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Staatenbund oder Bundesstaat : Heiliges Römisches Europa

Haupt und Glieder: Neben den sieben Kurfürsten (erste Reihe, nebst Papstwappen) vereinte das Reich rund 300 Territorien. Das ging Hunderte von Jahren gut. Bild: Interfoto

Weder Staatenbund noch Bundesstaat: Lange galt das Heilige Römische Reich als undurchschaubares Zwitterwesen. Für die Zukunft Europas könnte es ein Vorbild sein. Eine Geschichtsstunde.

          Nein, eine gute Presse hatte dieses Gebilde nicht. Es war weder ein Staatenbund noch ein Bundesstaat, Entscheidungsprozesse zogen sich lange hin und endeten oft im Irgendwo, viele Zuständigkeiten waren gar nicht präzise geregelt. Auch das Währungssystem bedurfte ständiger Nachbesserung. Von einem „irregulären und einem Monstrum ähnlichen Körper“ sprach der Jurist Samuel Pufendorf.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der Dichter Johann Wolfgang von Goethe, im Hauptberuf Minister eines europäischen Kleinstaats, spottete ebenfalls. Als Jugendlicher hatte er in Frankfurt am Main die Amtseinführung eines Mannes erlebt, der als oberster Repräsentant dieses kuriosen Organismus gelten konnte. „Der junge König schleppte sich in den ungeheuren Gewandstücken mit den Kleinodien Karls des Großen, wie in einer Verkleidung, einher“, schrieb Goethe. „Die Krone, welche man hatte füttern müssen, stand wie ein übergreifendes Dach vom Kopf ab.“

          Man ist bei dieser Beschreibung versucht, an den europäischen Ratspräsidenten Herman Van Rompuy zu denken, wie er sich hager und einflussarm von Krisengipfel zu Krisengipfel schleppt - und liest aus Goethes Kritik die heutige Euroskepsis heraus. Aber es handelte sich um den Habsburger Joseph II., der sich 1764 von sieben mitteleuropäischen Regierungschefs zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation wählen und anschließend gleich krönen ließ.

          So schlecht hat das Gebilde gar nicht funktioniert

          Als der alte Goethe im Rückblick über das Ereignis schrieb, wusste er schon um den Untergang des Reichs im Jahr 1806. Spätestens seit der Gründung des Bismarckreichs 1871 galt der souveräne Nationalstaat dann als das Maß aller Dinge, eine Organisation mit klaren Grenzen und straffen Hierarchien - ein Modell, zu dem in der Europa-Debatte der Gegenwart viele zurückwollen: Sei es, dass sie den Nationalstaat alten Stils wiederherstellen möchten, sei es, dass sie ihn auf europäischer Ebene neu erschaffen wollen.

          Dabei könnte das „Alte Reich“ für Europa ein Vorbild sein. Über den Nationalstaat alten Typs ist das heutige Europa Brüsseler Prägung ohnehin längst hinaus. Nach dem Ende der klassischen Moderne mit ihren starren Hierarchien ist es wieder bei einer Organisationsform angekommen, die dem Heiligen Römischen Reich auffallend ähnelt. Daran wird sich mutmaßlich auch nichts ändern, ganz gleich, wie die Debatte um Währungskrise und mögliche Integrationsschritte weitergeht.

          So schlecht, wie es im Rückblick schien, hatte dieses Gebilde gar nicht funktioniert, dem am Schluss rund 300 Vollmitglieder angehörten - bis hinunter zum winzigen „Reichsdorf“. Statt einer einheitlichen Verfassung besaß das Reich eine Reihe von „Grundgesetzen“, etwa den Ewigen Landfrieden von 1495, den Augsburger Religionsfrieden von 1555 oder den Westfälischen Frieden von 1648. Das erste und wichtigste war die Goldene Bulle von 1356, die das Verfahren bei der Kaiserwahl regelte. Zur Stimmabgabe waren fortan nur die sieben Kurfürsten berechtigt - neben den Bischöfen von Mainz, Köln und Trier die weltlichen Herrscher von Böhmen, Sachsen, Brandenburg und der Pfalz.

          Die Erfahrung des Heiligen Römischen Reichs zeigt: Ein derart komplexes und kompliziertes Gebilde kann über Jahrhunderte hinweg funktionieren, wahrscheinlich sogar besser als ein starres und stringentes Regelwerk, das an der nächsten Änderung der Zeitläufte zerbricht.

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