http://www.faz.net/-gqe-71dv3
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren
F.A.Z.-Index -- --
DAX ® -- --
Dow Jones -- --
EUR/USD -- --

Veröffentlicht: 16.07.2012, 13:12 Uhr

Sorge vor Wiederinbetriebnahme von Reaktoren 170.000 Japaner protestieren gegen Atomkraft

In Japan wächst der Protest gegen die Atomkraft. Rund 170.000 Menschen demonstrieren in Tokio auf einer der größten Kundgebungen seit Jahren gegen die Energiepolitik der Regierung.

von , Tokio
© dapd Demonstrant in Tokio

„Toll!“ Hiroko Fukutani ist begeistert. „Jetzt können uns auch die japanischen Medien nicht länger totschweigen.“ Die 22 Jahre alte Studentin schwenkt eine Fahne, die rote Sonne mit geballter Faust auf gelbem Grund. „Atomkraft, nein Danke“, steht darauf in deutscher Sprache. „Genpatsu iranai“, ruft sie auf Japanisch immer wieder, was auf Deutsch auf ihrer Flagge steht.

Carsten Germis Folgen:

170.000 Menschen sind an diesem Montag, einem Feiertag in Japan, in den Yoyogi-Park im Zentrum Tokios gekommen, um gegen Atomkraft zu demonstrieren. Es war die größte Kundgebung gegen die weitere Nutzung der Atomkraft in Japan seit der Katastrophe in den Atomreaktoren in Fukushima im März 2011.

„Wir brauchen eben etwas länger“

Weltweit haben sich viele Menschen gewundert, warum es nach Fukushima ausgerechnet in Japan nicht zu dem Massenprotest gegen Atomkraft gekommen ist, wie in anderen Ländern, vor allem in Deutschland. „Wir brauchen eben etwas länger“, meint Fukutani lächelnd. Ministerpräsident Yoshihiko Noda habe der Anti-Atomkraftbewegung Japans in den letzten Wochen erst den entscheidenden Schub gegeben, als er entschied, die ersten der nach der Katastrophe in Fukushima abgeschalteten Atomkraftwerke wieder ans Netz gehen zu lassen.

© reuters, Reuters Tausende Japaner protestieren gegen Atomkraft

„Die Regierung hat genehmigt, die Reaktoren in Oi wieder zu starten, und sie wird weitere Reaktoren wieder starten“, rief Literaturnobelpreisträger Kenzaburo Oe auf der Kundgebung im Yoyogi-park aus. „Wir müssen die Pläne der Regierung stoppen.“ Selbst zwei ältere Damen, die die Kundgebung aus sicherer Entfernung von einer Brücke aus verfolgen, klatschen da begeistert Beifall.

Erstmals berichten auch die japanischen Medien groß

Erstmals zeigten an diesem Montag auch japanische Medien erkennbares Interesse an den Protesten. Zwar berichtete selbst der als objektiv geltende staatliche Fernsehsender NHK am Abend nur von 70.000 Teilnehmern, obwohl der persönliche Augenschein jeden Beobachter schnell davon überzeugen müsste, dass sich deutlich mehr Menschen zur Kundgebung und zu den bis in den Abend dauernden Demonstrationen in Tokio versammelt hatten. Doch anders als in der Vergangenheit, als die meisten japanischen Medien jeden Anti-Atom-Protest schlicht ignorierten und nicht meldeten, wurde dieses Mal wenigstens berichtet.

Vor allem Familien mit Kindern und ältere Menschen prägten das Bild. Viele Japaner kamen in den Yoyogi-Park, die noch nie in ihrem Leben demonstriert haben. Das Ehepaar Tabuchi zum Beispiel. Mit selbstgemalten kleinen Plakaten stehen sie still am Rand der Kundgebung. „Wir brauchen keine Atomkraftwerke“, steht auf dem Schild des Mannes. „Wir brauchen Dich nicht mehr, Noda“, hat die Frau auf ihren Zettel geschrieben. „Wir dachten, wir müssen endlich etwas tun“, sagt sie. Die Entscheidung von Ministerpräsident Noda, die ersten Atomkraftwerke wieder hochzufahren, habe sie erzürnt. „Die tun immer noch so, als wäre nichts passiert“, meint sie.

Mehr zum Thema

Tatsächlich hat Noda in der japanischen Öffentlichkeit kaum Rückhalt für seine Entscheidung, zwei Atomreaktoren in der Stadt Oi, nahe den Ballungsräumen Osaka und Kyoto, in diesem Monat wieder in Betrieb zu nehmen. Der Regierungschef rechtfertigt das mit möglichen Stromengpässen in der Region im Sommer. Doch nach einer Umfrage der Zeitung „Mainichi“ lehnen 71 Prozent der Japaner diese Entscheidung ab. Wie stark Nodas Entscheidung die Menschen mobilisiert hat, gegen Atomkraft auf die Straße zu gehen, hat sich schon am Ende vergangener Woche gezeigt. Seit Ende März demonstrieren Atomkraftgegner jeden Freitagnachmittag vor dem Amtssitz des Regierungschefs. 300 waren es am Anfang, am letzten Freitag meldete selbst der bei Schätzungen eher vorsichtige Polizeibericht von 17.000 Protestierenden.

Einen Schub bekam die Anti-AKW-Bewegung in Japan auch durch den Bericht der unabhängigen Untersuchungskommission des Parlaments über die Atomkatastrophe in Fukushima. Die Katastrophe sei von Menschen verantwortet und „made in Japan“, sagte der Vorsitzende der Kommission, Kiyoshi Kurakawa. Ein mächtiges Netzwerk aus Energieunternehmen, Bürokratie und Politik habe in der Vergangenheit die japanische Atompolitik bestimmt. Warnungen, internationale Hinweise, die Atomkraftwerke sicherer zu machen, seien immer wieder ignoriert worden, die Katastrophe sei vermeidbar gewesen. „Und jetzt machen sie weiter so“, empört sich Studentin Fukutani. „Alle unangenehmen Sachen werden verschwiegen.“

Da passt es ins Bild, dass sich die Regierung am Montag dem Vorwurf aussetzen musste, die Öffentlichkeit - wie in der Vergangenheit wiederholt geschehen - weiter zugunsten der Atomenergie zu manipulieren. Landauf, landab veranstaltet die Regierung derzeit öffentliche Podiumsdiskussionen mit ausgewählten Diskutanten, um sich ein Meinungsbild der Bürger über die künftige Energiepolitik zu holen. Im August soll entschieden werden, wieviel Atomkraft Japan künftig noch haben soll: 0 Prozent, 15 oder 20 Prozent. Vor Fukushima waren es 30 Prozent. In Sendai, dem Zentrum der vom Tsunami im März 2011 zerstörten Region Tohoku, entpuppte sich einer der Diskutanten am Sonntag ausgerechnet als Mitarbeiter der Planungsabteilung der Tohoku- Elektrizitätswerke, die an ihrer alten Atomstrategie festhalten will. „Manipulation“, riefen aufgebrachte Zuhörer, „die Auswahl ist doch schon wieder manipuliert, wie früher.“ Umweltminister Goshi Hosono musste die Veranstaltung unterbrechen. Hiroko Fukutani zuckt nur die Schultern, als sie das hört. „Wundert Sie das?“, fragt sie. „Die haben nichts dazulernt. Deswegen bin ich heute hier.“

Reif für die Maut

Von Kerstin Schwenn

Der Fernbusmarkt hat sich konsolidiert. Es ist Zeit, dass jetzt auch die Busse Maut zahlen. Mehr 22 39

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden
Zur Homepage