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Digitale Schulen : Wie Schüler in der digitalen Welt lernen

In den Niederlanden ist man der Meinung, dass eine digitale Welt auch ein digitalisiertes Schulsystem benötige. Bild: Picture-Alliance

In den Niederlanden entstehen immer mehr „Steve-Jobs-Schulen“. Jedes Kind lernt eigenständig auf dem Computer und wird Herr über seinen Schultag. Lehrer greifen nur selten ein.

          Ilmess’ Tabletcomputer steckt in einer dicken, leuchtend grünen Kunststoffhülle. Sie hat einen Griff, der erleichtert den Transport von einem in den anderen Raum. Denn Ilmess lernt nicht den ganzen Tag in einem Klassenzimmer mit immer denselben Mitschülern. Je nachdem, was gerade dran ist – Stuhlkreis, Niederländisch oder Mathematik –, wechselt er Raum und Gruppe.

          Lisa     Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

          Auf dem Bildschirm seines Tabletcomputers steht links oben: „Dit doe ik“ (Das mache ich heute). Darunter ist aufgelistet: begleitetes Sprachenlernen von 9 bis 9:25 Uhr, selbständiges Lernen von 9:30 bis 10:10 Uhr; dann wieder eine halbe Stunde begleitetes Sprachenlernen, anschließend 25 Minuten spielen und danach eine halbe Stunde in der Stammgruppe, in der zum Beispiel Geburtstage gefeiert und Stuhlkreise abgehalten werden. Dann essen, lesen (auf Papier), wieder draußen spielen.

          Was er am Computer lernt, bestimmt Ilmess weitgehend selbst. Um 15 Uhr endet der offizielle Schultag des 11 Jahre alten Fünftklässlers. Hausaufgaben bekommt er keine. Er kann selbstverständlich am Nachmittag weiterlernen, wenn er möchte. Das tue er oft, sagt Ilmess. Gegen sechs lege er das Tablet aber weg.

          Neue Welt - neues System?

          Bis vor zwei Jahren ging Ilmess in eine herkömmliche Schule: in eine Klasse mit Gleichaltrigen, viel Frontalunterricht und keiner Betonung auf digitale Medien. Dass er heute in altergemischten Gruppen lernt, dass er 25 bis 30 Prozent seiner Zeit in der Schule mit Apps und von Lehrkräften erstellten Lernprogrammen am iPad lernt und dass seine Lehrer die Schüler nur in Kleingruppen unterstützen, hat viel damit zu tun, dass sich vor einigen Jahren die Tochter eines niederländischen Unternehmers und bekannten Wahlforschers dem Schulalter näherte.

          Ihr Vater, Maurice de Hond, schaute sich Grundschulen an und stellte fest, dass sich seit dreißig Jahren, als seine wesentlich älteren anderen Kinder zur Schule gegangen waren, kaum etwas verändert habe. „Fossile, erstarrt in der Zeit“, habe er vorgefunden. Er war sicher, dort würde seine Tocher nicht auf ihr Erwachsenenleben nach dem Jahr 2030 vorbereitet.

          „Die Kinder leben heute in einer völlig anderen Welt, werden aber in ein veraltetes System gesteckt“, schimpft er. „Und dann werfen wir ihnen vor, sie könnten sich nicht konzentrieren; doch hinter dem Computer können sie es.“

          Digitales Lernen bietet jede Menge Möglichkeiten

          Sein Töchterchen habe ein Smartphone in der Hand gehabt, bevor sie ein Jahr war. Das findet er völlig in Ordnung. Viele Menschen verstünden nicht, dass „das Gehirn durch das vermehrte Leben in der digitalen Welt anders verdrahtet wird“.

          Dass man Kinder in vielen Schulen vor der digitalen Welt schütze, kann de Hond nicht verstehen. „Warum ist es besser, auf Papier zu lesen als auf dem Tablet?“ Auf dem Tablet habe man sogar mehr Möglichkeiten der Wissensvermittlung wie Verlinkungen und das Zeigen von Filmen. „Als ob es nur den einen, von Gott vorgegebenen Weg gäbe!“

          Für de Hond war klar: Eine herkömmliche Schule würde sein Kind keinesfalls auf eine Welt vorbereiten, die „voller digitaler Dinge sein wird und in der Information ein Gut ist“, in der man also nur noch wenig auswendig wissen müsse.

          De Hond setzte eine Arbeitsgruppe aus Pädagogen ein und ließ sie eine Schule entwickeln, die seinen Vorstellungen entsprach. Da diese auch den Vorgaben der Regierung genügte, konnte sie vor zwei Jahren als staatlich finanzierte Schule in Amsterdam ihre Pforten öffnen, für dreißig Kinder, inzwischen sind es 130.

          Müssen alle Schulen umstrukturiert werden?

          Wäre es dabei geblieben, dann gäbe es nur die unbedeutende Geschichte einer kleinen Schule in einem kleinen europäischen Land zu erzählen, in die ein paar Eltern mit speziellen Vorstellungen ihre Kinder schicken. Doch die „Steve Jobs Schule“, wie de Hond sie zur Erinnerung an den verstorbenen Apple-Gründer nannte, traf einen Nerv der Zeit.

          Offensichtlich fragten auch andere Eltern – und Bildungspolitiker –, ob sich Schulen wegen des Megatrends der Digitalisierung grundlegend ändern müssten. Davon zeugt das internationale Interesse, das die Schule hervorruft.

          Davon zeugt auch die recht flotte Expansion der Steve-Jobs-Schulen. Inzwischen gibt es 25, Ende des Jahres werden es mindestens 40 Schulen mit rund 8000 Schülern sein, die aus allen sozialen Schichten stammen. Und man rechnet mit 100 bis 150 Grundschulen Ende des kommenden Jahres.

          Konzept auch in Schwellenländern beliebt

          „Die Transformation einer Schule dauert etwa sechs Monate“, erklärt Dirk de Koning, einer der zwölf Mitarbeiter von de Honds Unternehmen, das Schulen darin unterstützt, als Steve-Jobs-Schulen zu arbeiten. Dafür kassiert man je nach Größe der Schule eine Gebühr von 25000 bis 60000 Euro im Jahr.

          De Koning trägt ein weißes offenes Hemd und einen gut geschnittenen blauen Anzug. Seine Worte sitzen, er ist ein hervorragender Verkäufer. Auch er kommt aus der Wirtschaft, hat schon im Marketing gearbeitet. „Das ist zwingend“, sagt er. „Man kann ein System nur von außen, nicht von innen neu erfinden.“

          Man will das Konzept auch in anderen Länder verkaufen. In Südafrika sind bisher zwei und in Spanien eine Schule eröffnet worden. In Südafrika könnten es mehr werden, sagt de Koning. Starkes Interesse komme auch aus Abu Dhabi und Dubai. „Die Schwellenländer wollen in der Bildung einen Sprung nach vorne machen.“

          Europäische Staaten tun sich schwer

          In den europäischen Ländern tut sich das Bildungsunternehmen hingegen schwer. „Auf den reifen Bildungsmärkten glaubt man, schon über ein solides System zu verfügen“, hat de Koning beobachtet. Von deutschen Interessenten höre er außerdem, das Lernkonzept sei zu anders, zu frei – es sei kaum durchzusetzen.

          In den Steve-Jobs-Schulen lernen die Kinder in gewisser Weise, was sie wollen. Dank des „personalisierten Lernens“ via Tabletcomputer arbeite jedes Kind auf seinem eigenen Level, erklärt de Koning. Also auch der fünf Jahre alte Hochbegabte mit Programmen, die normalerweise Kinder der Abschlussklasse benutzen.

          Es gibt aber durchaus Vorgaben, festgeschrieben im „individuellen Entwicklungsplan“. Sie basieren auf den öffentlichen Lehrplänen, berücksichtigen aber genauso die Interessen, Talente und Fähigkeiten jedes Kindes. Alle sechs Wochen bewerten Schüler, Eltern und Lehrkräfte den Fortschritt, und es werden neue Ziele gesetzt.

          Schüler digitalisierte Schulen schneiden besser ab

          „Es ist nicht so, dass man, weil man acht Jahre alt ist, genau das und das wissen muss“, sagt de Koning. Ein Schüler könne zum Beispiel über längere Zeit vor allem Mathe lernen und dann über längere Zeit Niederländisch. „Aber am Ende der Grundschulzeit, mit zwölf Jahren, sind alle mehr oder weniger am selben Punkt angelangt.“

          Die Lehrpersonen, sie werden „Coaches“ genannt, spielen auch in den Steve-Jobs-Schulen eine wichtige Rolle; rechnerisch kommt auf zwanzig Schüler ein Coach, ein nach deutschen Maßstäben günstiges Verhältnis. Sie kontrollieren, die Technik macht’s möglich, die Lernfortschritte sehr genau.

          Und sie greifen ein, wenn ein Kind über zu lange Zeit nur noch Mathe lernen möchte, es aber seine Rechtschreibfähigkeiten verbessern sollte. Immer wieder sammeln sie zudem die Schüler in kleinen Gruppen, wenn diese etwas nicht verstehen und um den Stoff zu vertiefen. „Jedes Kind ist Herr über seinen persönlichen Schultag“, betont de Hond.

          Doch schaffen das Kinder in diesem Alter? Sehr gut, versichert er. Wem das eigenständige Lernen schwerfalle, und das gelte nur für wenige Kinder, der bekomme eben mehr Unterstützung.

          Weil das Lernen am Computer Spaß mache und die Schüler freiwillig, auch nach der Schule, lernten, machten sie gute Fortschritte, sagt de Koning. Zum Beweis führt er die Ergebnisse eines staatlichen Vergleichstests (Cito) an: Im Januar wurden die Sprach- und Rechenfähigkeiten aller holländischen Schüler getestet, die die Grundschulen im Sommer verlassen.

          Die Steve-Jobs-Schüler hätten sehr gut abgeschnitten, sagt de Koning. „Sie waren um 40 Prozent besser als der durchschnittliche Schüler in den Niederlanden.“ Ilmess, dessen Familie aus Marokko stammt, findet die neue Schule jedenfalls viel besser als die alte. Was ist besser? „Das iPad.“ Damit zu arbeiten sei cool, sagt er. „Ich kann spielen, was ich will.“

          Quelle: F.A.Z.

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