21.05.2006 · Eine Studie der Wirtschaftsforscher vom DIW legt nahe, daß die Vornamen von Immigranten etwas über deren Integration aussagen. Nicht nur das: Der Vorname kann auch die Karriere beeinflußen.
Von Gerald BraunbergerDie Integration von Zuwanderern und ihrer Kinder zählt derzeit zu den sehr kontrovers diskutierten Themen in Deutschland. Da trifft es sich gut, daß mit dem Berliner DIW ein führendes Institut für Wirtschaftsforschung ein Arbeitspapier vorlegen kann, das eine Reihe interessanter Analysen bietet.
Die Autoren Jürgen Gerhards und Silke Hans interessieren sich für den Stand der Integration und gehen daher zunächst einen Schritt zurück. Vorbedingung von Integration ist nach ihrer Ansicht Assimilierung, hier verstanden als Anpassung an die deutsche Gesellschaft.
„Maria“ zwischen den Extremen
Sie betrachten drei Einwanderergruppen - Menschen aus der Türkei, aus Ex-Jugoslawien sowie aus Südwesteuropa (Italien, Spanien und Portugal) - und messen den Grad ihrer Assimilierung mit Hilfe eines originellen, allmählich in der Forschung an Bedeutung gewinnenden Indikators: der Vornamen der in Deutschland geborenen Einwandererkinder. Denn Vornamen gelten in der Wissenschaft als - und jetzt kommt ein schrecklicher Begriff - „soziale Identitätsmarker“, die die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kultur ausdrücken können.
Die Arbeitshypothese der Autoren ist einfach. Je häufiger Einwanderer ihren Kindern typisch deutsche Vornamen geben, um so weiter ist die Assimilierung fortgeschritten. Umgekehrt belegt die Verwendung überwiegend heimischer, nichtdeutscher Vornamen eine Distanz gegenüber Deutschland und seiner Gesellschaft. Zwischen diesen beiden Extremen befinden sich Namen, die sowohl im Herkunftsland von Einwanderern als auch in Deutschland gebräuchlich sind - ein Beispiel bildet das in vielen Ländern und Sprachen verbreitete „Maria“.
Der Indikator „Vornamen“ ist nicht ohne Tücke
Die Ergebnisse zeigen, daß jede Verallgemeinerung in der gegenwärtigen Integrationsdebatte das Thema verfehlt: Während lediglich 36,7 Prozent der Kinder südwesteuropäischer Einwanderer Vornamen tragen, die ausschließlich im Herkunftsland der Einwanderer gebräuchlich sind, beträgt der Anteil der ausschließlich türkischen Vornamen - zum Beispiel Selda - von Kindern türkischer Einwanderer 91,5 Prozent! Die Ex-Jugoslawen liegen mit einem Anteil von 46,1 Prozent für Vornamen aus ihrer Heimat näher an den Südwesteuropäern als an den Türken.
Diese Daten scheinen nun eine Interpretation nahezulegen: Türken tun sich mit der Assimilierung in Deutschland deutlich schwerer als Zuwanderer aus dem Südwesten und dem Südosten Europas. Doch Vorsicht, warnen Gerhards und Hans. Der Indikator „Vornamen“ ist nicht ohne Tücke.
Keine christlich geprägten Namen in der Türkei
So besitzen viele Vornamen in Europa einen christlichen Ursprung, und daher ist es wenig erstaunlich, daß viele in Deutschland lebende Südwesteuropäer ihren Kindern christlich geprägte Namen geben, die sowohl in ihrem Herkunftsland als auch in Deutschland weit verbreitet sind. Das gilt in Grenzen auch für Menschen aus Ex-Jugoslawien, aber eben nicht für Türken, die keine christliche Tradition besitzen und überdies einer anderen Sprachfamilie angehören. Kein Wunder, daß ihre Kinder überwiegend sehr fremd klingende Namen tragen.
Außerdem empfehlen Gerhards und Hans, sich einmal die Entwicklung im Zeitablauf anzuschauen. Und da zeigt sich, daß die Zahl deutscher Vornamen bei Kindern der in Deutschland lebenden Türken der zweiten Generation höher liegt als bei der ersten Einwanderer-Generation. Je größer die kulturellen Differenzen, um so länger braucht die Assimilierung, ließe sich schließen.
Bei Bewerbern spielt der Vorname eine Rolle
Die Autoren haben auch geprüft, ob die Wahl eines deutschen oder eines fremden Vornamens in Abhängigkeit vom Einkommen der Eltern steht, und keinen statistisch zuverlässigen Zusammenhang gefunden. Er mag dennoch indirekt bestehen, denn gleichzeitig zeigt sich, daß die Wahl eines deutschen Vornamens für ein Einwandererkind mit der Qualität des Schulabschlusses zunimmt.
Was soll's?, mag man fragen. Ist es nicht gleichgültig, ob ein Mädchen treudeutsch Kunigunde oder treutürkisch Selda heißt? Vielleicht nicht. Aus den Vereinigten Staaten sind Untersuchungen bekannt, die zeigen, wie Arbeitgeber den Vornamen von Bewerbern um einen Arbeitsplatz als Diskriminierungsfaktor verwenden.
So werden dort Kandidaten mit Vornamen, die vor allem unter schwarzen Amerikanern verbreitet sind und damit auch eine ethnische Zugehörigkeit anzeigen, von Unternehmen benachteiligt. Umgekehrt mag in Deutschland Kunigunde allein deshalb bessere Jobchancen haben, weil sie Kunigunde und nicht Selda heißt. Die Welt ist schon ungerecht.
Gerald Braunberger Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.
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