John Chambers, der Vorstandsvorsitzende des amerikanischen Netzwerkausrüsters Cisco Systems, ist ein Mann für den groben Pinselstrich, für das, was manchmal Vision genannt wird. Und Chambers glaubt, dass der Markt für intelligente Stromnetze (Smart Grids) „größer wird als das ganze Internet“. Folglich hat das Unternehmen mit Stammsitz und Zentrale im amerikanischen Silicon Valley angekündigt, Infrastrukturlösungen für solche Netze zu entwickeln.
Vor wenigen Tagen sind den Ankündigungen auch in Deutschland Taten gefolgt: Cisco und der deutsche Anbieter Yello Strom haben ein gemeinsames Pilotprojekt begonnen. Bei ausgesuchten Anwendern werden der Verbrauch von Elektrogeräten gesteuert sowie die Energieerzeugung analysiert, um die Energie-Ressourcen effizient einzusetzen. Das ganze funktioniert auf der Basis der Datenübertragungstechnik in einzelnen Datenpaketen, nach der auch das Internet funktioniert; Fachleute nennen diese technische Basis „Internet Protokoll“, abgekürzt IP.
Das Internet Protokoll als Basis für die Kommunikation
Für das Internet Protokoll sind die Techniker von Cisco wahre Fachleute, denn ihre sogenannten Router und Switches sind gleichsam als Daten-Verkehrspolizisten an allen wesentlichen Kreuzungen des weltumspannenden Datennetzes vertreten. Im intelligenten Stromnetz wiederum dient IP als Basis für die Kommunikation zwischen allen angeschlossenen Netzknotenpunkten.
Im Rahmen des Pilotprojekts werden Stromzähler von Yello Strom dazu in der Lage sein, den Anwendern den eigenen Stromverbrauch in Echtzeit anzuzeigen. Tatsächlich bietet Yello derzeit als einziger Lieferant in ganz Deutschland einen solchen intelligenten Stromzähler an, der Plattform für ein intelligentes Netz auf IP-Basis kann. Zudem werden die Verbraucher ihre Haushaltsgeräte, beispielsweise Waschmaschinen und Spülmaschinen, so einstellen können, dass sie nur außerhalb der Spitzenlastzeiten Strom abnehmen. Untersuchungen haben ergeben, dass durch derartige Technologien der Verbrauch um etwa 10 Prozent reduziert und um weitere rund 15 Prozent zeitlich verschobenen werden kann. Verbrauchsspitzen können so reduziert werden.
Derzeit versucht Cisco möglichst viele Partnerunternehmen zu gewinnen, um die Technik für intelligente Stromnetze in allen Belangen auf eine einheitliche Basis zu stellen. Doch nicht nur Cisco, auch ein Technologiekonzern wie IBM erhofft sich von „grünen“ Anwendungen seiner Informationstechnologie Wachstumsimpulse: So soll aus der amerikanischen Stadt Dubuque im Rahmen eines IBM-Pilotprojektes eine „intelligente Stadt“ werden. Kern dieser Initiative sind auch hier Investitionen in ein intelligentes Stromnetz, also der Ausbau des Energienetzes und Lösungen zum besseren Management der Energieinfrastruktur. Darunter fallen die Analyse des Energiebedarfs der Einwohner und die optimale Verteilung des Stroms.
Für Cisco hat der Markt, der über die Stromnetze neu erschlossen wird, ein Potential, das um den Faktor 100 bis 1000 über dem des Internet liegt. Angeblich müssen in den nächsten Jahren mehr als 100 Milliarden Dollar investiert werden. Für Jeffrey Immelt, den Vorstandsvorsitzenden von General Electric, sind die intelligenten Stromnetze nichts weniger als „die größte Investmentchance in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts“.
Fördergeld vom amerikanischen Energieministerium
Auch das amerikanische Energieministerium will den Umbau des dortigen Stromnetzes vorantreiben: Dafür hat das Ministerium Fördermittel in Höhe von 4,5 Milliarden Dollar bereitgestellt. Mit dem staatlichen Geld aus dem Wirtschaftsförderprogramm „Stimulus“ will die Regierung die Energieversorger dazu ermuntern, ihre Netze auf Digitaltechnik umzurüsten. Nach Angaben des Marktforschungsunternehmens IDC werden allein die amerikanischen Energieversorger im laufenden Jahr knapp 11 Milliarden Dollar für Computer, Software und zugehörige Dienstleistungen ausgeben, gut 3 Milliarden Dollar mehr als im Vorjahr.