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Veröffentlicht: 20.08.2016, 14:13 Uhr

Digitale Schulen Wie Schüler in der digitalen Welt lernen

In den Niederlanden entstehen immer mehr „Steve-Jobs-Schulen“. Jedes Kind lernt eigenständig auf dem Computer und wird Herr über seinen Schultag. Lehrer greifen nur selten ein.

von , Amsterdam
© Picture-Alliance In den Niederlanden ist man der Meinung, dass eine digitale Welt auch ein digitalisiertes Schulsystem benötige.

Ilmess’ Tabletcomputer steckt in einer dicken, leuchtend grünen Kunststoffhülle. Sie hat einen Griff, der erleichtert den Transport von einem in den anderen Raum. Denn Ilmess lernt nicht den ganzen Tag in einem Klassenzimmer mit immer denselben Mitschülern. Je nachdem, was gerade dran ist – Stuhlkreis, Niederländisch oder Mathematik –, wechselt er Raum und Gruppe.

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Auf dem Bildschirm seines Tabletcomputers steht links oben: „Dit doe ik“ (Das mache ich heute). Darunter ist aufgelistet: begleitetes Sprachenlernen von 9 bis 9:25 Uhr, selbständiges Lernen von 9:30 bis 10:10 Uhr; dann wieder eine halbe Stunde begleitetes Sprachenlernen, anschließend 25 Minuten spielen und danach eine halbe Stunde in der Stammgruppe, in der zum Beispiel Geburtstage gefeiert und Stuhlkreise abgehalten werden. Dann essen, lesen (auf Papier), wieder draußen spielen.

Was er am Computer lernt, bestimmt Ilmess weitgehend selbst. Um 15 Uhr endet der offizielle Schultag des 11 Jahre alten Fünftklässlers. Hausaufgaben bekommt er keine. Er kann selbstverständlich am Nachmittag weiterlernen, wenn er möchte. Das tue er oft, sagt Ilmess. Gegen sechs lege er das Tablet aber weg.

Neue Welt - neues System?

Bis vor zwei Jahren ging Ilmess in eine herkömmliche Schule: in eine Klasse mit Gleichaltrigen, viel Frontalunterricht und keiner Betonung auf digitale Medien. Dass er heute in altergemischten Gruppen lernt, dass er 25 bis 30 Prozent seiner Zeit in der Schule mit Apps und von Lehrkräften erstellten Lernprogrammen am iPad lernt und dass seine Lehrer die Schüler nur in Kleingruppen unterstützen, hat viel damit zu tun, dass sich vor einigen Jahren die Tochter eines niederländischen Unternehmers und bekannten Wahlforschers dem Schulalter näherte.

Ihr Vater, Maurice de Hond, schaute sich Grundschulen an und stellte fest, dass sich seit dreißig Jahren, als seine wesentlich älteren anderen Kinder zur Schule gegangen waren, kaum etwas verändert habe. „Fossile, erstarrt in der Zeit“, habe er vorgefunden. Er war sicher, dort würde seine Tocher nicht auf ihr Erwachsenenleben nach dem Jahr 2030 vorbereitet.

„Die Kinder leben heute in einer völlig anderen Welt, werden aber in ein veraltetes System gesteckt“, schimpft er. „Und dann werfen wir ihnen vor, sie könnten sich nicht konzentrieren; doch hinter dem Computer können sie es.“

Digitales Lernen bietet jede Menge Möglichkeiten

Sein Töchterchen habe ein Smartphone in der Hand gehabt, bevor sie ein Jahr war. Das findet er völlig in Ordnung. Viele Menschen verstünden nicht, dass „das Gehirn durch das vermehrte Leben in der digitalen Welt anders verdrahtet wird“.

Dass man Kinder in vielen Schulen vor der digitalen Welt schütze, kann de Hond nicht verstehen. „Warum ist es besser, auf Papier zu lesen als auf dem Tablet?“ Auf dem Tablet habe man sogar mehr Möglichkeiten der Wissensvermittlung wie Verlinkungen und das Zeigen von Filmen. „Als ob es nur den einen, von Gott vorgegebenen Weg gäbe!“

Für de Hond war klar: Eine herkömmliche Schule würde sein Kind keinesfalls auf eine Welt vorbereiten, die „voller digitaler Dinge sein wird und in der Information ein Gut ist“, in der man also nur noch wenig auswendig wissen müsse.

De Hond setzte eine Arbeitsgruppe aus Pädagogen ein und ließ sie eine Schule entwickeln, die seinen Vorstellungen entsprach. Da diese auch den Vorgaben der Regierung genügte, konnte sie vor zwei Jahren als staatlich finanzierte Schule in Amsterdam ihre Pforten öffnen, für dreißig Kinder, inzwischen sind es 130.

Müssen alle Schulen umstrukturiert werden?

Wäre es dabei geblieben, dann gäbe es nur die unbedeutende Geschichte einer kleinen Schule in einem kleinen europäischen Land zu erzählen, in die ein paar Eltern mit speziellen Vorstellungen ihre Kinder schicken. Doch die „Steve Jobs Schule“, wie de Hond sie zur Erinnerung an den verstorbenen Apple-Gründer nannte, traf einen Nerv der Zeit.

Offensichtlich fragten auch andere Eltern – und Bildungspolitiker –, ob sich Schulen wegen des Megatrends der Digitalisierung grundlegend ändern müssten. Davon zeugt das internationale Interesse, das die Schule hervorruft.

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