http://www.faz.net/-gqe-8vxuu

Niederlande-Wahl : Absturz einer Volkspartei

Glückloser Spitzenkandidat: Lodewijk Asscher Bild: AFP

Unter ihrem glücklosen Spitzenkandidaten Lodewijk Asscher fallen die Sozialdemokraten auf ein Viertel ihrer bisherigen Mandate zurück. Es ist ein historischer Absturz.

          Die Halle auf dem alten Industriegelände in Amsterdam ist in rotes Licht getaucht. „Zusammen nach vorne“ wirbt die sozialdemokratische Partei PvdA hier auf der Wahlparty am Mittwochabend. Aber die „Party“ wird zur – wenn auch lauten – Trauerfeier. Denn die sozialdemokratische PvdA, Juniorpartner in der Koalition mit der marktliberalen VVD von Ministerpräsident Mark Rutte, hat bei der Parlamentswahl in den Niederlanden einen historischen Absturz erlebt.

          Klaus Max  Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Nach den Prognosen des Abends kommt die Partei auf ganze neun der 150 Sitze in der Zweiten Kammer und sackt damit auf ein Viertel ihrer bisherigen Mandate. Bei der Wahl 2012 hatte die Partei mit dem damaligen Spitzenkandidaten Diederik Samsom 38 Sitze geholt, von denen zuletzt in der Fraktion wegen dreier Abtrünniger noch 35 übrig waren. Auch vor der damaligen Wahl hatte die Partei lange schlechte Umfragewerte gehabt, aber Samsom gelang eine spektakuläre Aufholjagd. Dem aktuellen Spitzenkandidaten Lodewijk Asscher gelang sie diesmal nicht.

          „Eine dicke Niederlage“

          Führende Parteipolitiker machen in der alten Industriehalle keinen Hehl aus ihrer enormen Enttäuschung. Der Parteivorsitzende Hans Spekman spricht von einer „dicken Niederlage“, Spitzenkandidat Asscher versucht am späten Abend, seinen Leuten Mut zu machen: „Die Sozialdemokratie wird zurückkommen, und der Aufbau beginnt heute.“

          Das Wahlergebnis aus dem Jahr 2012 hatte eine Zweier-Koalition ermöglicht, was nicht selbstverständlich ist in dem Land mit den vielen kleinen bis mittelgroßen Parteien. Die VVD mit ihrem etwas größeren Stimmenanteil und die PvdA taten sich zusammen. Ruttes VVD aber setzte in der Wirtschaftskrise harte Sparmaßnahmen durch. Dass die PvdA sie mittrug, nahmen ihr viele Anhänger übel. Im Dezember wählten die Parteimitglieder Samsom ab, schickten stattdessen Asscher ins Rennen.

          Asscher rückt nun wieder mehr den Arbeitnehmer in den Blick. Aber der neue Spitzenkandidat hat – anders als in Deutschland Martin Schulz – die Stimmung nicht wenden können. Auch verschärfte Asscher zuletzt den Ton, wenn es um die mangelnde Anpassung von Ausländern oder deren Nachkommen geht. Das machen allerdings auch die Spitzenpolitiker anderer Parteien, in offensichtlicher Reaktion auf den Druck des Einwanderungs- und Islamgegners Geert Wilders. 

          Lange Gesichter am Wahlabend bei der PvdA

          Asscher lässt öffentlich nicht dasselbe Charisma erkennen wie einige seiner Rivalen und auch nicht wie sein Amtsvorgänger Samsom; in den Radio- und Fernsehauftritten der vergangenen Wochen wirkte er eher blass. Bei der Abschlussdebatte am Dienstag Abend in Den Haag wurde er von Sozialistenführer Emile Roemer attackiert, obwohl der gleichzeitig für ein Bündnis beider Parteien warb. Denn auch Roemer wirft der PvdA den Sparkurs der vergangenen Jahre vor. Asscher parierte das damit, dass die PvdA 2012 von den Wählern nun einmal nicht genug Stimmen für die Führungsrolle in der Koalition bekommen habe. Doch habe man verhindert, dass die VVD sonst noch härter eingeschnitten hätte.

          Wahl in den Niederlanden

          Weitere Themen

          „Verteidiger der Italiener" Video-Seite öffnen

          Giuseppe Conte : „Verteidiger der Italiener"

          Der parteilose Politik-Neuling Giuseppe Conte soll Italien regieren - an der Spitze einer europakritischen und populistischen Koalition. Der Jurist will einen selbstbewussten außenpolitischen Kurs fahren und die Interessen seiner Landsleute in den Mittelpunkt stellen.

          Unmut nimmt zu Video-Seite öffnen

          Flüchtlinge in der Türkei : Unmut nimmt zu

          Auf vielen Straßen im südtürkischen Gaziantep wird heute mehr Arabisch als Türkisch gesprochen - so allgegenwärtig sind die syrischen Flüchtlinge, dass die Einwohner von "Klein-Syrien" sprechen. Manche bezeichnen die Integration der Syrer als Erfolgsgeschichte, doch wächst vor den Wahlen im Juni unter den Türken der Unmut.

          Topmeldungen

          Trump-Kim-Gipfel : Was war der Grund für die Absage?

          In seinem Brief an Kim Jong-un schreibt Donald Trump, ein Treffen zum jetzigen Zeitpunkt sei wegen nordkoreanischer Äußerungen unangemessen. Es gibt aber auch andere Erklärungsversuche. Eine Analyse.

          WM-Vorbereitung : Boateng denkt an Abschied von den Bayern

          Der Nationalspieler kämpft noch darum, rechtzeitig zur WM wieder fit zu werden. Wann er zum DFB-Team stößt, ist unsicher. Gleiches gilt für die Zukunft beim FC Bayern. Boateng verrät auch, wohin es ihn ziehen könnte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.