im Rahmen von Auktionen abzukaufen. Dadurch wäre de facto unter dem Dach des Finanzministeriums eine „Bad Bank“ entstanden. Finanzminister Paulson hatte diesen Plan aber zugunsten von direkten Kapitalbeteiligungen an einer Vielzahl von Banken fallengelassen.
Fed handelt schon als „Bad Bank“
Der Vorsitzende der amerikanischen Notenbank Federal Reserve (Fed), Ben Bernanke, hat Anfang dieser Woche auf die Notwendigkeit zusätzlicher staatlicher Hilfe für Banken hingewiesen: „Die schlechten Wirtschaftsaussichten, fortgesetzte Verluste aus dem Kreditgeschäft und Wertberichtigungen von Wertpapieren werden vermutlich noch eine Weile Druck auf die Bankbilanzen und deren Fähigkeit zur Kreditvergabe ausüben. Zusätzliche Kapitalspritzen und staatliche Bürgschaften können nötig werden“, sagte der Währungshüter kürzlich in London.
Die Fed selbst hat schon wie eine „Bad Bank“ gehandelt, als sie im März vergangenen Jahres problematische Wertpapiere von der angeschlagenen Investmentbank Bear Stearns übernahm, um deren Übernahme durch JP Morgan zu ermöglichen. Außerdem muss die Fed für Verluste geradestehen, die der Großbank Citigroup im Zusammenhang mit problematischen Wertpapieren entstehen könnten.
Die Fed und das Finanzministerium hatten sich im November darauf verständigt, das Ausfallrisiko für Wertpapiere aus dem Portfolio der Citigroup im Wert von rund 300 Milliarden Dollar zu übernehmen. Sowohl im Fall von Bear Stearns als auch von Citigroup ist eine Staffelung der Verluste vereinbart worden; bis zu einem bestimmten Betrag müssen sie von JP Morgan und Citigroup selbst getragen werden, erst danach springen Finanzministerium, die staatliche Einlagensicherungsgesellschaft FDIC beziehungsweise Fed ein.
Gleiches gilt für die staatlichen Garantien, die sich die Bank of America am Donnerstag für Vermögenswerte in ihren Büchern im Wert von 118 Milliarden Dollar gesichert hat. Nach diesem Muster könnte auch die Regierung von Präsident Barack Obama in den nächsten Wochen verfahren, heißt es in Washington. Die Übernahme solcher Bürgschaften würde die explizite Gründung einer „Bad Bank“ als eigene Gesellschaft unnötig machen. Doch sei dies durchaus eine Option, heißt es insbesondere aus der Fed.
Britische Regierung hält weitere Maßnahmen für notwendig
In London wird eine Entscheidung über konkrete Maßnahmen für die kommende Woche erwartet. Vor allem Mervyn King, der Gouverneur der Bank von England, dringt auf eine rasche Entscheidung. Aber auch Finanzminister Alistair Darling und Premierminister Gordon Brown scheinen zu der Einschätzung gekommen zu sein, dass die bisherigen Hilfsmaßnahmen - Aufstockung des Bankenkapitals, Gewährung von Finanzierungs- und Liquiditätshilfen - zwar eine systemische Bankenkrise verhindert haben, dass aber die sich dramatisch ausweitende Rezession und sehr zögernde Kreditvergabe der Banken weitere Maßnahmen notwendig machen.
Denn je schlimmer die Rezession ausfällt und je mehr die Banken mit Kreditausfällen rechnen, desto mehr Eigenkapital wird durch den bereits bestehenden Kreditbestand gebunden. Dies behindert die Banken immer mehr, neue Kredite zu vergeben, was wiederum die Volkswirtschaft weiter abwürgt. Gleichzeitig verschlechtert sich die Bewertung der bestehenden Kreditrisiken an den Finanzmärkten dramatisch; das zwingt die Banken zu immer mehr Abschreibungen, welche wiederum die Eigenkapitalbasis der Banken immer weiter schwächen.
Hohe Risiken in britischen Bankbilanzen
Nach Schätzungen von Credit Suisse lasten noch 60 Milliarden Pfund Risikopositionen von strukturierten Kreditprodukten auf den britischen Bankbilanzen. J.P. Morgan hat errechnet, dass die britischen Banken Lloyds TSB, HBOS, Royal Bank of Scotland (RBS) und Barclays zusammengenommen technisch insolvent wären, müssten sie die Abschreibungen auf diese Risikopositionen sowie auf normale Kredite sofort tragen. Das Eigenkapital wäre zu 92 Prozent aufgezehrt - und die Situation wird stetig ernster. „Im jetzigen Stadium müssen die Bankbilanzen neu strukturiert werden“, warnt JP Morgan.
Die Überlegungen der Regierung in London, wie den Banken die gewaltigen Belastungen der Verlustrisiken aus bisherigen, derivativen Finanzinstrumenten aus den Bilanzen genommen werden können, zielen unter anderem auf die Schaffung einer „Bad Bank“. Der Staat übernimmt dabei zu einem drastisch reduzierten Preis die schlimmsten Risikopositionen von den Bankbilanzen, verwaltet sie, trägt das Ausfallrisiko - und profitiert im günstigen Fall von den langfristigen Tilgungen auf die Kreditpositionen.
Im Gegenzug Beteiligung des Staates
Finanziert wird diese staatliche Bank entweder durch Finanzierungspapiere, die die betroffenen Banken abnehmen müssen. Dafür müssen sie Kapital von den Aktionären aufnehmen, können dann mit bereinigter Bilanz aber wieder neue Kredite ausgeben. Oder der Staat erhält im Gegenzug eine Beteiligung an den Einlagen der Banken. Es scheint klar, dass sich Lloyds TSB, HBOS und die RBS an diesem Konzept beteiligen würden, denn bei ihnen ist der Staat ohnehin schon Teilhaber. Die Teilnahme von Barclays ist offenbar noch nicht geklärt. HSBC, Standard Chartered und Abbey würden sich sicherlich nicht engagieren, meint JP Morgan.
Nach einer Berechnung von JP Morgan könnten Lloyds TSB, HBOS und RBS 192 Milliarden Pfund Risikopositionen an diese neue „Bad Bank“ abgeben, und Barclays nochmals weitere 62 Milliarden Pfund. Würde eine Eigenkapitalquote von 6 Prozent angenommen, müsste der Staat 53 Milliarden Pfund Kapital in diese „Bad Bank“ einschießen. Er würde je nach Finanzierungsmodell bis zu 10 Prozent Marktanteil an britischen Bankeinlagen erhalten. Lloyds TSB und HBOS müssten nochmals 13 Milliarden Pfund Eigenkapital aufnehmen, RBS 6 Milliarden und Barclays 3 Milliarden Pfund.
Dies alles hängt freilich davon ab, zu welchem Preis der Staat die Risiken aufkaufen würde. Auch müsste gewährleistet sein, dass die Banken Kapital aufnehmen, sich künftig an strikte Kreditvergabebedingungen halten und sie sich möglicherweise langfristig an Ausfallverlusten des Staates aus der „Bad Bank“ beteiligen.
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