Home
http://www.faz.net/-gqe-rdww
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
easyfolio

Sonntagsökonom Willkommen auf dem Heiratsmarkt

Warum Singles in die Großstadt ziehen und Verheiratete ihr lieber den Rücken kehren, können nur Ökonomen erklären. Sie sehen die Stadt als großen und effizienten Heiratsmarkt.

© F.A.Z. Vergrößern

„Willkommen auf dem größten Heiratsmarkt in Köln.“ Mit diesen Worten begrüßte ein Professor der dortigen Universität vor Jahren die Erstsemester der Wirtschaftswissenschaften. In der Tat erfüllen Hochschulen womöglich wichtigere Aufgaben als die Vermittlung von Wissen. Die Zusammenballung Hunderter junger Menschen in den Hörsälen erleichtert es, den Partner fürs Leben zu finden. Die Suchkosten sind für den Heiratswilligen erheblich geringer, wenn ein großes Angebot möglicher Ehepartner versammelt ist.

Patrick Welter Folgen:    

Dieses ökonomische Argument gilt nicht nur für Universitäten. Wer eine Ehefrau oder einen Ehemann sucht, wird sich dahin begeben, wo er mit geringem Aufwand viele Menschen kennenlernen kann. Er zieht in die Stadt, um zu heiraten oder zumindest um einen Lebenspartner zu treffen. Gemessen an den üblichen Vorstellungen, wie Liebende zueinander finden, klingt das höchst unromantisch. Für Romantik ist in der Ökonomik aber kein Platz.

Mehr zum Thema

Landflucht, der Liebe wegen

Aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht heiraten Menschen dann, wenn ihnen der Wert des Einzelgängertums kleiner erscheint als der Nutzen der trauten Zweisamkeit - abzüglich der Kosten, Kompromisse einzugehen und Ehekräche durchzustehen. Heiratswillige Menschen nehmen selbstverständlich nicht den erstbesten. Sie suchen so lange, bis die Kosten der weiteren Suche den möglichen Zugewinn durch einen noch besseren Partner aufwiegen.

Auch für Nichtökonomen sind diese Ideen nachvollziehbar. Aber zieht man deshalb in die Stadt um, um die Kosten der Partnersuche zu verringern? Wohnt man nicht in der Stadt, um mehr Kultur und eine größere Auswahl an Freizeitvergnügungen zu genießen, und vor allem, um ein höheres Einkommen zu erzielen? Wie immer in der Ökonomik ist die Theorie der Stadt als Heiratsmarkt nur eine These, die falsch oder richtig sein kann. Sie kann nie bewiesen werden; sie kann aber untermauert werden, indem man einen Blick auf die wirkliche Welt wirft.

Höhere Mieten, aber bessere Kontaktmöglichkeiten

Die Ökonomen Pieter Gautier, Michael Svarer und Coen Teulings haben dazu die Lebensläufe von 21.840 Dänen im Zeitraum von 1980 bis 1995 untersucht. Das Ergebnis ist überraschend klar. Dänische Singles ziehen bevorzugt in Städte wie Kopenhagen oder Aarhus, und Verheiratete kehren diesen Menschenansammlungen schnell den Rücken. Dieser Befund stützt die Theorie der Stadt als Heiratsmarkt. Für Singles wird der Nachteil, in der Stadt höhere Mieten zahlen zu müssen, aufgewogen durch den Vorteil, mehr heiratsfähige Menschen zu treffen. Für Verheiratete gilt dies nicht.

Die Datensammlung zeigt ferner, daß begehrte Junggesellen oder -gesellinnen, also Singles mit höherem Einkommen und guter Ausbildung, häufiger in die Stadt ziehen als andere. Auch das paßt zu der Heiratsmarkttheorie. Attraktive Menschen haben mehr Möglichkeiten, ihren Wunschpartner zu finden, als die bemitleidenswerten anderen. Für sie lohnt sich die Suche mehr. Sie haben damit ein besonderes Interesse, die Suchkosten zu verringern, um die Partnerwahl ausdehnen zu können. Also ziehen sie in die Stadt.

Nun kann es natürlich sein, daß Singles in die Stadt gehen, um dort zu studieren und um künftig überdurchschnittliche Einkommen zu erzielen. Vielleicht ist also nicht die Stadt, sondern die Universität der tatsächliche Heiratsmarkt. Auf diesen Gedanken sind die Autoren auch gekommen, und sie haben sich speziell angesehen, wo Menschen über 25 Jahre, die in der Regel nicht mehr studieren, sich ansiedeln. Tatsächlich stützt diese Teilanalyse das Bild der Stadt als Heiratsmarkt in noch klarerer Weise. Auch ältere Singles ziehen überwiegend in die Stadt, ältere Verheiratete bevorzugen das Land.

Wohnraum für Kinder?

Gegen die These lassen sich viele Einwände vorbringen. Vielleicht meiden die Verheirateten die Stadt, weil sie für ihre Kinder viel billigen Wohnraum brauchen. Das mag stimmen. Die Lebensläufe zeigen aber auch, daß selbst Verheiratete ohne Kinder lieber aufs Land ziehen. Könnte die Stadtflucht der Verheirateten darin gründen, daß sie älter sind und die Ruhe auf dem Land und mehr Wohnraum schätzen? Wäre die Stadtflucht nur durch das Alter bestimmt, müßten auch geschiedene Singles auf dem Land leben bleiben. Das ist nicht der Fall. Geschiedene Dänen neigen eher dazu, in die Stadt zu ziehen als aufs Land.

In der Gesamtschau bieten die Autoren eine erdrückende Fülle an Indizien, die die These stützen, daß die Stadt vor allem ein effizienter Heiratsmarkt ist. All das ist kein Beweis. Doch läßt sich der Gedanke spannend weiterspinnen: Vielleicht kehren Verheiratete der Stadt auch den Rücken, um das Risiko zu minimieren, daß der Lebenspartner einen anderen findet?

P.S. Die Analyse "Marriage and the City" erschien im Januar 2005 als Arbeitspapier der Universität Kopenhagen. Seither haben sie vier weitere Institute wortgleich als Diskussionsbeitrag veröffentlicht, darunter das Institut zur Zukunft der Arbeit in Bonn und das Ces-Ifo-Institut in München. Das kann ein Zeichen für den besonderen Wert der Analyse sein. Womöglich aber belegt die Mehrfachpublikation auch nur, wie Autoren und Institute Forschungsaktivität vorspiegeln.

Pieter Gautier, Michael Svarer, Coen Teulings: Marriage and the City, Centre for Applied Microeconometrics, Universität Kopenhagen, Working Paper 2005-01.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.10.2005, Nr. 41 / Seite 38

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Immobilienmarkt Deutschland steuert auf eine Spekulationsblase zu? Von wegen!

Seit 40 Jahren steigen in vielen Ländern die Häuserpreise kräftig. Grund ist oft ein zu geringes Angebot als Folge von Regulierungen. Die Geldpolitik spielt langfristig eine geringere Rolle. Mehr Von Gerald Braunberger

18.10.2014, 10:46 Uhr | Finanzen
Dating mal ganz anders

Immer mehr Menschen suchen im Internet nach der Liebe fürs Leben. In Dänemark gibt es auch eine Plattform für Singles, die gleich eine Familie suchen. Mehr

18.09.2014, 08:56 Uhr | Gesellschaft
Markt entspannt sich Immobilienpreise steigen langsamer

Erste Anzeichen deuten auf eine Beruhigung in den Metropolen hin. Doch bedeutet ein weniger rasantes Wachstum gleich die Trendwende? Mehr Von Judith Lembke

22.10.2014, 19:39 Uhr | Finanzen
Kampagne für tote Kinder

Im irischen Tuam soll mit einem Denkmal an hunderte tote Kinder erinnert werden, die in der Nähe eines katholischen Heims für unverheiratete Mütter entdeckt worden waren. Mehr

05.06.2014, 13:16 Uhr | Gesellschaft
Mikrozensus Immer weniger Eltern sind verheiratet

Das familiäre Zusammenleben der Deutschen ändert sich erheblich: Noch Mitte der 1990er Jahre waren mehr als 80 Prozent der Eltern verheiratet. Heute wachsen deutlich mehr Kinder in anderen Verhältnissen auf. Mehr

20.10.2014, 11:55 Uhr | Gesellschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 16.10.2005, 19:00 Uhr

Tests mit Schlagseite

Von Markus Frühauf

Bestünden alle Banken den Stresstest, hätte die EZB als künftige Bankenaufseherin schon vor dem Beginn versagt. Doch sie kann auch kein Interesse daran haben, die Schwächen der Banken schonungslos aufzudecken. Mehr 5


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Grafik des Tages Viel Fleisch nicht zum Verzehr geeignet

Entzündliche Reaktionen der Haut, Hämatome oder abgemagerte Tiere: Fast 16.000 Tonnen Geflügelfleisch aus deutschen Schlachtbetrieben wurden 2013 aussortiert. Die häufigsten Ursachen gibt es in unserer Grafik des Tages. Mehr 2

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden