07.05.2009 · Die Eishockey-WM in der Schweiz liefert den Beleg, dass in der Sportvermarktung kein Weg an Infront vorbeiführt. Schon seit 28 Jahren vermarktet das Unternehmen dieses Sportereignis. Der Mehrheitsaktionär ist die deutsche Kaffeedynastie Jacobs.
Von Jürgen DunschWenn am Sonntag das Endspiel der Eishockey-Weltmeisterschaft in Bern abgepfiffen wird, beginnt für ihren Vermarkter Infront die Etappe 2010 in Deutschland. Genauer gesagt, sie hat schon begonnen, denn die Planung für das Eröffnungsspiel ist sehr konkret. Es soll ein richtiger Knaller werden: Erstmals wird eine Eishockey-Partie in einem zu diesem Zweck umgebauten Fußballstadion stattfinden. Das bedeutet knapp 76.000 Zuschauer „auf Schalke“, wo Gastgeber Deutschland seinen ersten Auftritt gegen den noch unbekannten Gegner absolviert.
Infront hat die Eishockey-WM im Griff. Seit 28 Jahren ist das Unternehmen die Vermarktungsagentur, und das bedeutet eine Komplettdienstleistung von der Sponsorensuche bis zu den Fernsehübertragungen. 700 Millionen Fernsehzuschauer rund um die Welt sollen dieses Mal erreicht werden, das bedeutet einen Wert wie 2004 in Tschechien. Danach sanken die Zahlen bis auf 560 Millionen 2006 in Lettland. Bedenkt man die steigende Zahl derjenigen, die Sportübertragungen im Internet anschauen, kann man die Zufriedenheit der Infront-Manager über die WM in der Schweiz verstehen. Auch der Kartenverkauf habe mit 300.000 Tickets den Sollwert erreicht. Weniger zufrieden ist Infront-Chef Philippe Blatter mit dem Verkauf der Betreuungspakete für die Gäste von Unternehmen. Hier hat die Wirtschaftskrise schon zugeschlagen.
Gewinnung neuer Sponsoren schwerer
Für Infront ist die Eishockey-WM ein Heimspiel. Denn der bedeutende Teilnehmer im globalen Monopoly der Sportvermarkter sitzt im schweizerischen Zug. Dort profitiert er von der Nähe zu den großen Sportverbänden wie dem Weltfußballverband Fifa oder auch dem Internationalen Eishockeyverband in Zürich ebenso wie von den Niedrigsteuersätzen im Kanton Zug. Aber Blatter, ein Neffe des Fifa-Präsidenten Sepp Blatter, sagt auch: „Zug ist ein internationaler Standort, und wir haben eine qualifizierte Mannschaft, die sich mit ihren Familien hier wohl fühlt.“
Infront gehört zu gut 58 Prozent der deutschen Kaffeedynastie Jacobs, Andreas Jacobs amtiert als Vizepräsident des Verwaltungsrats. Er hatte die Beteiligung 2002 aus der Konkursmasse der deutschen Kirch-Gruppe erworben - zu einem Schnäppchenpreis, wie Kenner der Materie behaupten. Die übrigen Anteile gehören dem Kreis um den Verwaltungsratspräsidenten und ehemaligen Adidas-Chef Robert-Louis Dreyfus.
Offizielle Geschäftszahlen publiziert Infront nicht. Blatter beziffert den Umsatz im Gespräch vage auf rund 500 Millionen Franken. Zum Ertrag sagt er: „Infront wächst, ist profitabel und gesund.“ Zwischen 2006 und dem Rekordjahr 2008 habe sich das Geschäftsvolumen verdoppelt. Gegen die heraufziehende Wirtschaftskrise habe man rechtzeitig vorgesorgt. Sponsoren seien nicht abgesprungen. Blatter räumt aber ein, dass man zugunsten einer langfristigen Partnerschaft vereinzelt Preisnachlässe gewährt habe. Auch sei die Gewinnung neuer Sponsoren schwerer geworden.
Starken Fuß in der Tür des Sports in China
Im Wintersport ist Infront heute die bestimmende Größe. Von den großen Sportverbänden gehört nur die Dachorganisation im Eisschnelllauf nicht zu den Vertragspartnern. Bei den Sommersportarten zeigt der Sportvermarkter besonders im Fußball seine Muskeln. Neben den Dachverbänden Fifa und Uefa hat er vor allem in Italien, Frankreich und Deutschland Verträge abgeschlossen. Hierzulande zählen unter anderem der DFB, Werder Bremen und Schalke 04 zu den Partnern. Der Infront-Spitzenmanager Günter Netzer trägt den Titel „Botschafter der Gruppe“, was wohl die Umschreibung für Cheflobbyist darstellt.
Regional gesehen stellt China ein wichtiges Expansionsfeld dar. Hier leistet Infront nicht zuletzt im Basketball, der die Chinesen neben dem Fußball in Scharen anlockt, nach eigener Einschätzung weithin anerkannte Aufbauarbeit. Zugleich ist das Bündnis mit dem Basketball-Verband für alle wesentlichen Vermarktungselemente bei Länderspielen und in der Profiliga natürlich eine Zukunftsinvestition, mit der man einen starken Fuß in der Tür des Sports in China hat.
Teilnehmer erleben nach einiger Zeit einen Leistungsabfall
Infront beschäftigt heute mehr als 500 Mitarbeiter in zehn Ländern. Die Agentur ist Geschäftspartner von rund 130 Sportrechteinhabern und betreut nach eigenen Angaben täglich im Schnitt etwa fünf Großanlässe rund um die Welt. „Wir haben bisher keine Fehlinvestition getätigt“, behauptet Blatter. Deutschland ist indes kein einfaches Pflaster. „Der Konkurrent Sportfive ist im Fußball-Vereinsgeschäft vielleicht ein Tick stärker“, räumt Infront-Vorstand Stephan Herth ein. Die immer anspruchsvollere Vermarktung von Sportanlässen und die Wirtschaftskrise, welche die Kalkulation unsicherer machen, haben andererseits die Tendenz zur Eigenvermarktung der Vereine umgekehrt, hat er beobachtet. Infront garantiert den Vereinen Einnahmen und erhält auf der anderen Seite rund ein Fünftel des Umsatzes.
„Wir stehen auch in schlechten Wirtschaftsjahren zu unseren Partnern“, wirbt Blatter für sein Unternehmen. Für die Rechte an der Eishockey-WM hat er zum Beispiel rund eine Million Euro gezahlt. Ein Wermutstropfen bildet die Tatsache, dass in Deutschland nicht mehr die ARD der Fernsehpartner war. Stattdessen musste sich Infront mit dem Kirch-Sender Deutsches Sportfernsehen (DSF) begnügen. An Ideen für die weitere Expansion fehlt es in Zug nicht. So setzt Infront einige Hoffnung in die Superbike-Weltmeisterschaft, eine Straßen-WM für Serienmotorräder. Sieben Hersteller und zahlreiche Privatteams konkurrieren dabei um den Titel.
Das ganz große Geschäft winkt aber im Internet, wo auch eine jüngere Kundschaft erreicht werden soll. Die Stichworte sind Online-Wetten und virtuelle Meisterschaften. Die Teilnahme ist kostenlos, Trainingsstunden kosten allerdings Geld. Und Suchttendenzen bei diesen Spielen beugt Infront vor, versichert Blatter. Wie im richtigen Sport erleben die Teilnehmer nach einiger Zeit einen Leistungsabfall und müssen eine Pause einlegen.
Jürgen Dunsch Jahrgang 1948, Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.
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