Es riecht nach Urin. Sehr stark sogar. Genaugenommen stinkt es wie in einer öffentlichen Toilette, die seit Wochen nicht geputzt wurde. Seltsamerweise gibt es hier in der Dortmunder Nordstadt, in diesem Teil der Anne-Frank-Gesamtschule, aber keine Toilette. „Am Wochenende wird hier gesoffen und in die Ecke gepinkelt“, erklärt Schulleiter Johannes Köppen das Rätsel. „Die Hausmeister spritzen das regelmäßig weg, aber eben nicht ständig.“
Köppen hat sich an den Gestank gewöhnt, sein Direktorzimmer ist keine 20 Meter entfernt. Außerdem hat er noch ganz andere Probleme. Die Zusammensetzung seiner Schülerschaft zum Beispiel. Von den 820 Kindern besitzen nur 332 einen deutschen Pass. Und auch unter diesen stammt mehr als jedes zweite aus einer Einwandererfamilie. Schulleiter Köppen schätzt den Anteil seiner Schüler mit Migrationshintergrund insgesamt auf „mehr als 80 Prozent“.
Schulverweigerer, Kriminelle und Verwahrloste
Das stelle die Lehranstalt schon bei der Einschulung vor ernste Probleme, berichtet der Direktor. Beispielsweise habe er sich früher darum bemüht, dass in einer Klasse jeder zweite Schüler Muttersprachler ist. „Dieser Wert ist heute von den Anmeldezahlen überhaupt nicht mehr aufrechtzuerhalten“, klagt er. Auch bilde er aufgrund der Zeugnisnoten „Töpfe“ mit guten, mittleren und schwachen Schülern und verteile diese gleichmäßig auf die fünften Klassen. Leider habe er in diesem Jahr nur zwei oder drei von 93 Schülern im guten Topf gehabt. „Und wenn man nur schwache Schüler hat, ist es schwierig, sie zu motivieren.“ Schwierigkeiten mit Drogen oder übermäßiger Gewalt gebe es an seiner Schule nicht, betont Köppen. „Aber es gibt Schulverweigerer, Kriminelle und Verwahrloste. Wir haben die ganze Palette. Und wenn wir dann manchmal die Eltern sehen, wissen wir auch, warum.“
Heruntergekommen sind auch die Gebäude der Anne-Frank-Gesamtschule. Viele Türen sind verbeult und beschmiert. In einem Klassenraum, den Köppen zeigt, ist der Teppich mit Kaugummi übersät. Ein Dutzend Eierkartons hängt an den Wänden, um den Hall zu mildern. In der Decke klafft ein Loch so groß wie das Lehrerpult. Die Sanierung der Schule wird angeblich seit zehn Jahren geplant, übernächstes Jahr soll es so weit sein. Von der Renovierung hält der Direktor aber nicht viel, er träumt von einem Neubau. Dieser sei der Stadt zu teuer, doch er halte das für falsch: „Wir sollten die verwöhnen, die noch da sind. Das kann der ganzen Stadt nur nutzen, denn in der Nordstadt werden die meisten Kinder geboren.“
Jeder Dritte lebt von Hartz IV
Das stimmt: Der Bezirk ist der einzige in Dortmund, in dem mehr Menschen geboren werden als sterben. Nirgendwo ist der Anteil Minderjähriger höher als hier. Was die Statistik angeht, sind das aber auch die einzigen erfreulichen Zahlen. Die anderen Kennziffern sind ernüchternd. Nach Angaben der Kommune haben zwei Drittel der 52.500 Einwohner des Viertels Migrationshintergrund. Mehr als jeder dritte Einwohner lebt von Hartz IV. Die Arbeitslosenquote beträgt rund 25 Prozent. Das ist doppelt so viel wie im Durchschnitt der Stadt und sogar 3 Prozentpunkte mehr als im taumelnden Griechenland. Auch die Kriminalitätsrate ist zweimal höher als im Rest der Stadt.
„Wir haben ein Problem mit dem Milieu, mit der Zusammensetzung der Bevölkerung hier“, sagt Polizeirätin Claudia Kretschmann-Schepanski. Sie leitet derzeit die Polizei-Inspektion 2, die für die Nordstadt zuständig ist. Die Probleme des Viertels vermittelt sie mit Hilfe einer Computer-Präsentation. In den Folien werden vier Kernprobleme genannt: öffentlicher Alkoholkonsum, Prostitution, Vermüllung und Kriminalität, insbesondere harte Drogen. Diese vier werden wiederum in etliche Subprobleme unterteilt und mit Fotos veranschaulicht. Nach rund einer Stunde Vortrag steht fest: Die Schließung eines Straßenstrichs, auf dem bis zu 150 Prostituierte gleichzeitig arbeiteten, hat das Problem weitgehend beseitigt. Die anderen drei bestehen mehr oder weniger unvermindert fort. „Unsere Arbeit hier ist ein Kampf gegen Windmühlen“, sagt Kretschmann-Schepanski. „Solange sich die Nordstadt infrastrukturell nicht gravierend ändert, wird sich auch an unserer Arbeit nicht viel ändern.“
Als Polizeirätin will sie keine politischen Ratschläge geben. Das holen zwei ihrer Kollegen anonym nach, die in der Nordstadt patrouillieren. Der eine schlägt vor, dass die Stadt Häuser kauft und renoviert, um andere Mieter ins Viertel zu holen. Auch müsse der Oberbürgermeister viele Wettbüros und dubiose Gaststätten schließen lassen, die nicht selten als Drogenlager genutzt würden. Der andere Kollege empfiehlt Drastisches: „Im Grunde müsste man den ganzen Block wegbomben und wieder aufbauen.“
„Die stehen auf der Straße und heulen“
Weil sich das von selbst verbietet, müssen andere Lösungen her. Wie schwierig Sozialpolitik in der Praxis sein kann, weiß Marita Hetmeier. Die 54 Jahre alte Vorsitzende des SPD-Stadtbezirks Dortmund Nord ist vor 17 Jahren in die Nordstadt gezogen und arbeitet hier als Maklerin. Wohl kaum jemand kennt „das schwierigste Viertel in Dortmund“ besser als sie. Sie sitzt in ihrem Büro in der Mallinckrodtstraße 62 und zeigt mit ausgestrecktem Arm auf die Probleme. Auf die Trinker auf dem Nordmarkt, auf eine Gruppe herumlungernder Männer in ihrer Straße, „den Schwarzarbeiterstrich“. Und auf drei Häuser, in denen „Matratzen vermietet werden“. „Da sind oft 20 Leute in einer Wohnung“, berichtet Hetmeier. Ein Mal im Monat kassiere der Vermieter die Miete für jede Matratze in bar. Wer nicht bezahlen könne, werde umgehend vor die Tür gesetzt. „Die stehen dann auf der Straße und heulen.“
Das Geschäftsmodell sei zwar nicht legal, doch der Stadt oft die Hände gebunden. Weil es sich um private Wohnhäuser handele, dürfe die Polizei nur bei Gefahr im Verzug einschreiten. Also viel zu selten. Um die zahlreichen anderen Probleme in der Nordstadt anzugehen, setzt Hetmeier auf die volle Klaviatur sozialdemokratischer Sozialpolitik: Sie fordert mehr Arbeitsmaßnahmen, Ganztagsschulen, Kitas und Sozialarbeiter. „Bei den Bürgern im reichen Süden der Stadt ist leider noch nicht angekommen, dass sie in 30 Jahren nur dann noch gut leben können, wenn wir uns hier um die Kinder kümmern.“
Kampf an der sozialpädagogischen Front
Darius Sobhan-Sarbandi hat genau das knapp fünf Jahre getan. Der Sozialpädagoge arbeitete bis 2007 im Jugend- und Kindertreff (Juki) in der Schützenstraße, seitdem engagiert er sich ehrenamtlich im Viertel. Ein Gespräch mit ihm ist herrlich erfrischend. Der Halbiraner sagt, was er denkt. Weil er keine Rücksicht mehr nehmen muss, spricht er offen über seine Arbeit an der sozialpädagogischen Front. Sobhan-Sarbandi berichtet von „hohem Gewaltpotential“, von einem harten Klima untereinander und „Rempeleien zwischen Deutschen und der ‚Arabischen Liga‘“.
Aber auch von kleinen Erfolgen. Etwa als er mit dem fünfjährigen Ali Kasperle-Theater gespielt habe. Dabei darf jeder sagen, was ihm gerade in den Sinn kommt. Bei Ali war das: „Ich bring dich um.“ Sobhan-Sarbandi konterte mit „Wie heißt du?“ Darauf Ali: „Ich hau dich.“ Doch sein Gegenüber ließ sich nicht aus der Ruhe bringen: „Können wir nicht Fußball spielen oder was anderes machen?“ Ali überlegte, ihm fiel nichts anderes ein. Deshalb noch mal: „Ich hau dich!“ Nun gab sich der Sozialpädagoge enttäuscht: „Wenn du mich immer nur hauen willst, dann gehe ich.“ Das habe Ali sehr nachdenklich gemacht. Ein kleiner Erfolg. Mehr Sozialarbeiter würden zweifellos helfen, sagt Sarbandi.
Probleme in der Herzkammer
Der Mann, der all diese Wünsche erfüllen soll, ist Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau. Er soll den Neubau der Anne-Frank-Gesamtschule genehmigen, alte Häuser aufkaufen, wegbomben oder renovieren, für mehr Arbeitsmaßnahmen, Ganztagsschulen, Kitas und Sozialarbeiter sorgen. Der 56 Jahre alte Politiker trägt dunklen Anzug, das Wappen der Stadt am Revers und zwei Stadionbändchen von Borussia-Dortmund-Spielen um den Arm. Sierau ist Sozialdemokrat, aber das ist nicht überraschend. Seit 1946 stellt die SPD den Oberbürgermeister in Dortmund. Die Stadt gilt als „Herzkammer der Sozialdemokratie“.
Weil niemand gerne über Probleme in seiner Herzkammer spricht, redet Sierau zunächst über all das, was gut läuft. Er berichtet über den wachsenden Technologiepark an der Universität, das erstklassige Dortmunder Konzerthaus und den neuen Phoenix-See. Sein Fazit: „Wir haben ganz erfolgreich Strukturwandel betrieben.“
Zu wenig Geld, gierige Besitzer - und ein Wirtschaftsprüfer
Über die Lage in der Nordstadt redet Sierau anfangs nicht so gerne. Nur jeder zehnte Dortmunder lebe dort, das Viertel sei ja nur ein Teil der Stadt. „Zutreffend ist aber, dass es dort den größten Handlungsbedarf gibt.“ Später gibt Sierau zu, „dass wir in der Nordstadt mehr tun müssen“. Aber das sei extrem schwierig. Dortmund habe mehr als 2 Milliarden Euro Schulden, allein in diesem Jahr kämen 45 Millionen Euro hinzu. „Wir sind strukturell unterfinanziert“, klagt Sierau. „Wenn ich hier Geld im Überfluss hätte, dann würde ich all das tun, was diese soziale Stadt noch sozialer macht.“
Manchmal sei das Problem auch so global, dass er als Oberbürgermeister zwangsläufig nur die Folgen lindern könne. Als Beispiel nennt Sierau die Armutsmigranten aus Bulgarien und Rumänien, die seit der EU-Erweiterung 2007 in großer Zahl in die Nordstadt ziehen. Manchmal stecke der Teufel wiederum im Detail. Beispielsweise könne er nicht einfach per Verordnung die Zahl jener Geschäfte reduzieren, in denen häufig Drogen gelagert werden. „So etwas muss juristisch absolut sauber sein, und das ist schwierig, denn die Gewerbefreiheit gilt vor Gericht als hohes Gut.“ Auch der Vorschlag, Häuser aufzukaufen, zu renovieren und so bessere Mieter anzulocken, scheitere in der Praxis meist an utopischen Preisvorstellungen der Besitzer. „Die fordern oft ein Vielfaches des tatsächlichen Wertes, da bekomme ich Ärger mit dem Wirtschaftsprüfer.“
Am Ende zieht der sozialdemokratische Oberbürgermeister, der in der Nordstadt alles richten soll, ein ernüchterndes Fazit: „Sie können davon ausgehen, dass es niemanden gibt, dem die Situation mehr weh tut als mir.“ In vielen Fällen aber sei ihm aus Geldmangel „die Option zum Handeln genommen“.
Lösung des Problems ist nicht Distanz, sondern Akzeptanz!
Adel Richter (Kairi)
- 13.05.2012, 22:27 Uhr
Ursache von oben ?
Martina Klassen (nicht0815)
- 13.05.2012, 13:13 Uhr
„Herzkammer der Sozialdemokratie“ = jahrzehntelange SPD-Mißwirtschaft.
Armin Quentmeier (thiotrix)
- 13.05.2012, 13:12 Uhr
Dortmund hat nur Arbeit für Akademiker und Dienstleister
Horst Ziegler (pacificatore)
- 13.05.2012, 08:15 Uhr
Kontakt mit der Arbeitswelt
Wolfgang Richter (langweiler2)
- 12.05.2012, 22:51 Uhr