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Veröffentlicht: 02.06.2014, 16:42 Uhr

Sportbekleidung Gestrickter Fußballschuh mit eingebauter Socke

Was zunächst bizarr klingt, ist tatsächlich eine Produktrevolution. Mario Götze rührt schon die Werbetrommel für die Neuheit. Und das Strickverfahren macht Handarbeit in Billiglohnländern überflüssig.

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© dpa Der neueste Schuh: Mario Götze (in gelb) trägt die Schuh-Socken-Kombination im Spiel gegen Kamerun.

Eine neue Ära kündigt sich in der Welt der Sportbekleidung an. Fußballschuhe mit eingebauten Socken – das hat es bis dato nicht gegeben. Hygienefanatiker mögen jetzt Bedenken äußern, wenn es um die Reinigung nach intensivem Benutzen auf dem Spielfeld geht. Ein Paar extra Socken wird der Spieler allerdings weiter tragen. Vielmehr geht es darum, dass die neuen Treter höher sind. Damit lassen sie nicht nur das Ballgefühl zur wahren Freude werden, sondern stellen zugleich eine hilfreiche Stütze für den Knöchel dar. Das verringert das Verletzungsrisiko: Der Sockenschuh als Kampfansage gegen Bänderdehnungen.

Rüdiger Köhn Folgen:

Nike nennt seinen neuen Fußballschuh Magista und hat ihn rechtzeitig vor der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien auf den Markt gebracht. Vertragsspieler Mario Götze rührt die Werbetrommel für diese Neuheit – und schwärmt. Der Spieler vom FC Bayern München hat den Schuh während des Länderspiel gegen Kamerun vergangenen Sonntag genauso getragen wie Nike-Kämpe Sami Khedira und Nationalelf-Neuling Erik Durm. Sie werden damit also auch zur WM nach Brasilien fahren.

Adidas nennt seinen Sockenschuh Primeknit, ist aber nicht ganz so weit. Die Herzogenauracher wollen die Kollektion erst im Frühjahr 2015 auf den Markt bringen. Noch wird am Produkt gefeilt, noch ist der Primeknit nicht reif für den Markt. Dabei wird sich zeigen müssen, wie erfolgreich Magista und Primeknit letztlich sind. Auch Herbert Hainer, Vorstandsvorsitzender von Adidas, ist sich noch nicht ganz sicher. „Es wird die Frage sein, ob der Konsument das überhaupt annimmt“, sagt er. Die Erzrivalen haben parallel entwickelt, mit vier Jahren Entwicklungszeit ähnlich lang daran gearbeitet und das Produkt in Rücksprache mit ihren unter Vertrag genommenen Fußballstars umgesetzt.

Handarbeit erübrigt sich

Derzeit verletzen sich Spieler sehr häufig am Fuß. Die Sockeninnovation soll die nötige Stabilität und Halt geben, wie auch eine bessere Kontrolle über den Ball. Bislang mussten sich Fußballspieler mit Klebebändern (Tapes) behelfen, nun übernimmt das die überhöhte Socke im Schuh.

Magista und Primeknit läuten auf der Produktseite eine neue Ära in der Welt der Fußballschuhe ein. Sie sind gestrickt; eine Innovation in Sachen Materialmix. Das Obermaterial besteht aus einem Stück. Der Boden mit der Sohle besteht aus Kunststoff, da hat sich nichts geändert. Die Stricktechnologie erhöht die Passform. Der Mittelschaft soll zu einer Einheit von Fuß, Knöchel und Unterschenkel führen, sagen die Hersteller.

Doch die Revolution reicht weiter und geht über das bloße Produkt hinaus. Hinter den Strickschuhen steht eine neue Produktionstechnologie, die der Sportartikelindustrie neue Wege öffnet. Der Schuh kann weitgehend maschinell gefertigt werden und damit Absatz, Vertrieb und Marketing verändern. Handarbeit, wie es heute in der Fertigung von Fußball- und Laufschuhen in den Billiglohnländern China oder Vietnam Gang und Gäbe ist, erübrigt sich. Für Fußballschuhe sind derzeit zahlreiche Fertigungsschritte erforderlich, für Laufschuhe können sie auf bis zu 150 anwachsen.

Das alles fällt mit dem Strickschuh weg. Folge: Die maschinelle Produktion ist flexibler und kann überall in der Welt und unabhängig von hohen oder niedrigen Lohnkosten erfolgen; in Europa zum Beispiel. „Der große Vorteil besteht darin, dass die Fertigung ohne weiteres verlagert werden kann“, sagt Hainer. „Wir können so marktnah produzieren, ob in England oder in Deutschland.“

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Für den Adidas-Chef hat Produktionstechnik mittlerweile ein mindestens genauso großes Gewicht wie der unnachgiebige Druck, ständig Produktneuheiten einzuführen. „Die Produktionstechnik wird neben neuen Produktinnovationen die große Herausforderung der nächsten Jahre sein“, sagt Hainer. Schon heute erschließt die Zusammenarbeit etwa mit dem Chemiekonzern BASF neue Welten, zum Beispiel völlig neue Materialien für einen Laufschuh. Und wie in der industriellen Welt spielt auch in dieser konsumnahen Branche zunehmend die Vernetzung der Produktion und die Digitalisierung eine größere Rolle, auch wenn sie sich noch im Anfangsstadium befindet. So werden die Prozesse beschleunigt, die Produkteinführungen flexibler und damit näher am Verbraucher ausgerichtet; nicht nur lokal. Dahinter steckt das Bestreben, sich von der bislang dominierenden Saisonalität von Frühjahr/Sommer- oder Herbst/Winter-Kollektion abzukoppeln. Das ist derzeit auch das Ziel der Modeindustrie. So können Marktschwankungen verringert und Prozesse standardisiert werden, ohne dass die Produktvielfalt leiden muss.

Hainer weiß zu gut, dass es noch ein steiniger Weg ist. 1994 hatte Adidas erstmals versucht, so etwas wie Strickelemente in den legendären Fußballschuh Predator einzubauen. Das kam nicht an. Die Franken und auch Nike starteten einen weiteren Versuch während der Olympischen Spiele in London 2012. Einige tausend Laufschuhe wurden nach dem Strickmuster gefertigt. 18 Jahre später haben sich offenbar Trends und Konsumverhalten so geändert, dass nun der große kommerzielle Vorstoß mit dem Strickschuh gewagt wird – mit der Socken-Version als besondere Variante.

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