15.11.2008 · Im toskanischen Weinort Montalcino machen sich die Winzer Sorgen: Die Finanzkrise ist nur ein weiteres Übel. Viel schlimmer könnten sich die Vorwürfe um gepanschten Brunello auf den Ruf des Spitzenweins auswirken.
Von Tobias Piller, MontalcinoSkandal- und Krisenzeiten lassen in der Weinwelt der Toskana den Charakter von Weinbauern und Unternehmern schärfer hervortreten.
Gianfranco Soldera, Hersteller eines der teuersten „Brunello“ aus Montalcino, zeigt sich zornig und selbstbewusst, würde auch nicht zurückschrecken vor Schadensersatzforderungen an sein eigenes Weinkonsortium. Enrico Viglierchio, Chef des größten Herstellers von Brunello, Castello Banfi, trotzte mit Durchhaltevermögen gegenüber den Staatsanwälten und will nun allein an die Zukunft denken.
Einfach nur besorgt
Die große Mehrheit ist jedoch zutiefst verunsichert wie Giacomo Neri, Inhaber des Weinguts „Casanova di Neri“: „Ich bin einfach nur besorgt. Und ich hoffe, dass sich die Probleme bald lösen lassen“, sagt er niedergeschlagen.
Neri ist der größte unter den traditionellen Weinbauern in Montalcino und erzielte bisher einen Millionenumsatz mit dem Verkauf von jährlich 180.000 Flaschen Wein, die meisten davon mit dem edlen Etikett „Brunello di Montalcino“, mit Preisen für den Endverbraucher von manchmal auch 95 Euro und mehr für eine einzelne Flasche.
Der Skandal ist schlimmer als die Finanzkrise
Doch für solche Luxusprodukte, hergestellt aus ausgewählten Trauben in einem mehr als vierjährigen Reifungsprozess, haben sich die Absatzperspektiven nun gleich mehrfach verdüstert. Denn dreißig Jahre stürmisches Wachstum, ja Goldgräberstimmung ließen im toskanischen Weinstädtchen Montalcino jegliches Gefühl für Krisen verlorengehen.
Die Turbulenzen in der Finanzwelt, die in den edlen Restaurants von New York oder London die Nachfrage nach Spitzenweinen einbrechen lassen, sind dabei nur ein kleineres Problem. Noch gefährlicher für den Nimbus des toskanischen Spitzenweins sind staatsanwaltschaftliche Ermittlungen seit September 2007.
Die Brunello-Qualität steht stark im Zweifel
Für Skandalstimmung ausgerechnet während der wichtigsten italienischen Weinmesse „Vinitaly“ sorgte ein Nachrichtenmagazin, das den Messenamen für seine Titelseite umwandelte in „Velenitaly“, „Italiens Gift“. Dabei wurden auf boshafte Weise die Ermittlungen um den Brunello gemixt mit einer Weinpanscherei in Apulien. Während die Süditaliener offenbar nur geringe Anteile Wein mit Chemikalien und Farbe zu einem möglicherweise gesundheitsschädlichen Gebräu vermengt haben, geht es in der Toskana nur um das Qualitätsversprechen des Brunello, aber nie um irgendwelche schädlichen Zusatzstoffe. Das Ausland reagierte dennoch verstört.
Amerika blockierte sogar für mehrere Wochen den Import von Brunello, bis schließlich Italiens Landwirtschaftsminister staatliche Garantien für den Wein aus Montalcino vorlegte. An den Ermittlungen der Staatsanwälte in Siena hat das nichts geändert: Sie folgten dem Verdacht, dass eine ganze Reihe von Weinproduzenten die Regeln für die Herstellung des Brunello verletzt hätten.
Ist es wirklich ein echter Brunello?
Dieser Wein ist schließlich einer der wenigen in Italien, die das begehrte Siegel DOCG für Wein „mit kontrollierter und garantierter Herkunft“ tragen, ebenso wie Barolo, Barbaresco und einige wenige Spitzensorten. Garantiert wird beim Brunello dafür, dass er zu hundert Prozent aus der Rebsorte Sangiovese besteht und in Montalcino angebaut wird.
Die Staatsanwälte, die 6,5 Millionen Liter Brunello der Jahrgänge 2003 bis 2007 beschlagnahmt hatten, vermuten darin angeblich Wein aus anderen Trauben, womöglich sogar aus anderen Regionen Italiens wie Apulien. Berichtet wurde auch, dass mitten in Weinbergen von Montalcino, die Sangiovese für den Brunello produzieren sollten, ganz andere Rebstöcke, etwa von Merlot, gefunden worden sein sollen und dass entsprechende Entdeckungen von Kontrolleuren vertuscht worden seien.
Auch Vorzeigebetriebe stehen unter Verdacht
Zu den Verdächtigen und damit zu den Auslösern des zeitweiligen amerikanischen Importstopps gehörte bisher ausgerechnet ein Weinhaus in amerikanischem Besitz: Castello Banfi, gegründet in den siebziger Jahren von den italo-amerikanischen Weinimporteuren James und Harry Mariani. Sie wollten einen Vorzeigebetrieb schaffen, mit großen Dimensionen und modernsten Anlagen. Das größte Weingut in Montalcino verfügt über 850 Hektar Anbaufläche, davon 190 Hektar allein für den Brunello.
Mit 600.000 Flaschen Brunello im Jahr, annähernd zehn Prozent der gesamten Produktion des Edelweins in Montalcino, hat Banfi wichtige Verdienste um die Entwicklung des Weins aus Montalcino. Als Banfi den Brunello aus eigener Produktion in Amerika bekannt machte, wurde auch den kleinen Weinbauern aus Montalcino ohne großes Zutun ein wichtiger Exportmarkt geöffnet.
Der Jahrgang 2003 ist sauber
Umso schlimmer war dann für die Kunden und für die anderen Weinproduzenten aus Montalcino die Nachricht, dass auch der Marktführer in die Ermittlungen verstrickt war und unter anderem der gesamte Brunello des Jahrgangs 2003, der eigentlich im Frühjahr auf den Markt kommen sollte, von den italienischen Behörden beschlagnahmt wurde.
Doch Enrico Viglierchio, der für die amerikanischen Aktionäre das Weingut als angestellter Manager führt, zeigte sich unbeirrt: „Wir sind uns unserer Sache sicher.“ Wie zur Bestätigung für länger anhaltende Verhandlungen lässt Viglierchio wenige Tage nach dem Gespräch die Nachricht verbreiten, dass die Beschlagnahme aufgehoben und der Wein von 2003 einwandfrei sei.
Forderung nach gelockerten Vorschriften
Von einer völligen Einstellung der Ermittlungen ist allerdings nicht die Rede. Zudem bleibt unklar, ob die Staatsanwälte überhaupt die Möglichkeit haben, ohne langjährige Vorbereitungen geringe Konzentrationen von zehn oder fünfzehn Prozent der „falschen“ Traubensorte im Brunello nachzuweisen.
Die Aktionärsfamilie Mariani, aber auch ihr Gutsverwalter Viglierchio schwören weiterhin auf den Brunello aus der Sangiovese-Traube, wollen aber die Herstellungsvorschriften gelockert sehen, damit drei oder fünf Prozent Wein aus anderen Traubensorten enthalten sein dürfen. Das gebe Spielraum für „menschliche Fehler im Weinkeller“ oder für „natürliche Abweichungen“ im Weinberg. „Die Quote hundert Prozent gibt es nicht in der Natur“, sagt Enrico Viglierchio.
Ehrgeiziges Montalcino
Damit ist nun die Diskussion entbrannt über die Zukunft der Vorschriften für den Brunello und ganz generell über die Zukunft von Montalcino. Schließlich ist der ganze Wohlstand des Ortes mit dem Brunello gekommen. Die Hälfte der 10.000 Einwohner war bis in die sechziger Jahre auf der Suche nach Arbeit abgewandert, weil die Landwirtschaft kein Auskommen bot.
Weintrauben waren allerdings in Montalcino schon seit Jahrhunderten angebaut worden. Eine Handvoll Weinbauern suchte dann sich von den Nachbarn im Chianti abzugrenzen, die ihrem Sangiovese 20 Prozent Wein aus anderen Traubensorten beimischen dürfen. Deshalb setzte man sich das ehrgeizige Ziel, in Montalcino einen Wein nur aus Sangiovese herzustellen, einer Traube, die gute Böden und lange Reifezeit verlangt.
Brunello ist ein Riesengeschäft
Der Brunello erhielt 1967 das DOC der kontrollierten Herkunftsbezeichnung und 1980 als erster Wein Italiens die Qualitätsgarantie mit dem Siegel DOCG. Seither hat sich die Zahl der Brunello-Produzenten von wenigen Dutzend auf 250 vervielfacht, ebenso wie die Anbaufläche von 60 auf 2000 Hektar. Wie viel Geschäft mit dem Brunello zu machen ist, zeigt sich auch an den Bodenpreisen, die so schnell gestiegen sind wie nirgendwo sonst in Italien, auf zuletzt 300.000 bis 500.000 Euro für einen Hektar Weinberg.
Die Millionenwerte für den Erwerb von Weingütern, aber auch die Aufwendungen für neue Weinkeller und internationale Vermarktung rentieren sich jedoch nur, wenn der Brunello seine Exportquote von 62 Prozent und seine hohen Verkaufspreise halten kann. Betrugsermittlungen der Staatsanwälte oder nun eine Diskussion über eine Verwässerung der Vorschriften gefährden dagegen das Prestige des Namens.
Etikettenschwindel, um den Jahrgang zu retten
Schließlich sind noch immer 4,4 Millionen Liter Brunello der Jahrgänge 2003 bis 2007 beschlagnahmt. 1,1 Millionen Liter wurden nur für den Handel freigegeben, weil die Hersteller die Flaschen nur noch ganz allgemein als „toskanischen Wein“ etikettierten. Natürlich würden manche Weinhäuser gerne die folgenden Jahrgänge des Brunello retten - mit einer Produktionsvorschrift, die elastischer ist als bisher.
Für viele kleine Produzenten von Brunello, die keine weitverzweigte Vermarktungsorganisation haben wie Banfi oder große italienische Weinhäuser, gilt es dagegen, das Prestige ihres Weins zu erhalten. „Wird die Vorschrift verwässert, verliert der Brunello seinen Charakter und wird ein Allerweltswein. Da kann man dann auch in Chile kaufen“, sagt der Südtiroler Rainer Loacker, der aus einer Familie von Keksproduzenten stammt. 1996 hat er das Weingut „Corte Pavone“ erworben und produziert nun streng biologisch. Ähnliche Konsequenz fordert er auch für die Vorschriften des Brunello.
Diego Molinari, Besitzer der „Cerbaiona“, kann dagegen lächelnd über den Dingen stehen. Der ehemalige Jumbo-Pilot kaufte sich vor 30 Jahren in Montalcino ein und sah in der neuen Aktivität als „Winemaker“ nur einen prestigeträchtigen Zeitvertreib. Traumhafte Bewertungen der Weinzeitschriften schon für die ersten Jahrgänge schafften seinen Produkten einen festen Liebhaberkreis, der mit 8000 Flaschen im Jahr ohnehin schwer zufriedenzustellen ist.
Lieber klein aber exklusiv
Auch Gianfranco Soldera meint, dass am Schluss sein Name mehr wiege als die Bezeichnung Brunello. Schließlich bietet er einen Wein, der gewissermaßen als der Ferrari unter den Brunellos gilt. Schon die Weinhändler oder Importeure bezahlen an ihn mehr als 90 Euro die Flasche, die sich dann auf New Yorker Speisekarten für 500 oder 1500 Dollar wiederfindet. Große Verkaufsreisen hält der ehemalige Mailänder Versicherungsmakler aber nicht für notwendig. Bisher hat er seine 15.000 Flaschen Brunello zugeteilt.
Soldera zeigt sich durch und durch als Perfektionist, mit zwei Hektar botanischem Garten zwischen acht Hektar Weinberg - „für das Mikroklima“ - und einem Weinkeller mit aufeinandergeschichteten Steinen ohne Zement in den Fugen - „für das Raumklima“. Er finanziert Forschungsprojekte an zwei Universitäten und lässt dazu täglich Proben in seinem Weinkeller entnehmen. Damit kann er die Güte seiner Produkte lückenlos nachweisen und eine klare Trennungslinie ziehen gegenüber denen, die lieber die Vorschriften etwas verwässern würden. Soldera will klein und exklusiv bleiben: „Wir wollen nicht wachsen, sondern immer etwas weniger produzieren, als der Markt verlangt.
Die Qualität leidet am raschen Wachstum
Montalcino ist dagegen geprägt vom Wunsch nach immer mehr Wachstum. Davon profitieren nicht nur die Weinbauern, auch die unzähligen Weinhandlungen im Städtchen. Schließlich verfügt Montalcino mittlerweile auch über sechs Hotels und 30 Agriturismo mit mehr als 1500 Betten. Gianfranco Soldera befürchtet bereits, dass die Produktion von Brunello noch einmal um die Hälfte gesteigert werden könnte, auf dann 9 Millionen Flaschen im Jahr.
Doch allein der Umstand, dass schon heute zehnmal so viel Brunello hergestellt wird wie vor dreißig Jahren, schafft unzählige Versuchungen, die wohl auch zum aktuellen Skandal beigetragen haben. Der charakteristische Brunello bedient nicht mehr alleine eine Nische von Kennern, sondern muss sich mit den Geschmackswünschen breiter Käuferkreise auseinandersetzen, was vielleicht an den Zusatz von Merlot denken ließe. Längst stehen die Reben für den Brunello auch auf lehmigen oder steinigen Böden, die bis vor wenigen Jahren nur für den Anbau von Getreide dienten. Dort bringt die Sangiovese-Traube herbe Weine mit weniger Alkoholgehalt hervor, die mancher vielleicht ganz gerne mit einem eleganten Wein aus Süditalien „aufbessern“ würde.
Ungewohnte Probleme für erfolgsverwöhnte Winzer
Die buntgescheckte Schar der 250 Produzenten von Brunello, die alle auf ihre Weise die Luxusmarke ausschlachten und doch davon leben, muss nun Patrizio Cencioni zusammenhalten, der Vorsitzende des „Consorzio Brunello di Montalcino“.
Seine größte Schwierigkeit ist dabei, dass Montalcino bisher eigentlich noch nie eine tiefe Krise erlebt hatte. Produktions- und Verkaufszahlen gingen immer nur nach oben. Die Medien waren immer nur voll des Lobes. Und die Preise des Brunello konnten immer wieder um zweistellige Prozentsätze angehoben werden.
Brunello hat weiterhin Potential
Davon hat sich auch Roberto Giannelli locken lassen. Nach Erfolg im Immobiliengeschäft in Mailand hatte Giannelli erst 2004 das Weingut „San Filippo“ erworben und ist damit einer der letzten Neuankömmlinge in Montalcino. Wer nach Montalcino komme, müsse nicht nur Ambitionen mitbringen, sondern auch Respekt für das Territorium und die bisher geleistete Arbeit, meint Giannelli.
Die aktuellen Turbulenzen machen Giannelli keine Angst: Bisher habe der Brunello den Aufstieg ohne ausgeklügeltes Marketing geschafft und ohne die technische Entwicklung, wie sie in anderen Weinregionen betrieben worden sei. „Der Brunello hat deshalb noch viel Potential. Und die Natur in Montalcino hilft dabei, denn hier wächst alles besser, wird alles kräftiger und intensiver als irgendwo sonst in der Toskana.“