03.01.2007 · „Würden Sie Bill Gates Ihr Vermögen anvertrauen?“ Bis vor nicht allzu langer Zeit wäre diese Frage den meisten Amerikanern sicher völlig absurd vorgekommen. Doch mittlerweile gilt Bill Gates als die Lichtgestalt im amerikanischen Stiftungswesen.
Von Roland Lindner, New York"Würden Sie Bill Gates Ihr Vermögen anvertrauen?" Bis vor nicht allzu langer Zeit wäre diese Frage den meisten Amerikanern sicher völlig absurd vorgekommen. Ausgerechnet dem Gründer des Softwarekonzerns Microsoft, einem der Feindbilder schlechthin in der amerikanischen Unternehmenswelt? Bill Gates, der reichste Mann der Welt, hat sich einen Ruf als gnadenloser Unternehmer erworben, der seine Wettbewerber eiskalt an die Wand drückt. So groß waren die Vorbehalte gegenüber Gates, dass auch sein karitatives Engagement in seiner gigantischen Stiftungsgesellschaft auf Misstrauen stieß - der Name Gates schien mit altruistischen Motiven einfach unvereinbar.
In den vergangenen zwölf Monaten hat sich das Bild von Bill Gates in der amerikanischen Öffentlichkeit aber drastisch gewandelt. Erst kürte ihn die Zeitschrift "Time" zusammen mit seiner Frau Melinda und dem Rocksänger Bono zur "Person des Jahres". Einige Monate später kündigte er an, sich im Jahr 2008 von Microsoft zurückziehen und ganz auf seine Stiftungsarbeit konzentrieren zu wollen.
Buffett-Spende bahnbrechend
Im Juni kam dann der große Paukenschlag: Der legendäre Investor Warren Buffett, zweitreichster Mann der Welt, kündigte an, fast sein gesamtes Vermögen an die Gates-Stiftung zu geben. Nach und nach soll die "Bill & Melinda Gates Foundation" Aktien von Buffetts Holding-Gesellschaft Berkshire Hathaway im Wert von mehr als 30 Milliarden Dollar erhalten. Das Vermögen der Gates-Stiftung, jetzt schon die mit Abstand größte Privatstiftung der Welt, wird sich damit glatt verdoppeln. Für den 76 Jahre alten Buffett bedeutete der Schritt eine Kehrtwende: Zuvor hatte er stets gesagt, sein Vermögen erst nach seinem Tod an wohltätige Einrichtungen geben zu wollen.
Die Buffett-Spende hat im vergangenen Jahr für einen Meilenstein im amerikanischen Stiftungswesen gesorgt, und sie ist nicht nur wegen ihrer Höhe bahnbrechend: Traditionell sieht das karitative Engagement von wohlhabenden Amerikanern so aus, dass sie eine eigene Stiftung mit ihrem eigenen Namen gründen - wie eben auch im Falle von Gates. Oft ist dabei ein Stück persönlicher Eitelkeit im Spiel, denn karitatives Engagement gehört in Amerika zum guten Ton und ist ein Weg, um sich soziale Anerkennung zu verschaffen. Für Buffett, der für seine Bodenständigkeit bekannt ist und in relativ einfachen Verhältnissen in der amerikanischen Provinzstadt Omaha lebt, spielen solche Beweggründe offenbar keine entscheidende Rolle. Sein Vermögen wird künftig nicht unter seinem Namen verteilt, sondern unter dem von Gates.
„Wer reich stirbt, stirbt in Schande“
Amerikaner haben im vergangenen Jahr insgesamt 260,3 Milliarden Dollar gespendet und damit 6 Prozent mehr als im Vorjahr, berichtet die Organisation Giving USA (zu dem Anstieg haben Spenden im Zusammenhang mit dem Hurrikan Katrina wesentlich beigetragen). Fast 200 Milliarden Dollar und damit mehr als drei Viertel des Gesamtbetrags wurden von Einzelpersonen gegeben. Rund 30 Milliarden Dollar kamen von Stiftungen wie zum Beispiel der Gates Foundation. Stiftungen sind vom Gesetzgeber dazu angehalten, jedes Jahr mindestens 5 Prozent ihrer Kapitalausstattung für wohltätige Zwecke auszugeben. Ein großer Teil der Stiftungen setzt tatsächlich nicht viel mehr als diesen Prozentsatz ein.
Die Gates Foundation hat im vergangenen Jahr knapp 1,4 Milliarden Dollar ausgegeben. Das entspricht knapp 5 Prozent des von Stiftungen gezahlten Geldes in Amerika oder immerhin einem halben Prozent des gesamten Spendenaufkommens im Land. Das Vermögen der Gates-Stiftung lag zuletzt bei 31,9 Milliarden Dollar (darin ist eine erste Tranche der Buffett-Spende von 1,6 Milliarden Dollar enthalten). Weitere prominente amerikanische Philanthropen neben Gates und Buffett sind der Investor George Soros sowie Gordon Moore, der Mitgründer des Mikrochipherstellers Intel, zusammen mit seiner Frau Betty.
Strategische Ziele werden verfolgt
Die Stifter von heute folgen in den Fußstapfen der Industriellen Andrew Carnegie und John Rockefeller, die Pioniere im karitativen Engagement waren. Stahlmagnat Carnegie und Ölunternehmer Rockefeller waren im späten neunzehnten Jahrhundert wegen ihrer rauhbeinigen Geschäftsmethoden als "robber barons" (Raubritter) verschrieen. Mit zunehmendem Alter profilierten sie sich aber mehr und mehr als Wohltäter. Carnegie schrieb in einem Aufsatz im Jahr 1889 den berühmt gewordenen Satz: "Wer reich stirbt, stirbt in Schande". Die vor fast hundert Jahren gegründeten Stiftungen von Carnegie und Rockefeller gibt es bis heute.
Das Ehepaar Gates will keine Stiftung für die Ewigkeit. Kürzlich teilten sie mit, das gesamte Stiftungsvermögen soll 50 Jahre nach dem Tod des letzten Überlebenden des Ehepaars ausgegeben sein. Bill und Melinda Gates gelten auch insofern als wegweisend im Stiftungswesen, als sie eng in die Projekte ihrer Organisation eingebunden sind. Sie sehen sich nicht als reine Geldverteiler, sondern setzen strategische Ziele und verfolgen diese genau. Außerdem konzentrieren sie ihre Arbeit auf einige wenige Schwerpunkte: die Bekämpfung von Krankheiten wie Malaria und Aids in Entwicklungsländern oder Erziehungswesen in Amerika. Das Ehepaar Gates will - ebenso wie Warren Buffett - den größten Teil seines Vermögens für karitative Zwecke ausgeben und nur einen kleinen Teil an seine Kinder vererben.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2465 | −0,19% |
| Rohöl Brent Crude | 106,29 $ | −0,52% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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