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Digitalisierung der Wirtschaft : Niemand ist unersetzlich

Nahe am Menschen: Der Roboter „Aiko Chihira“ von Toshiba arbeitet im Empfangsbereich. Bild: Reuters

Künstliche Intelligenz und mobile Roboter bedrohen laut Studien jeden zweiten Arbeitsplatz. Pure Panikmache oder berechtigte Furcht vor einer Arbeitswelt ohne Beschäftigte?

          Zwar gehören der Strukturwandel und seine Folgen für die Arbeitswelt zu den Dauerthemen von Wissenschaftlern. Doch die beiden Oxford-Forscher Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne wirbelten 2013 mit ihrer Studie „The Future of Employment“ über die Folgen der vierten industriellen Revolution einiges durcheinander. Die beiden Ökonomen kamen nicht nur zu dem Pauschalergebnis, dass es für die Beschäftigten immer schwieriger werden wird, sich im „Rennen gegen die Maschinen“ durchzusetzen. Anders als bei den vorangegangenen Wellen der Industrialisierung sind der Untersuchung zufolge diesmal auch nicht nur die geringqualifizierten Beschäftigungsgruppen vom Modernisierungsschub stark bedroht. Im 21. Jahrhundert kann sich kaum noch eine Berufsgruppe sicher sein, nicht bald schon von Maschinen ersetzt zu werden. Die These elektrisierte die Fachwelt.

          Sven Astheimer

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Die beiden Forscher beließen es aber nicht bei Globalaussagen, sondern schätzten für mehr als 700 Berufe in den Vereinigten Staaten deren jeweilige Automatisierungswahrscheinlichkeit. Sie unterschieden drei Gruppen: die mit niedrigem (bis 30 Prozent), die mit mittlerem (bis 70 Prozent) und die mit hohem Substitutionsrisiko (mehr als 70 Prozent). Innerhalb der kommenden zwanzig Jahre sind laut Frey/Osborne 47 Prozent und damit fast jeder zweite beschäftigte Amerikaner einem hohen Risiko ausgesetzt, den Arbeitsplatz durch Automatisierung und Digitalisierung zu verlieren. Das wären über den Daumen gepeilt 70 Millionen Menschen. Eine gigantische Zahl.

          Der Kunde entscheidet

          Lassen sich die Ergebnisse auch auf andere Länder, etwa auf Deutschland, übertragen? Dieser Frage gingen etliche Folgestudien nach. Eine der profundesten Untersuchungen stammt von einer Gruppe Wissenschaftler um den Ökonomen Holger Bonin vom Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim. In ihrer Expertise kommen die Forscher zu dem Schluss, dass nach der Methodik von Frey/Osborne auch in Deutschland 42 Prozent der Beschäftigten in Berufen arbeiten, die sich mit hoher Wahrscheinlichkeit innerhalb von zwei Jahrzehnten automatisieren lassen.

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          „Allerdings müssen unsere Ergebnisse richtig interpretiert werden“, sagt Ulrich Zierahn, einer der Autoren. Vor voreiligen Schlüssen sei gewarnt. Zunächst sei zu beachten, dass Tätigkeiten untersucht wurden, nicht Berufe als Ganzes. Demnach arbeiten „nur“ 12 Prozent aller Beschäftigten in den als bedroht geltenden Berufen. Grundsätzlich sei es wichtig, dass die Schätzmethodik nach Frey/Osborne „technisches Automatisierungspotential“ beschreibe. Wie viel davon realisiert wird, hängt laut Zierahn von verschiedenen Einflussfaktoren ab. „Technisches Potential wird aber grundsätzlich überschätzt“, sagt der Ökonom. Bedrohte Arbeitsplätze gingen nicht automatisch verloren, da viele Hürden zu überwinden seien. Dem fahrerlosen Autofahren stünden rechtliche Bedenken gegenüber. Wenn es um Pflegeroboter gehe, spielten wiederum ethische Fragen eine Rolle. Und schließlich entscheide der Kunde, was sich am Markt durchsetzt: „Will ich mich im Restaurant von einem Roboter bedienen lassen, oder gehe ich doch lieber zu einem lebendigen Kellner?“

          Bild: F.A.Z.

          Dass sich die Arbeitswelt durch den Technologieschub gehörig verändern wird, steht aber auch für Zierahn außer Frage. Dabei seien jedoch nicht alle Gruppen dem gleichen Druck ausgesetzt. Für Hochqualifizierte macht Zierahn nur wenig Bedrohung aus, die Beschäftigung von Geringqualifizierten habe zuletzt in vielen Ländern sogar leicht zugenommen. Häufig lohne es sich nicht, die oft als „McJobs“ geschmähten Arbeitsplätze durch teure Maschinen zu ersetzen. „Die Computerisierung hat in der Vergangenheit häufig im mittleren Bereich der Qualifikation und Lohnverteilung stattgefunden“, sagt er. Demnach wären Fachkräfte mit dualer Ausbildung besonders gefährdet. Die Digitalisierung der Buchhaltung ist nur ein Beispiel für diese Entwicklung. „Aber die Menschen sind wandelbar und anpassungsfähig“, sagt Zierahn. Aus Sicht der Politik sei es wichtig, diese Anpassungsfähigkeit vor allem durch Weiterbildung zu unterstützen.

          Berufsbilder passen sich an die technische Entwicklung an

          Je höher die Qualifikation, desto anpassungsfähiger seien die Beschäftigten, sagt auch Joachim Möller. Der Direktor des staatlichen Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung weist darauf hin, dass sich Berufsbilder und Tätigkeiten permanent der technischen Entwicklung anpassen. So habe der Kaminkehrer zwar seinen Namen behalten, in Wahrheit sei er aber heute auch ein Messtechniker. Und die neue Beschäftigung, die durch den technologischen Schub entstehe, sei noch gar nicht zu quantifizieren.

          Möller weißt darauf hin, dass schon der Nationalökonom John Maynard Keynes auf die „technologische Arbeitslosigkeit“ infolge der Industrialisierung aufmerksam gemacht habe – mit dem Zusatz, sie werde vor allem Länder treffen, die nicht an der Spitze des Fortschritts stehen. Für Deutschland sieht Möller deshalb nicht schwarz: „Wenn wir an der Spitze der Entwicklung stehen, haben wir gute Chancen.“ Zudem könne die Technologie künftig helfen, demographische Knappheiten zu kompensieren. In den kommenden Jahrzehnten werden dem alternden Deutschland Millionen Arbeitskräfte weniger zur Verfügung stehen.

          Mit einer Antwort halten sich aber sowohl Möller als auch sein Kollege Ziehran zurück. Die Frage, ob auch die digitale Revolution wie ihre Vorgängerinnen trotz aller Verwerfungen letztlich zu mehr Beschäftigung führen wird, sei derzeit aus wissenschaftlicher Sicht einfach nicht seriös zu beantworten.

          Quelle: F.A.Z.

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