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Sozial und rentabel (5) Der gute Schuh

08.01.2007 ·  Nicht nur die Kunden, auch immer mehr Hersteller legen Wert darauf, dass ihre Produkte unter fairen Bedingungen hergestellt werden. Adidas und Puma haben bereits Kontrollsysteme für ihre Zulieferer, die Turnschuhe werden dadurch teurer.

Von Judith Lembke
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Als die Gazelle 1971 aus Franken aufbrach, um die Sport- und Modewelt zu erobern, war ihr Lebenslauf noch überschaubar. Ihre charakteristischen drei Streifen bekam sie in Herzogenaurach aufgenäht, um dann in Europa getragen zu werden. Ihr Käufer war zufrieden, wenn Preis und Design stimmten. Das Vorleben der Gazelle interessierte ihn nicht.

Drei Streifen zieren das Adidas-Kultmodell „Gazelle“ noch immer. Ansonsten ist jedoch nichts mehr so, wie es 1971 noch war. Die Gummisohle wird anderswo produziert als die textile Oberfläche, und zu einem Teil gefügt werden sie an einem dritten Ort in Asien, von wo aus sie dann in alle Welt verschickt werden. Auch die Interessen des Konsumenten haben sich verändert.

Unter welchen Bedingungen wird produziert

Aufgeschreckt und sensibilisiert durch Kampagnen, die auf die Arbeitsbedingungen in den Zulieferbetrieben der Textilindustrie- und Sportartikelhersteller hinweisen, will er wissen, woher Gazelle, Samba und Roma stammen und unter welchen Bedingungen sie produziert werden. Für sein Geld verlangt er nicht mehr nur Qualität und gutes Aussehen, sondern auch ein reines Gewissen.

Seitdem es 1989 in den Niederlanden zu Konsumentenprotesten gegen die Arbeitsbedingungen in den Zulieferbetrieben von C&A kam und die „Kampagne für saubere Kleidung“ gegründet wurde, spielt der Aspekt der Nachhaltigkeit eine immer größere Rolle bei der Kaufentscheidung des Konsumenten. Der riesige Erfolg des T-Shirt-Herstellers „American Apparel“ liegt vor allem in der antiglobalen Ausrichtung des Unternehmens. „Made in Downtown L.A.“ (und eben nicht in Bangladesch oder Indonesien) lautet der Werbeslogan, der für die „ethisch korrekte“ Herstellung der Mode steht.

Kampagne für saubere Kleidung

„Der Druck der Öffentlichkeit hat Wirkung gezeigt“, sagt Stefanie Hiß vom Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. „Unternehmen, die an der Börse notiert sind, haben erkannt, dass Kampagnen auch negative Auswirkungen auf den Börsenwert haben können.“ Als die Diskussion um Produktionsbedingungen in den Entwicklungsländern aufgekommen sei, habe es sich bei den Zugeständnissen der Unternehmen zunächst um reine Lippenbekenntnisse gehandelt. „Mittlerweile haben die Unternehmen jedoch eingesehen, dass sie auch Verantwortung für die Zustände in ihren Zulieferbetrieben tragen“, ist Hiß überzeugt.

Maik Pflaum von der Kampagne für saubere Kleidung hat beobachtet, dass sich die Textil- und Sportartikelhersteller mittlerweile für ihre Zulieferer verantwortlich fühlten. Als sie erstmals mit Vorwürfen wie Kinderarbeit oder Umweltverschmutzung konfrontiert wurden, hätten Unternehmen wie Adidas oder C&A zunächst argumentiert, weder Einfluss noch Verantwortung zu haben, da es sich bei ihren Zulieferern um Privatunternehmer handle. „Das ist Aufgabe des Staates“, habe er immer wieder gesagt bekommen. „Diese Einstellung ist jetzt passé“, sagt Pflaum.

Etablierung eines zweistufigen Kontrollsystems

Aufgrund des öffentlichen Drucks wurden Richtlinien verabschiedet, in denen globale Unternehmen festlegen, was sie von ihren Zulieferern erwarten. Diese Verhaltenscodices basieren zumeist auf den Normen der Internationalen Arbeitsorganisation. Sie standardisieren den Arbeiterschutz, setzen Minimallöhne fest, verurteilen Diskriminierung und Kinderarbeit.

Um diese Richtlinien zu überprüfen, haben viele Unternehmen ein zweistufiges Kontrollsystem etabliert. Oft gibt es interne Überprüfungen der Zulieferer durch Mitarbeiter des Auftraggebers sowie externe Kontrollen, die zumeist von einer unabhängigen Nichtregierungsorganisation durchgeführt werden, mit der der Auftraggeber zusammenarbeitet.

Unternehmen setzen auf ihr soziales Profil

Der Sportartikelhersteller Puma zum Beispiel, der schon 1993 einen Verhaltenskodex verabschiedete, überprüft pro Jahr 5 Prozent seiner Zulieferer unangekündigt, wie Reiner Hengstmann sagt, der bei Puma für das Thema Corporate Social Responsibility (CSR) zuständig ist. Der Begriff umschreibt verantwortungsvolles unternehmerisches Handeln, das über die eigentliche Geschäftstätigkeit eines Unternehmens hinausgeht.

Im Wettbewerb um die Gunst des Kunden setzen die Unternehmen nicht mehr nur auf Produktwerbung, sondern schärfen auch ihr soziales Profil. Die Internetseiten werden ethisch aufpoliert, und das Gespräch mit Kritikern sowie Nichtregierungsorganisationen wird gesucht. Frank Henke, der bei Adidas für das Feld CSR zuständig ist, will sein Engagement jedoch nicht alleine auf das Interesse seines Arbeitgebers an einem positiven Image zurückgeführt wissen.

Bessere Arbeitsbedingungen für bessere Qualität

„Natürlich spielt der Image-Aspekt auch eine Rolle, er ist aber nur zweitrangig“, sagt Henke. Es sei wichtiger, die Leistungskette zu verbessern, schließlich trage die Einhaltung von Sozialstandards auch zur Erhöhung der Produktivität bei. Bessere Arbeitsbedingungen hätten auch eine bessere Qualität der Arbeit und des Produktes zur Folge. Um die Zulieferer für das Thema Nachhaltigkeit zu sensibilisieren, führt Adidas wie viele andere Unternehmen Trainings durch.

Wenden die Auftragsfertiger das Gelernte nicht an, werden sie abgemahnt. „Wenn sie dann noch weiter gegen unsere Standards verstoßen, trennen wir uns auch von Fabrikanten“, heißt es bei C&A. Der Sportartikelhersteller Adidas, der vor allem in Indonesien und China fertigen lässt, hat diesen Schnitt allein 2005 viermal vollzogen.

Niedrige Löhne und Rechte der Arbeitnehmer

Nicht nur der Endverbraucher hat einen geschärften Blick. Auch Investoren und Fondsverwalter lassen sich mittlerweile von ökologischen und sozialen Faktoren beeinflussen, und die Stiftung Warentest lässt den Aspekt Nachhaltigkeit in die Bewertung der geprüften Produkte einfließen. Reguliert die Wirtschaft sich mittlerweile also selbst, und ist Kontrolle von außen überflüssig?

„Keineswegs“, sagt Maik Pflaum. „Auf Konsumentenebene wird viel gemacht“, gibt er zu. Doch ignorierten die Unternehmen noch immer die Hauptprobleme, nämlich die niedrigen Löhne und das Recht der Arbeitnehmer, sich in Gewerkschaften zu organisieren. „Solange die Unternehmen die Preise ihrer Zulieferer weiter drücken und kürzere Lieferfristen verlangen, ändert sich auch an den Hungerlöhnen und unmenschlichen Arbeitszeiten nichts“, sagt Pflaum.

Bereit, die Turnschuhe zu verteuern

„In unseren Zulieferbetrieben bekommen die Arbeiter mehr als den Minimallohn“, sagt Hengstmann und widerspricht dem Vorwurf, Puma zwinge die Hersteller durch Knebelverträge zur Zahlung von Hungerlöhnen. Um den von Nichtregierungsorganisationen geforderten Mindestlohn durchzusetzen, der den Arbeitern neben Befriedigung der elementaren Bedürfnisse auch einen gewissen Lebensstandard ermöglichen würde, müsse jedoch die ganze Branche einen gemeinsamen Weg beschreiten.

Im Klartext heißt das, dass Puma nur bereit ist, mehr zu zahlen und dadurch seine Turnschuhe zu verteuern, wenn die Konkurrenten es auch tun. Da gibt es für Hengstmann weitaus schlimmere: „Die wirklichen schwarzen Schafe sind die unbekannten Marken.“

Quelle: F.A.Z., 08.01.2007, Nr. 6 / Seite 18
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Jahrgang 1978, Redakteurin in der Wirtschaft.

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