03.08.2009 · Das Projekt „Frühstart“ fördert die Sprachentwicklung von Kindern mit Migrationshintergrund. Denn die Grundbedingung für Integration und sozialen Aufstieg ist fast immer eine gute Bildung. Doch die erlangt nur, wer dem Unterricht folgen kann.
Von Lisa Becker„Guten Morgen, guten Morgen. Ich winke dir zu, erst ich und dann du.“ Drei kleine Mädchen und vier kleine Jungen sitzen um einen Tisch und singen diesen Refrain. Dazwischen stellt sich immer ein Kind vor. Zum Beispiel Amina: „Guten Morgen, ich heiße Amina.“
In der Mitte steht ein Korb mit Äpfeln. Die Erzieherin schneidet einen Apfel in Hälften. „Das Fruchtfleisch ist weiß“, sagt ein Kind. „Und auch gelb, rot und orange“, meint ein anderes. „Und wie schmeckt der Apfel?“, fragt die Erzieherin. „Er schmeckt gut“, antwortet ein Kind. „Kannst du das noch ein wenig genauer beschreiben?“ „Süß und saftig schmeckt er.“
Sie würden die erste Grundschulklasse nicht bestehen
Es wird ständig gesprochen in dieser halben Stunde. Meistens in ganzen Sätzen. Und alle Kinder bekommen die Gelegenheit, sich zu beteiligen. Sie besuchen die Kindertagesstätte der katholischen Gemeinde Maria Hilf im Frankfurter Gallusviertel. Etwa zweimal in der Woche kommen sie zusammen, um Sprachunterricht zu erhalten. Die Sprachförderung in den Gruppen reicht für sie nicht aus. Sie würden Deutsch nicht gut genug lernen, um in der ersten Grundschulklasse bestehen zu können.
Unterrichtet werden sie von Erzieherinnen, die in einer Fortbildung auf diesen Sprachunterricht vorbereitet wurden. Dort haben sie einiges gelernt über die Sprachentwicklung und die Besonderheiten des Zweit- oder Mehrsprachenerwerbs. Außerdem bekamen sie Material für den Unterricht. Die Fortbildung ist Teil des Projekts „Frühstart“ der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, der Türkisch-Deutschen Gesundheitsstiftung, der Gölkel Stiftung und des hessischen Familienministeriums. Nachdem in einer ersten Modellphase 12 Kindertagesstätten teilnahmen, sind es von 2008 bis 2010 schon 36 Einrichtungen; diese zweite Phase kostet 1,8 Millionen Euro. Profitiert haben bisher rund 1000 Kinder.
Eine große Kraftanstrengung und ein langer Atem sind gefragt
Das Konzept von Frühstart fußt zum einen auf der Erkenntnis, dass die Grundbedingung für Integration und sozialen Aufstieg fast immer Bildung ist. Zum anderen trägt es der Tatsache Rechnung, dass eine möglichst frühzeitige Bildung besonders erfolgversprechend ist und dass gute Sprachkenntnisse die Basis sind für Bildungserfolg - in allen Bereichen. Frühstart berücksichtigt noch etwas anderes: dass ohne Eltern nur wenig geht, wie die Leiterin des Kindergartens Maria Hilf sagt. Deshalb werden im Rahmen des Projekts Elternbegleiter ausgebildet. Das können Eltern, Studenten und Rentner sein. Meistens sind sie zweisprachig, und ihre Aufgabe ist es, mit den Eltern ins Gespräch zu kommen. Im Kindergarten Maria Hilf planen die Elternbegleiterinnen, ein Elterncafé zu installieren und ein interkulturelles Frühstück anzubieten. Angedacht sind auch Informationsnachmittage, zum Beispiel zum Bildungssystem.
Nach der ersten Modellphase wurde Frühstart vom Europäischen Forum für Migrationsstudien evaluiert. Sprachschatz, Sprachproduktion und Lautbildung fast aller Kinder hätten sich verbessert, hieß es. Manche Teilnehmer hätten Kinder mit deutscher Muttersprache überholt. Auch im Kindergarten Maria Hilf ist man zufrieden, betont aber, dass die Förderung sozial benachteiligter Kinder, die oft, nicht immer aus Migrantenfamilien stammten, einer großen Kraftanstrengung und eines langen Atems bedürfe.
„Wer mehrsprachig ist, hat doch wahnsinnige Chancen“
Wichtig ist den Trägern von Frühstart auch, dass Mehrsprachigkeit als Bereicherung empfunden wird. „Wenn man mehrsprachig ist und interkulturell kompetent, dann hat man doch wahnsinnige Chancen“, sagt eine Elternbegleiterin. Auch die Hamburger Erziehungswissenschaftlerin Ingrid Gogolin hält das Aufwachsen mit zwei Sprachen für einen grundsätzlichen Vorteil: Die Kinder brächten ein implizites Wissen darüber mit, wie Sprache funktioniert. Leider gelinge es im deutschen Bildungssystem kaum, diese besondere Kompetenz zu nutzen, beklagt sie. Sogar das Gegenteil ist der Fall: Kinder mit Migrationshintergrund sind in der Schule wesentlich weniger erfolgreich und fassen seltener im Berufsleben Fuß. Sie machen einen großen Teil der Jugendlichen aus, die als nicht ausbildungsfähig gelten und für die ein späterer sozialer Aufstieg kaum möglich sein wird.
Ein wichtiger Grund dafür sei, dass die meisten Kinder schon nach vier Jahren Grundschulzeit auf verschiedene Schulformen aufgeteilt würden, sagt Gogolin. Studien über gezielte Sprachförderung zeigten aber, dass Kinder mit Migrationshintergrund nach vier Jahren oft noch nicht die für einen Bildungserfolg ausreichenden Deutschkenntnisse erworben hätten. Nach sechs bis sieben Jahren gezielter Förderung könne aber ein Sprachstand erreicht sein, wie ihn Kinder aus deutschen Elternhäusern haben. Auch für Bildungsökonomen ist ein längeres gemeinsames Lernen der wichtigste Schlüssel, um den Bildungserfolg von der sozialen Herkunft stärker zu entkoppeln. Gogolin ist jedenfalls überzeugt, dass der Bildungserfolg sozial benachteiligter Kinder deutlich größer sein könnte. „Es ist nicht alles möglich, aber einiges mehr, als man in Deutschland denkt.“ Das zeigten andere Länder.
Nur die „Bildungssprache“ verspricht einen dauerhaften Erfolg
Die Konzepte der Professorin für einen größeren Bildungserfolg von Migrantenkindern werden seit gut vier Jahren in dem Modellprogramm „Förmig“ erprobt. Bund und Länder finanzieren es bis Ende 2009 mit 15 Millionen Euro. Förmig steht für Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund. In 150 „Basiseinheiten“ in zehn Bundesländern werden 8000 Kinder und 2500 Eltern erreicht. In einer Basiseinheit werden mehrere Institutionen miteinander verknüpft, zum Beispiel Kindergärten oder Schulen mit dem Migrantenverein, der Elternschaft und der örtlichen Bibliothek.
Auch in den Förmig-Projekten ist der Sprachunterricht zentrales Element. Dabei konzentriert man sich nicht auf allgemeinsprachliche, sondern auf „bildungssprachliche“ Fähigkeiten. Nur das verspreche dauerhaften Erfolg, sagt Gogolin. Die Bildungssprache habe mehr mit der Schriftsprache gemein als mit dem alltäglichen Sprechen. Sie müsse nicht nur in Deutsch unterrichtet werden, sondern auch in anderen Fächern - und am besten fächerübergreifend. Darüber hinaus versucht auch Förmig, die Eltern mit einzubeziehen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2465 | −0,19% |
| Rohöl Brent Crude | 106,29 $ | −0,52% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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