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Soziologe Hans Joas : „Mich schaudert das Tremolo in den Europa-Reden“

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„Wenn einer von sich sagt, er sei ein Europäer, dann hat er sich damit schon als Deutscher enttarnt. Ein Brite oder ein Franzose würde niemals so auftreten“. Hans Joas in seiner Berliner Wohnung. Bild: Gyarmaty, Jens

Der Religionssoziologe Hans Joas ist einer der wichtigsten deutschen Soziologen. Im Interview spricht er über die Sakralisierung Europas, die Probleme des Euro und wie sich das Rad der Geschichte zurückdrehen lässt.

          Herr Joas, ist die aktuelle Krise dazu geeignet, die europäische Einigung voranzutreiben?

          Es geht im Moment wohl eher darum, eine Rückentwicklung zu verhindern. Ich halte es für falsch, so zu tun, als ginge es derzeit um die Abwendung künftiger Kriege, wenn es doch „nur“ um die Konstruktionsprobleme einer Währung geht. Schweden, Norwegen und Dänemark sind dem Euro nicht beigetreten. Trotzdem glaubt heute niemand, dass diese Länder wieder wie früher gegeneinander oder überhaupt in Europa Krieg führen könnten.

          Was haben Sie dagegen, die Krise als Einigungschance zu nutzen?

          Ich denke, dass ein übersteigertes Europa-Pathos wesentlich dazu beigetragen hat, von den erkennbaren Konstruktionsproblemen bei der Einführung der gemeinsamen Währung abzusehen. Wenn das richtig ist, dann darf heute die Reaktion auf diese Krise nicht die abermalige Übersteigerung eines solchen utopistischen Pathos sein.

          Was meinen Sie mit übersteigertem Europa-Pathos?

          Denken Sie an die Rede, die Papst Benedikt XVI. voriges Jahr im Bundestag gehalten hat. Das war für mich ein Plädoyer nicht so sehr für das Christentum, sondern für ein ganz spezifisches Bild von Europa. Demnach konnte die Aufklärung nur im christlich geprägten Europa entstehen. Darin steckten eine rückwärtsgewandte Idealisierung und Sakralisierung Europas, die paradoxerweise auch für hochgradig säkularisierte Intellektuelle attraktiv ist. Für die einen ist Europa großartig, weil es der Kontinent der Aufklärung ist, für die anderen, weil es das christliche Abendland darstellt. Ich habe Zweifel an allen diesen Sätzen.

          Den politisch handelnden Personen - Frau Merkel, den Herren Barroso oder Monti - kann man aber wahrlich kein übertriebenes Europa-Pathos vorwerfen.

          Ich rede ja nicht von persönlichem Charisma oder Enthusiasmus unter Politikern, sondern von einer Idealisierung des Zieles Europa in der Öffentlichkeit. Angela Merkel muss gewiss zwischen der zunehmenden Europa-Skepsis in der deutschen Bevölkerung und dem Druck ihrer europäischen Amtskollegen balancieren. Was sie bei diesem Balanceakt wirklich denkt, ist schwer auszumachen.

          Die Intellektuellen mögen pathetisch sein, die Politiker pragmatisch: Beide aber haben Angst vor den Kosten einer Desintegration.

          Diese Kosten müssen mit den Kosten einer immer weiter verschleppten Revision falscher Entscheidungen verglichen werden. Ob Deutschland wirklich in Langzeitperspektive der große Profiteur des Euro ist, ist zudem unter Ökonomen höchst umstritten.

          Die Befürworter der europäischen Einigung sagen: Nur gemeinsam können wir Europäer uns in der globalisierten Welt behaupten.

          Ich rede hier nicht als Gegner europäischer Einigungsprozesse. Mich schaudert es aber vor diesem Tremolo in den Europa-Reden. Auch die Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts haben so getan, als sei die bisherige Geschichte geradewegs auf die Gründung von Nationalstaaten zugelaufen. Ich sehe die Gefahr, dass wir diesen Fehler nun in größerem Maßstab wiederholen und die Geschichte in ein neues Korsett zwängen - der angeblichen Unausweichlichkeit des europäischen Einigungsprozesses.

          Europa ist für Sie nicht nur positiv besetzt?

          Europa ist auch der Mutterboden der modernen Totalitarismen, der Ausgangspunkt auch von Kolonialismus und Imperialismus. Ich halte ein Europa-Bild für irreführend, das so tut, als hätten diese Phänomene mit der guten europäischen Geschichte nichts zu tun.

          Aber aus der schlechten Geschichte haben wir doch gelernt, heißt es immer. Ein Verzicht auf die europäische Einigung wäre ein Abschied von der Weltgeschichte, warnt der Philosoph Jürgen Habermas.

          Aus dieser Formulierung höre ich noch nicht den Lerneffekt. Wir dürfen nicht unterstellen, dass die Außenpolitik eines vereinigten Europas einfach eine friedliche wäre. Briten und Franzosen agierten noch lange im Stil des alten Imperialismus - auch als der europäische Einigungsprozess längst begonnen hatte.

          Die Deutschen sehen das anders.

          Wie heißt es so schön: Wenn einer von sich sagt, er sei ein Europäer, dann hat er sich damit schon als Deutscher enttarnt. Ein Brite oder ein Franzose würde niemals so auftreten. Das deutsche Europa-Pathos hat etwas mit unserer spezifischen Abwendung vom Nationalismus nach 1945 zu tun.

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