25.05.2007 · T-Mobile-Sportchef Aldag darf bleiben, obwohl er systematisch Epo genommen hat. Ausgerechnet mit ihm will der Telekom-Konzern in den sauberen Radsport aufbrechen. Eine gefährliche Strategie. Doch die Fortsetzung des Radsportengagements entspringt einem nüchternen Marketing-Kalkül. Ein Kommentar von Helmut Bünder.
Von Helmut BünderDass Doping im Radrennsport fast zur Routine gehört, pfeifen die Spatzen seit Jahren von den Dächern. Eine wirkliche Überraschung waren sie deshalb nicht, die öffentlichen Beichten von mittlerweile sechs ehemaligen Fahrern der Deutschen Telekom. Das siebte Geständnis steht noch aus, aber die Beweislast gegen den im vorigen Jahr suspendierten Tour-de-France-Sieger Jan Ullrich ist erdrückend. Dennoch macht die Telekom weiter und steht zu ihrem Sponsorenvertrag. Wenn es eine Überraschung gegeben hat, dann war es diese. Mehr noch: Sogar T-Mobile-Sportchef Rolf Aldag darf bleiben, obwohl er jahrelang systematisch Epo genommen hat. Ausgerechnet mit ihm will der Konzern in den sauberen Radsport aufbrechen.
Schon jetzt ist Kritik dagegen laut geworden, dass Aldag bleiben darf. Die ehemalige Präsidentin des Bundes Deutscher Radfahrer, Silvia Schenk, forderte personelle Konsequenzen. Schenk verlangte am Freitag im Deutschlandradio Kultur die Ablösung von Rolf Aldag als Sportdirektor beim T-Mobile-Team. „Ein notorischer Lügner wie Rolf Aldag, der letztes Jahr den Neuanfang verkündet hat, ... kann nicht an führender Position bleiben“, sagte sie. Der Wille, „reinen Tisch“ zu machen, sei noch nicht zu sehen, betonte Schenk.
Eine gefährliche Strategie
Für die Telekom ist es schon der zweite Versuch, sich aus dem Dopingsumpf zu befreien. Vor einem Jahr, nach dem Skandal zum Tour-Prolog, klang es ähnlich wie heute: Wir machen weiter, weil wir den Radsport retten wollen - und ihm etwas von dem zurückgeben möchten, was er dem Unternehmen gegeben hat. Dass sich der finanzielle Aufwand gelohnt hat, stand zumindest bis zum Fall Ullrich außer Frage. Der Bekanntheitsgrad der Marke ist auch dank des langjährigen Engagements für den Radsport beträchtlich gestiegen. Und das T-Mobile-Trikot genießt immer noch so viel Sympathie, dass es viele Freizeitradler gerne überstreifen.
Sponsoring ist keine gemeinnützige Sportförderung, sondern ein teures Marketinginstrument. Die Fortsetzung des Radsportengagements entspringt deshalb nüchternem Kalkül. Die Telekom hatte die Wahl zwischen sofortigem Ausstieg, der als Schuldeingeständnis gewertet worden wäre und ihr Ansehen schwer belastet hätte, und dem Versuch, sich nun als Retter zu profilieren. Das ist eine gefährliche Strategie, weil die Telekom ihren Erfolg nicht in der Hand hat.
Die zweite Chance muss die letzte sein
Vom Fall Ullrich ganz abgesehen, weiß heute niemand, ob die Generalbeichte der ehemaligen Fahrer abgeschlossen ist. Zudem wird jeder neue Dopingskandal, egal, in welchem Team, den Sport weiter in Misskredit bringen. Und welcher Sponsor kann es sich leisten, dass seine Fahrer nur hinterherfahren, weil andere vielleicht immer noch zu illegalen Mitteln greifen?
Als Team Saubermann kann das T-Mobile Team nicht bestehen. Ein Ende mit Schrecken wäre deshalb für das Image der Telekom möglicherweise weniger schädlich gewesen als der jetzt drohende Schrecken ohne Ende. Die Telekom allein kann den Sumpf nicht trockenlegen. Ohne lückenlose Kontrollen und scharfe Sanktionen ist dem Doping nicht beizukommen. Aber damit das geschieht, müssen alle großen Unternehmen, die den Sport finanzieren, Druck machen, notfalls auch durch die Streichung ihrer Verträge. Die Telekom hätte ein Zeichen setzen können. Stattdessen hat sie dem Radsport eine zweite Chance gegeben. Es muss die letzte sein.
Reinigung
Dirk Sternberg (crescendo)
- 25.05.2007, 17:12 Uhr
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