24.10.2009 · Vom kommenden Jahr an muss in Deutschland jedes neu gebaute Haus mit einem digitalen Stromzähler ausgerüstet werden. So können die Stromkonzerne künftig jederzeit über den Verbrauch Bescheid wissen. Die neue Technik weckt die Phantasie vieler Unternehmen. Doch zuerst müssen die Verbraucher überzeugt werden.
Von Carsten KnopDie in der allgemeinen Wahrnehmung wenig fortschrittlichen Stromversorger stehen vor einem wahren Innovationsschub: Stromkonzerne und ihre Kunden werden künftig in der Lage sein, jederzeit über den individuellen Verbrauch in Haushalten oder Unternehmen Bescheid zu wissen, bis hin zu einzelnen Geräten wie Kühlschränken oder Fernsehern. Das Stromnetz wird durch digitale Datenübertragungstechniken "intelligent". Es rüstet sich durch seine Modernisierung aber auch für eine stärker dezentrale Energieversorgung: also für die Solarzellen auf immer mehr Häuserdächern und für Windräder, für Stromquellen also, die unter schwankenden Witterungsbedingungen arbeiten. Das neue Netz wird deshalb in der Lage sein (müssen), zum Beispiel Elektroautos "intelligent" mit günstigem Nachtstrom aufzuladen, nicht nur, damit ihre Besitzer am nächsten Morgen weiterfahren können, sondern auch, um im Wortsinne natürlich entstehende Überangebote an regenerativem Strom zu glätten.
Weil es politisch gewollt ist, den Anteil regenerativer Quellen an der Energieerzeugung stetig zu erhöhen, führt an der Einführung dieses modernen Netzes, das auf Englisch das Schlagwort "Smart Grid" bekommen hat, wohl kein Weg vorbei: Das Ziel soll es sein, die in verbrauchsschwachen Zeiten anfallende Energie sowohl aus Wind- als auch aus Solaranlagen und Blockheizkraftwerken optimal zu nutzen. Angestrebt wird aber auch, den Stromkunden bei der Optimierung ihres Verbrauchs zu helfen und maßgeschneiderte Tarife anbieten zu können.
Cisco träumt von einem riesigen Markt
Das Szenario weckt die Phantasie vieler Unternehmen, nicht zuletzt unter den Anbietern von Informationstechnologie (IT). Die teilen mit den Stromkonzernen ein Schicksal: Die Kunden nehmen die stetig zunehmende Leistungsfähigkeit der IT und die Tatsache, dass die Computer dieser Welt über das Internet miteinander vernetzt sind, als Selbstverständlichkeit wahr, wie den Strom aus der Steckdose eben. Nicht jede neue Software, nicht jeder neue Chip wird mehr als Sensation gefeiert. Die Wachstumsraten, die noch zur Jahrtausendwende erreicht wurden, sind Vergangenheit.
Da kommt die Idee recht, den Datenübertragungsstandard, nach dem das Internet funktioniert, auf das intelligente Stromnetz zu übertragen. Fachleute nennen diese technische Basis "Internet Protocol". Schon träumen die Unternehmen, die das Platzen der Internetblase überlebt haben, vom nächsten Wachstumsschub, schießen in Europa und Amerika Pilotprojekte aus dem Boden. Der amerikanische Netzwerkausrüster Cisco, dessen Chef schon davon träumt, der Markt werde größer als das gesamte Internet, kooperiert mit Yello Strom in Deutschland. Zudem bemüht sich Cisco um ein Netz von Partnern, um von vornherein keine Verwirrung über standardisierte Lösungen entstehen zu lassen.
Transparenz könnte Datenschützer auf den Plan rufen
IBM rüstet eine amerikanische Stadt mit einem intelligenten Stromnetz aus. Der deutsche IT-Dienstleister T-Systems macht in Friedrichshafen die Stromzähler intelligent, also digital, und hofft lukrative Aufträge aus der Energiewirtschaft ergattern zu können. Bisher gibt es also nur Insellösungen, doch vom kommenden Jahr an muss in Deutschland jedes neu gebaute Haus mit einem digitalen Stromzähler ausgerüstet werden. Und wenn erst die gesetzlichen Rahmenbedingungen für die Umrüstung auf die neue Netztechnik stehen, winkt das ganz große Geschäft.
An dieser Stelle bekommt das auf den ersten Blick so vielversprechende Bild von der intelligenten Stromversorgung der Zukunft Risse: Denn der Umsatz des einen ist der höhere Strompreis des anderen. Und wenn die Verbraucher nicht schnell vom persönlichen Nutzen der neuen, teuren Netztechnik überzeugt werden können, wird es bei der Finanzierung der Investitionen Schwierigkeiten geben. Schon der Gedanke der Dezentralisierung der Erzeugung führt zu einer erheblichen Verteuerung, weil die Anlagen an verschiedensten Standorten aufgestellt und teuer individuell gewartet werden müssen. Im einzelnen Haushalt, beim Endabnehmer, sieht es nicht besser aus: Ein Stromzähler alter Bauart ist für 10 Euro erhältlich und zählt den Strom ebenso zuverlässig wie ein digitaler; er kann die Daten nur nicht zu jeder Zeit in alle Himmelsrichtungen schicken. Die vollständige Transparenz des individuellen Verbrauchs wirft zudem Fragen zum Datenschutz auf.
Wie geht es also weiter? Bei den bald für Neubauten vorgeschriebenen intelligenten Zählern wird die Investition auf die Netznutzungsgebühren umgelegt. Für die bestehenden Haushalte hingegen gibt es noch keine verbindliche Regelung. Die Verbraucher müssen also mit ins Boot. Beim Internet ist das gelungen. Hier investieren die Menschen inzwischen freiwillig in teure Hochgeschwindigkeitszugänge zum weltumspannenden Datennetz, weil sie den Nutzen für sich erkannt haben. Um das auch beim Stromnetz zu gewährleisten, ist noch sehr viel Überzeugungsarbeit nötig. Und wenige Themen sind in der Gesellschaft so emotional besetzt wie die Stromversorgung: Auf den Fortschrittsglauben nicht zuletzt der von hohen Umsätzen träumenden IT-Industrie kommt damit der bisher größte Realitätstest zu.
Carsten Knop Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.
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