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Veröffentlicht: 22.08.2015, 15:34 Uhr

Arbeitswelt von morgen Mehr Ordnung für das Irrenhaus Büro!

Schon heute helfen Computer Führungskräften bei der Arbeit. Aber geht es auch einen Schritt weiter? Kann bald ein Computer den Chef ersetzen? Und wäre das gut für Mitarbeiter, die unter den Launen der Vorgesetzten leiden?

von
© Pro Sieben Ist bekannt für seinen äußerst irrationalen Führungsstil: Fernsehfigur Stromberg

Mancher Chef wird sich noch umschauen: Auch seine Entscheidungen werden künftig häufiger von Computern getroffen werden, und nicht wenige Mitarbeiter werden sich darüber freuen. In das Irrenhaus Büro könnte Berechenbarkeit einziehen: Wo der Chef heute nicht selten nach einem nicht objektivierbaren Bauchgefühl entscheidet, würde messerscharfe Logik eines Algorithmus manche Fehlplanung verhindern helfen. Unterstützend gibt es das längst: Die Drogeriemarktkette dm etwa optimiert die Einsatzplanung ihrer Zehntausenden Mitarbeiter seit Jahren mit der Hilfe einer gezielten Analyse großer Datenmengen („Big Data“). Die Software kalkuliert Ferientermine, Warenlieferungen, Wetterprognosen und sogar Baustellen auf den Zufahrtsstraßen mit ein. Prognosen für die Mitarbeitereinsatzplanung werden so bis zu acht Wochen im Voraus möglich. Der Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport macht es ähnlich: In der Passagier- und Gepäckabfertigung geht nichts ohne ein Big-Data-Programm, das unter anderem die Wettervorhersage analysiert und berücksichtigt, welche Flugzeuge verspätet sind.

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„Watson“, der Supercomputer von IBM, entwirft in einem auf die Behandlung von Krebs spezialisierten Krankenhaus in New York anhand der Symptome von Patienten, ihrer Krankheitsverläufe, der familiären Vorbelastung und anderer Posten einen Diagnoseplan - menschliche Irrtümer von Fachärzten werden so vermieden. Und im Profifußball dürfte es kaum noch einen Trainer geben, der sich nicht umfassend über Laufwege, Geschwindigkeit, Pässe, Passgenauigkeit und vieles mehr mit der Hilfe von Computern informieren lässt - und danach seine Aufstellung und Taktik plant.

Noch unterstützen die Computer den Menschen. Im Jahr 2025 könnten schlaue Maschinen aber schon die Arbeit von 140 Millionen Wissensarbeitern leisten, ergaben Berechnungen der Unternehmensberatung McKinsey. Darunter dürfte dann wohl auch der eine oder andere sein, der heute noch gewohnt ist, Entscheidungen zu treffen und andere Menschen zu führen: Wenn Kreditsachbearbeiter, Versicherungsgutachter, Bibliothekare, Pharmaingenieure und sogar Köche ihre Stellen an Computer und Maschinen verlieren können, ist es nicht allzu weit hergeholt, dass von diesem Umbau auch diejenigen betroffen sein könnten, die sich heute als Chefs fühlen.

Eine defensive Taktik wäre verkehrt

Kann man sich davor schützen? Wohl kaum oder jedenfalls nicht, um im Bereich des Sports zu bleiben, mit einer defensiven Taktik. Die Welt verändert sich in dieser Hinsicht zu schnell (die Rechenleistung der Computer nimmt mit der Geschwindigkeit einer Exponentialfunktion zu), um dem Topmanagement hier mangelnde Fähigkeiten durchgehen zu lassen. Ein guter Chef ist davon überzeugt, dass die Digitalisierung kein technologisches Projekt ist, sondern eine umwälzende Veränderung unserer Gesellschaft, die alle Lebensbereiche der Menschen erfasst.

Er weiß deshalb auch, dass mit den Mitarbeitern, die er als Menschen wertschätzt und deren Qualifikationen er respektiert, künftig in beide Richtungen kommuniziert werden muss - zum einen, um neue Ideen zu bekommen, zum anderen, um die unvermeidlichen Veränderungsprozesse im Unternehmen besser zu erklären. Auch dafür lassen sich etwa soziale Netzwerke einsetzen, die in vielen Unternehmen noch nicht genutzt werden. In einer ähnlichen Weise können auch Kunden in eine intensivere Kommunikation mit dem Unternehmen eingebunden werden - auch hierfür gibt es immer bessere Werkzeuge zur Analyse von Kundendaten.

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Das heißt im Jargon der Fachleute „Predictive Analytics“, und der Digitalverband Bitkom definiert das als Vorgehen, bei dem aus einem Datensatz Trends und Verhaltensmuster abgeleitet und vorhergesagt werden können. Die Ergebnisse überraschen Unternehmen häufig. So kann ein Vertriebsverantwortlicher für das Segment Autoreparatur nach den Erfahrungen des Predictive-Analytics-Spezialisten Teradata zum Beispiel nicht aus dem bisherigen Bedarf eines Geschäftskunden, zum Beispiel einer Lackierwerkstatt, einfach auf den zukünftigen Verbrauch schließen. Denn dieser wird von zahlreichen Faktoren beeinflusst. War beispielsweise der vergangene Winter besonders hart und hat den Lack von Fahrzeugen beschädigt? Schieben viele Kunden aufgrund einer schwächelnden Wirtschaft anstehende Reparaturen lieber auf? Oder kaufen sie lieber gleich neue Fahrzeuge? Wie viel von welchen Produkten welcher Kunde wann benötigt, kann das Bauchgefühl deshalb nicht sagen; auch hier kommt also Kollege Computer ins Spiel, und der hat immer häufiger mehr Ahnung als der Chef.

Es ist nicht immer alles schwarz oder weiß

Was die Chefs aber retten könnte, sind die Schattierungen, die das Leben mit sich bringt, die Tatsache, dass nicht immer alles schwarz oder weiß ist, dass sich die wahre Genialität letztlich doch in Ermessensentscheidungen zeigt, die „aus dem Bauch“ heraus getroffen werden. Der frühere Apple-Chef Steve Jobs war gewiss kein Freund von detaillierter Marktforschung. Und mancher Bundesligaspieler läuft zwar nicht viel, schießt aber trotzdem zahlreiche Tore, weil er Instinkt hat oder das Spiel seiner Mannschaft perfekt auf ihn abgestimmt ist. Hier ist das Fingerspitzengefühl des Trainers gefragt, der dafür - wie künftig auch immer mehr Manager - allerdings unterstützend auch Daten des Computers zu Rate ziehen wird.

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Eine weitere Einschränkung besteht darin, dass automatisierte Systeme zu Krisen führen können, von denen man bisher noch gar nichts ahnt. Umso wichtiger ist die Hoffnung darauf, dass eine neue Managergeneration ein stabileres Wertegerüst hat als die vorangegangene, damit sie in der ungewissen Zukunft häufiger die richtigen Entscheidungen trifft. Aussterben werden die Chefs nicht. Aber es werden Führungskräfte mit anderen Fähigkeiten gebraucht. Ohne die Kombination aus bester Menschenkenntnis und digitaler Kompetenz geht künftig nicht mehr viel.

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