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Veröffentlicht: 11.09.2010, 17:58 Uhr

Sozialpsychologin Alice Eagly „Die Zeit arbeitet für die Frauen“

In Amerika sind bereits 24 Prozent der Spitzenpositionen in weiblicher Hand. Dennoch kein Grund für die Sozialpsychologin Alice Eagly, vollends mit der Entwicklung der Arbeitswelt zufrieden zu sein, wie sie im Gespräch betont.

© privat Frauenpower ohne Powerfrauen:Alice Eagly ist noch nicht zufrieden

Professor Eagly, die Berufswelt wird immer weiblicher. Haben die Männer ihre besten Zeiten hinter sich?

Bestimmte Zahlen legen das jedenfalls für Amerika nahe. Die besser bezahlten Jobs im mittleren Management, in der Verwaltung, in der Dienstleistungsindustrie sind inzwischen zu 51 Prozent mit Frauen besetzt. Auch 24 Prozent aller Spitzenpositionen sind in weiblicher Hand. Und rund ein Viertel der Präsidenten amerikanischer Universitäten sind Frauen. Das ist wirklich eine neue Entwicklung.

Dazu kommt der höhere Bildungsgrad der jüngeren Frauen. Es sieht richtig gut aus für uns.

Die Zeit arbeitet zweifelsohne für die Frauen, nicht nur aufgrund ihrer besseren akademischen Abschlüsse. Auch die Arbeitskultur hat sich verändert, was den Frauen mit ihren etwas anderen Präferenzen entgegenkommt. Hierarchien werden flacher, der Teamgeist hat eine höhere Bedeutung. Die Arbeitsorganisation verändert sich, weil man festgestellt hat, dass frühere sehr maskuline Führungs- und Organisationsformen nicht mehr so effizient sind. Sagen wir es also so: Die Arbeitsplätze lassen heute mehr Raum für Frauen.

Und die Frauen bauen an dieser neuen Welt kräftig mit?

Sicher. Je mehr Frauen arbeiten, desto mehr werden sie ihrerseits zu Veränderungen beitragen. Wichtiger aber ist, dass sich Wirtschaftsstrukturen verändern. Wir befinden uns am Ende des Industriezeitalters, in dem Männer schon deshalb eine so bedeutende Rolle spielten, weil sie physisch einfach stärker waren. Heute gibt es das auch noch, doch handelt es sich dabei um Jobs für einfache Arbeiter. Straßen und Hochhäuser müssen eben gebaut werden.

In den Mittelklasse-Berufen spielt Muskelkraft keine Rolle mehr.

Richtig, hier zählt Köpfchen: Brainpower. Das kommt den Frauen zugute. Außerdem wächst der Dienstleistungssektor, wo viele Frauen arbeiten. Im Gesundheitswesen, in den großen Kanzleien, auch in Unternehmen im Rechnungswesen und Personalmanagement – überall sind sie präsent. Deshalb bilden sie heute in den Vereinigten Staaten die Mehrheit dieser Erwerbstätigen.

Ich fange an, mir um die Männer Sorgen zu machen.

Müssen Sie nicht. Die schlagen sich immer noch ziemlich gut, obwohl sie gerade jetzt in der Wirtschaftskrise schwer zu kämpfen haben. Den Anstieg der Arbeitslosigkeit haben hier deutlich mehr Männer als Frauen zu spüren bekommen. Das liegt daran, dass Männer vielfach in Branchen arbeiten, die von der Krise besonders hart getroffen wurden, in der Bau- und Automobilindustrie zum Beispiel. Bei etwa einem Drittel der amerikanischen Familien ist inzwischen die Frau in der Rolle des Haupternährers. Das sind enorme gesellschaftliche Veränderungen.

Die männliche Dominanz in der Arbeitswelt steuert also ihrem Ende entgegen.

Sie hat zumindest deutlich abgenommen. Ich würde aber nicht sagen, dass sie heute schon Vergangenheit ist. Nur zweieinhalb Prozent der Chefs der 500 größten amerikanischen Unternehmen sind Frauen. Das ist die andere Seite. Ich sage ja, die Männer schlagen sich noch immer sehr gut.

Sind Unternehmen effizienter, wenn Frauen Entscheidungen treffen oder daran beteiligt sind?

Das kann man in der Tat statistisch zeigen. Und das wissen auch die Männer. Allerdings ist nicht ganz klar, ob die Unternehmen mit einem hohen Anteil an weiblichen Führungskräften gerade deshalb erfolgreicher sind. Oder ob es vor allem die apriori erfolgreichen Unternehmen sind, die über genügend Ressourcen verfügen, um viele Frauen zu rekrutieren. Wie auch immer: Auch hier arbeitet die Zeit für die Frauen. Sie denken tendenziell anders, und das braucht die Wirtschaft. Die postindustrielle Arbeitswelt scheint wie für Frauen gemacht.

Wir begeben uns hier auf das eisglatte Feld der Stereotype. Sind Frauen wirklich sozial intelligenter als Männer?

Wenn man Männer und Frauen in psychologischen Studien vergleicht, kann man das zeigen. Frauen haben offenbar das größere Einfühlungsvermögen. Viele Männer verfügen auch darüber. Doch als Gruppe erzielen Frauen die besseren Ergebnisse. Insofern ist das ein ziemlich akkurater Stereotyp. Frauen sind im Umgang höflicher und respektvoller, sie sind nicht so selbstbezogen. Das sind wissenschaftlich nachweisbare Wahrheiten. Im Einzelfall kann es da natürlich Abweichungen geben. Männer hingegen gelten als zielorientiert und zupackend ...

... und oft autoritär. Passt das noch in die postheroische Arbeitswelt?

Verantwortung übernehmen, den Mitarbeitern sagen, was zu tun ist, Dinge an sich ziehen – das machen Männer eher als Frauen. Frauen können und tun das auch. Aber sie gehen die Dinge häufig anders an: Sie empfehlen eher als befehlen, sie coachen statt Druck zu machen, sie haben einen kollegialeren Führungsstil. Beide Typen werden gebraucht, um Aufgaben zu erledigen. Aber eben nicht mehr nur der männliche Stereotyp.

Das spricht doch alles für die wachsende Bedeutung von Frauen auch in Führungspositionen.

Das stimmt. Von daher gesehen wäre ein schnelleres Ende unserer noch immer recht patriarchalischen Zeiten zu erwarten. Das wäre dann der Fall, wenn sich Frauen und Männer Macht und Autorität zu je 50 Prozent teilten. Das wird kommen. Aber ich selbst werde diesen Zustand wohl nicht mehr erleben. In den statistischen Zeitreihen zeigt sich nämlich ein etwas anderes Bild.

Das da wäre?

Die Veränderungsgeschwindigkeit hat in den vergangenen zehn oder fünfzehn Jahren wieder abgenommen. In den siebziger und achtziger Jahren haben die Frauen viel an Boden gewonnen. Sie begannen zu arbeiten und aufzusteigen. Sie verdienten mehr. Doch hat dieser Prozess in jüngster Zeit an Dynamik verloren. Gerade in Sachen Power-Sharing sehen wir, dass wir Frauen nicht mehr so richtig weiterkommen. Und auch die Bezahlung bleibt unterschiedlich. Eigentlich bräuchten wir eine neue Art von Frauenbewegung, wenn sich die Welt schneller verändern soll.

Ist den Frauen die Luft ausgegangen?

Viele Frauen sind heute zufriedener als sie es noch in den siebziger Jahren waren. Es herrscht offenbar ein neuer gesellschaftlicher Konsens, den ich gern das Modell der Semi-Gleichberechtigung nenne: Er macht die große Karriere, sie die kleine, er arbeitet Vollzeit, sie halbtags. Sie hat ihr eigenes Geld und wäre halbwegs unabhängig, wenn er sie verließe. Das alles ist akzeptiert. Viele Frauen und Männer deuten dieses Stadium bereits als erreichte Gleichberechtigung.

Aber Ihnen passt das nicht.

Nein, ich bin noch nicht zufrieden, weil wir auf diese Art und Weise nicht zu Gleichberechtigung und damit zum Ende männlicher Dominanz gelangen. Das wäre für mich erst erreicht, wenn wirklich 50 Prozent der Positionen, in denen die wichtigen Dinge entschieden werden, von Frauen besetzt sind, und zwar im Gesundheitswesen, in der Wissenschaft, in Wirtschaft und Politik. Aber davon sind wir weit entfernt. Von einem Ende des patriarchalischen Zeitalters kann keine Rede sein.

Warum ist Ihnen das so wichtig?

Weil die Welt dann anders wäre.

Besser?

Ja. Auf jeden Fall. Die Werte und Prioritäten der Frauen sind andere als die der Männer. Frauen sind soziale Gerechtigkeit, Gesundheit und Bildung wichtiger. Dagegen sind sie eher gegen jede Form von Gewalt und auch gegen Kriege. Hätten die Frauen mehr Macht und damit einen größeren Anteil an wichtigen Entscheidungen, würde das in jeder Hinsicht helfen.

Zur Person

Wenn in Amerika über Frauen, veränderte Arbeitswelten und sich verstärkende weibliche Einflussnahme debattiert wird, ist Alice Eagly immer gefragt. So wie jetzt gerade wieder. Während das amerikanische Intellektuellen-Magazin „The Atlantic“ das „Ende der Männer“ heraufbeschwört, gießt die renommierte Sozialpsychologin an der Northwestern University in Evanston, Illinois, Wasser in den Wein. Ganz so weit, sagt sie, sei es noch nicht. Die Professorin, die sich selbst als Feministin bezeichnet, beschäftigt sich seit Jahren mit gesellschaftlichen Veränderungen und Stereotypen verschiedener Gruppen. Sie hat in Harvard studiert und in Ann Arbor, Michigan, promoviert. Vor einigen Jahren veröffentlichte sie ihr viel beachtetes Buch „Through the Labyrinth“, das sich mit Frauen in Führungspositionen beschäftigt.

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