Home
http://www.faz.net/-gqe-74a3o
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
Risikoabsicherung

Staatenbund oder Bundesstaat Heiliges Römisches Europa

Weder Staatenbund noch Bundesstaat: Lange galt das Heilige Römische Reich als undurchschaubares Zwitterwesen. Für die Zukunft Europas könnte es ein Vorbild sein. Eine Geschichtsstunde.

© Interfoto Vergrößern Haupt und Glieder: Neben den sieben Kurfürsten (erste Reihe, nebst Papstwappen) vereinte das Reich rund 300 Territorien. Das ging Hunderte von Jahren gut.

Nein, eine gute Presse hatte dieses Gebilde nicht. Es war weder ein Staatenbund noch ein Bundesstaat, Entscheidungsprozesse zogen sich lange hin und endeten oft im Irgendwo, viele Zuständigkeiten waren gar nicht präzise geregelt. Auch das Währungssystem bedurfte ständiger Nachbesserung. Von einem „irregulären und einem Monstrum ähnlichen Körper“ sprach der Jurist Samuel Pufendorf.

Ralph Bollmann Folgen:    

Der Dichter Johann Wolfgang von Goethe, im Hauptberuf Minister eines europäischen Kleinstaats, spottete ebenfalls. Als Jugendlicher hatte er in Frankfurt am Main die Amtseinführung eines Mannes erlebt, der als oberster Repräsentant dieses kuriosen Organismus gelten konnte. „Der junge König schleppte sich in den ungeheuren Gewandstücken mit den Kleinodien Karls des Großen, wie in einer Verkleidung, einher“, schrieb Goethe. „Die Krone, welche man hatte füttern müssen, stand wie ein übergreifendes Dach vom Kopf ab.“

Man ist bei dieser Beschreibung versucht, an den europäischen Ratspräsidenten Herman Van Rompuy zu denken, wie er sich hager und einflussarm von Krisengipfel zu Krisengipfel schleppt - und liest aus Goethes Kritik die heutige Euroskepsis heraus. Aber es handelte sich um den Habsburger Joseph II., der sich 1764 von sieben mitteleuropäischen Regierungschefs zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation wählen und anschließend gleich krönen ließ.

So schlecht hat das Gebilde gar nicht funktioniert

Als der alte Goethe im Rückblick über das Ereignis schrieb, wusste er schon um den Untergang des Reichs im Jahr 1806. Spätestens seit der Gründung des Bismarckreichs 1871 galt der souveräne Nationalstaat dann als das Maß aller Dinge, eine Organisation mit klaren Grenzen und straffen Hierarchien - ein Modell, zu dem in der Europa-Debatte der Gegenwart viele zurückwollen: Sei es, dass sie den Nationalstaat alten Stils wiederherstellen möchten, sei es, dass sie ihn auf europäischer Ebene neu erschaffen wollen.

Dabei könnte das „Alte Reich“ für Europa ein Vorbild sein. Über den Nationalstaat alten Typs ist das heutige Europa Brüsseler Prägung ohnehin längst hinaus. Nach dem Ende der klassischen Moderne mit ihren starren Hierarchien ist es wieder bei einer Organisationsform angekommen, die dem Heiligen Römischen Reich auffallend ähnelt. Daran wird sich mutmaßlich auch nichts ändern, ganz gleich, wie die Debatte um Währungskrise und mögliche Integrationsschritte weitergeht.

So schlecht, wie es im Rückblick schien, hatte dieses Gebilde gar nicht funktioniert, dem am Schluss rund 300 Vollmitglieder angehörten - bis hinunter zum winzigen „Reichsdorf“. Statt einer einheitlichen Verfassung besaß das Reich eine Reihe von „Grundgesetzen“, etwa den Ewigen Landfrieden von 1495, den Augsburger Religionsfrieden von 1555 oder den Westfälischen Frieden von 1648. Das erste und wichtigste war die Goldene Bulle von 1356, die das Verfahren bei der Kaiserwahl regelte. Zur Stimmabgabe waren fortan nur die sieben Kurfürsten berechtigt - neben den Bischöfen von Mainz, Köln und Trier die weltlichen Herrscher von Böhmen, Sachsen, Brandenburg und der Pfalz.

Mehr zum Thema

Die Erfahrung des Heiligen Römischen Reichs zeigt: Ein derart komplexes und kompliziertes Gebilde kann über Jahrhunderte hinweg funktionieren, wahrscheinlich sogar besser als ein starres und stringentes Regelwerk, das an der nächsten Änderung der Zeitläufte zerbricht.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Mayers Weltwirtschaft Merkel, korrigiert

Scheitert das Recht – dann scheitert Europa wirklich. Mehr Von Thomas Mayer

28.03.2015, 15:41 Uhr | Wirtschaft
Krisengipfel in Minsk Fronten zwischen Russland und Westen verhärtet

Kurz vor dem Krisengipfel in Minsk, der die Kämpfe zwischen der ukrainischen Armee und den prorussischen Separatisten beenden soll, haben sich die diplomatischen Fronten verhärtet. Die EU-Außenminister beschlossen neue Sanktionen gegen Russland, die aber noch nicht in Kraft treten sollen. Mehr

10.02.2015, 11:18 Uhr | Politik
Frankfurter Zeitung 01.04.1915 Gedanken an Bismarck

Anlässlich Bismarcks hundertsten Geburtstag wird der Vorhang der Erinnerung aufgeschlagen, um seinem Lebenswerk zu Gedenken. Eine Reminiszenz der Frankfurter Zeitung vom 1. April 1915. Mehr

31.03.2015, 23:26 Uhr | Politik
Nach Anschlägen in Frankreich Merkel fordert besserem Informationsaustausch in Europa

Bundeskanzlerin Angela Merkel fordert einen besseren Informationsaustausch der europäischen Sicherheitsbehörden. Deutschland verfüge über ein funktionierendes Sicherheitssystem, sagte Merkel am Samstag in Hamburg. Mehr

11.01.2015, 10:09 Uhr | Politik
Hat TTIP eine Zukunft? Eine Mischung aus Angst und Zufriedenheit

Die Globalisierung hat Deutschland reich gemacht. Warum sind seine Bürger trotzdem so skeptisch gegenüber dem transatlantischen Freihandel? Mehr Von Maximilian Weingartner

21.03.2015, 14:43 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 10.11.2012, 19:22 Uhr

Musikalisches Pathos

Von Martin Gropp

Popstars wie Madonna, Rihanna und Jay-Z haben sich verbündet, um einen eigenen Streamingdienst zu gründen. Gut so, das belebt das Geschäft. Nur das Pathos ist ein wenig dick aufgetragen. Mehr


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Grafik des Tages Die riesigen Bargeldreserven der Tech-Unternehmen

Apple, Google und Co. haben riesige Bargeldbestände angehäuft. Man kommt aus dem Staunen kaum heraus und muss zum Vergleich schon die griechischen Staatsschulden heranziehen. Mehr 5