24.12.2010 · Die Solarenergie hat das Leben in einem äthiopischen Dorf von Grund auf verändert und das Unternehmertum angekurbelt. Den Bürgern gefallen die Solaranlagen auf ihren Dächern so gut, dass sie an das reguläre Stromnetz gar nicht mehr angeschlossen werden wollen.
Von Claudia Bröll, RemaDie Attraktion in der Lehmhütte von Gebeyanesh Nadew hängt von der Decke wie eine dürre Baumschlange von einem Ast. Besucher lassen sich davon aber nicht schrecken. Sie bewundern das schwarze Kabel mit kleinem Schalter am Ende. „Darauf haben hier alle ihr Leben lang gewartet“, sagt die auf dem Boden hockende Äthiopierin mit einem Blick nach oben. „Diese Kabel sind eine Revolution, der Beginn einer neuen Ära.“
Genau genommen geht es Nadew und den anderen Bewohnern des Dorfes Rema natürlich nicht um die Kabel, sondern um den Strom, der dadurch fließt. Verantwortlich dafür ist die am reichhaltigsten vorhandene Ressource in Afrika: das Sonnenlicht. Rema ist vor vier Jahren das erste mit Solarenergie gespeiste Dorf in Äthiopien geworden. Das Projekt der von Deutschen gegründeten Stiftung Solarenergie hat für so viel Furore gesorgt, dass sogar der ehemalige Präsident Bill Clinton zu Besuch kam. Mehr als 50 Dörfer folgten dem Beispiel Remas. Die Solarenergie soll auch das Wirtschaftsleben in Regionen ankurbeln, die vom Fortschritt bisher abgeschnitten waren.
Viel erinnert an ein historisches Museumsdorf
Dass Rema zu diesen Orten gehört, stellt man schon auf der Hinfahrt von Addis Abeba fest. Sechs Stunden auf einer abenteuerlichen Schotterpiste. Dabei liegt Rema gerade einmal 150 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Dort angekommen, erinnert viel an ein historisches Museumsdorf. Runde Lehmhütten rund um einen staubigen Marktplatz, auf dem Ziegen und Esel vor sich hin dösen. An der einzigen Wasserstelle warten Frauen mit Kanistern auf dem Rücken. Überall rennen barfüßige Kinder herum, die jedes Auto wie eine Sensation bejubeln.
Früher lag der Ort nachts in tiefer Dunkelheit, erzählt Nadew. Niemand ging mehr auf die Straßen. In einigen Hütten brannten allenfalls Kerosinlampen. Heute dringt das bläuliche Licht von LED-Energiesparleuchten durch die offenen Türen. Erstmals gibt es sogar so etwas wie ein Nachtleben, zumindest eine Bar mit einem Kühlschrank für Getränke. Im Fernseher auf dem Tresen laufen Musikvideos von Sängerinnen in Tulpenfeldern. Auch tagsüber hat sich das Leben verändert. Die Bewohner müssen dank einer solarbetriebenen Wasserpumpe und Aufbereitungsanlage nicht mehr kilometerweit laufen, um Wasser zu holen.
Solarbetriebene Wassererhitzer auf den Hütten der Armenviertel
„Zum ersten Mal ist es unerheblich, wann die Sonne auf- und untergeht“, schwärmt Nadew. Die 32 Jahre alte verwitwete Mutter von drei Kindern verdiente zuvor ihren Lebensunterhalt mit selbstgebrautem Bier aus Sorghum-Hirse. Jetzt nutzt sie die Abend- und Nachtstunden für den Guss von Zementöfen, die sie in der Umgebung verkauft. Und sie geht in die Schule. Seit dort LED-Lampen hängen, wird Abendunterricht für Erwachsene angeboten. In Rema können nur wenige aus Nadews Generation lesen und schreiben.
Solarenergie ist derzeit nicht nur in Äthiopien, sondern in ganz Afrika eines der großen Themen. In Südafrika thronen solarbetriebene Wassererhitzer auf den Hütten in den Armenvierteln. In Kenia vertreiben Bauern mit Solarlicht Elefanten von den Feldern. Die Weltbank schätzt, dass Afrika 2015 der größte Markt für Solarlampen der Welt sein wird. Unternehmen aber blicken zuerst in die entwickelten Märkte, bevor sie sich in Länder mit Risiko wie Äthiopien wagen. Dabei ist der Bedarf gerade dort enorm.
Aus Sicht der Stiftung ist die fehlende Energieversorgung einer der Hauptgründe, weshalb Millionen Äthiopier in einer Armutsfalle feststecken. „Gesellschaftliche Entwicklung ist nur dort möglich, wo bezahlbare und saubere Energie vorhanden ist“, sagt Stiftungsvorstand Harald Schützeichel. Der promovierte katholische Theologe kennt sich mit Solarenergie bestens aus. Vor 13 Jahren gründete er die Freiburger S.A.G. Solarstrom AG und brachte sie später an die Börse. Als er vom Wirtschaftsleben irgendwann genug hatte, verschrieb er sich der Armutsbekämpfung. Dafür suchte er sich den afrikanischen Kontinent aus, wo viele gut gemeinte Initiativen scheitern, sobald sich die Wohltäter zurückziehen. Die Stiftung ist deswegen als eine Art Zwitter zwischen gemeinnütziger Organisation und Privatunternehmen konzipiert. „Viele Hilfsprojekte sind auf lange Sicht wirtschaftlich nicht tragfähig, weil die Organisationen sich nur darauf konzentrieren, Gutes zu tun. Umgekehrt gehen rein wirtschaftlich ausgerichtete Projekte oft an den Interessen der Ärmsten vorbei. Wir wollen beides kombinieren.“
Eine Liste mit den Namen von 1000 Interessenten
In der Praxis heißt das, dass die Nutzer die Solaranlagen selbst finanzieren sollen, allerdings mit Hilfe lang laufender, zinsloser Kredite. Das soll nicht nur eine Abhängigkeit von Spendern verhindern, sondern auch sicherstellen, dass die Anlagen nicht beim ersten Versagen der Batterie in einer Ecke landen und die Menschen zu ihren alten Gewohnheiten zurückkehren. Um Installationen und Wartung langfristig zu garantieren, bildet die Stiftung außerdem jährlich 22 bis 26 „Rural Solar Energy Workers“ aus. „Unser Ziel ist, uns irgendwann überflüssig zu machen“, sagt Schützeichel. Die Idee kam an, zumal die Solaranlagen in Rema noch gratis verteilt werden. Als die Bürger davon hörten, überreichte der Bürgermeister Schützeichel eine Liste mit den Namen von 1000 Interessenten. Darunter waren zwar viele Phantasienamen, aber die Zusage war gegeben, und ein Sonnenkollektor nach dem anderen tauchte auf den Strohdächern auf. Bedenken blieben freilich nicht aus. Einige befürchteten, die Kühe gäben keine Milch mehr, wenn es nachts nicht mehr stockdunkel sei. Andere hielten die Umwandlung des Sonnenlichts in Energie schlicht für Hexenwerk.
Bonaja Belachew gibt zu, dass ihm das alles nicht ganz geheuer gewesen sei. Hinzu kam, dass er nicht umsonst im Dorf den Beinamen „Kerosin-Mann“ trägt. Früher lebte er vom Verkauf von Kerosin - genau von dem Produkt, das die deutschen Verfechter der Solarenergie am liebsten aus den Hütten verbannen würden. Der Ruß der Lampen gilt nach Aids als zweithäufigste Ursache für die hohe Kindersterblichkeit in Afrika. Doch Belachew muss eine vierköpfige Familie ernähren und hat eine schwere Behinderung an den Beinen. „Man muss sich an neue Zeiten anpassen“, sagt er mit geschäftsmäßiger Miene und weist auf eine gelbe Kiste. Darin kann er gleichzeitig drei Handys aufladen, 2 Birr (9 Cent) verlangt er dafür. Die Einnahmen gleichen zwar die Verluste aus dem Kerosin-Verkauf noch nicht aus. Der Kleinstunternehmer aber ist zuversichtlich. „Das Geschäft wächst. Seit einem Jahr gibt es hier Mobilfunkempfang und fast jeder hat jetzt ein Handy.“
All die Kabel, die in Remas Hütten hängen, bekommen bald Konkurrenz: von einem dickeren und viel längeren Kabel. Noch liegt es auf großen Holztrommeln aufgerollt auf dem Marktplatz. Niemand im Dorf hatte mehr damit gerechnet, aber jetzt will der staatliche Versorger ausgerechnet Rema an das Stromnetz anschließen. Reiner Zufall, meint der Bürgermeister. Aber so recht wollen ihm das die Bürger nicht glauben. Und begeistert sind sie auch nicht. „Freiwillig werde ich von denen bestimmt keinen Strom abnehmen“, protestiert Nadew. Nicht nur sei der Solarstrom billiger, sie wolle auch nicht mehr die Kontrolle über ihre Stromzufuhr verlieren. „Die Leute in Addis lästern, dass wir rückständig sind, weil sie schon so lange ans Netz angeschlossen sind. Was sie nicht erzählen, ist, dass jeden vierten Tag der Strom ausfällt. Da fragt man sich, wer wirklich rückständig ist.“
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