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Singles Allein, aber nicht einsam

05.09.2011 ·  Jeder vierte Deutsche gehört zu den Singles. Ihre Anzahl steigt, ihr Ruf leidet. Doch die Wirtschaft liebt den Single. Er gilt als konsumfreudig und kaufkräftig.

Von Hendrik Ankenbrand
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Das Konferenzzimmer lag im siebten Stock, der Blick über Hamburg ging weit. Der Chef hatte gebeten, sie sollten sich ein paar Gedanken machen, über Singles: „Niemand kennt sie.“ Doch sie hätten Geld. Sie konsumierten. Und das hier war die Marketing-Abteilung eines Konsumgüterkonzerns.

Ein paar Kollegen hatten zur Vorbereitung den Film „Kokowääh“ geguckt, in dem Til Schweiger einen notorischen Aufreißer spielt, der am Ende das wahre Glück in der Familie findet. Der stellvertretende Abteilungsleiter hatte eine kleine Präsentation erstellt: „Reizwort Single“. Das erste Kapitel lautete: „Ansprechen ohne Ausgrenzen.“ Im Fazit hieß es, der Begriff Single sei in Slogans zu vermeiden.

Die Frau erzählt am Elbstrand ihre Geschichte, sie zieht die Ärmel über die Hände, sie fröstelt. Der Wind pfeift, Hamburger Sommer. Damals im siebten Stock hat sie überlegt, ob die Kollegen wussten, dass sie seit einem halben Jahr alleine lebt. Sie erinnert den Titel der Präsentation: „Kommunikation mit einer Randgruppe.“ Sie hat den Kollegen nichts gesagt.

Die Wirtschaft liebt den Single

Die Randgruppe hat in Deutschland mehr als 17 Millionen Mitglieder: bald jeder Vierte zählt zu den Alleinstehenden. Die Zahl beinhaltet jene, die ohne Partner meist allein in einem Haushalt wohnen. Die Zahl ist stark gestiegen, vor fünfzehn Jahren lag sie noch bei 14 Millionen.

Die Zahl verrät nicht, ob 17 Millionen Menschen einsam sind, ob sie ohne Partner sind oder der Partner vielleicht nur um die Ecke wohnt. Oder in einer anderen Stadt, gar einem anderen Land. Wie viele Menschen in Deutschland eine feste Beziehung führen, das zeigt die Zahl der Alleinstehenden nur zum Teil. Trotzdem hat die Ziffer von 17 Millionen gesellschaftliche Sprengkraft. Das ohnehin vergreisende Land scheint dem Untergang geweiht, denn Singles, das ist die Vorstellung, wollen Spaß und keine Kinder.

Immerhin: Die Wirtschaft liebt den Single. Er gilt als konsumfreudig und kaufkräftig, eine These, die soziologische Untersuchungen in der Tendenz bestätigen. Es gibt Single-Hotels, Single-Kochen, Single-Segeln, Single-Hunde zur Miete (um die Attraktivität des Herrchens zu steigern). Das größte Geschäft machen die Partnerbörsen. Weil der menschliche Instinkt laut Psycho-Erkenntnissen einen Partner mit ähnlicher Gesichtsphysiognomie verlangt, bietet seit vergangenem Mai die amerikanische Agentur FindYourFacemate an, per Computerprogramm nach dem Ebenbild zu fahnden.

Eine biographische Phase, kein Lebensziel

Mag der Single auch die Binnennachfrage ankurbeln – nach Feierabend möchte der Marketingleiter und Ehemann nicht mit ihm tauschen. In einer Welt, die politisch wie ökonomisch aus den Fugen zu geraten droht, betrachten Menschen das vermeintlich prekäre Lebensmodell des Alleinstehenden mit Furcht. Entdeckt in den sechziger Jahren in New York, galt der Single einst als trendy, als Vorreiter für Freiheit und Selbstverwirklichung. Seitdem hat die Wissenschaft bei seiner Erforschung keine großen Fortschritte gemacht. Das schafft Platz für Vorurteile.

Bereits Anfang der neunziger Jahre diagnostizierte der Soziologe Ulrich Beck eine „Individualisierung“ der Gesellschaft und einen damit einhergehenden familiären Notstand. Die Schuld schob Beck der Globalisierung zu, die dem Menschen keine Zeit mehr für die Liebe lasse. Um die Jahrtausendwende deckte der „Spiegel“ die „Single-Lüge“ auf („Es ist nicht immer fein, allein zu sein“) und rief das große Kuscheln aus: „Glücklicher zu zweit“. Als Beleg für die „neue Sehnsucht nach Bindung“ hielten Promi-Paare wie Barbara und Boris Becker her – die später allerdings mit ihrer Trennung Schlagzeilen machen sollten. Egal, das Feindbild Single hat überdauert, ist immer und überall präsent. Jüngst lief eine Agenturmeldung über eine norwegische Umfrage zu „wiederkehrendem Juckreiz“ über den Ticker: Singles würden von der Kratzsucht häufiger heimgesucht als Eheleute.

„Vom Leitbild zum Leidbild“ nannte Stefan Hradil 2003 die „veränderte Wahrnehmung“ von Singles. Mitte der neunziger Jahre hatte der Soziologe die bisher einzige umfassende Untersuchung über die Alleinstehenden erstellt, im Auftrag der Regierung Kohl. Demnach ist der typische Single sportlich, der Beruf ist ihm wichtig sowie auch die schönen Dinge des Lebens, er ist keiner, der viel zu Hause rumsitzt. Singles sind nicht reicher als Nicht-Singles. Und ohne Partner sind sie auch nur vorübergehend. Das Single-Dasein ist eine biographische Phase, kein Lebensziel. Damit erübrigt sich auch die Frage, ob Singles freiwillig alleine sind oder nicht.

Projektionsfläche für das, was in der Gesellschaft schiefläuft

Das Bild vom jungen Single ist ebenfalls falsch, vor allem abseits der Großstädte. In Ländern wie Baden-Württemberg liegt der Anteil der Partnerlosen, die das 60. Lebensjahr schon erreicht haben, bei 40 Prozent. Damit sind Singles älter als der Bevölkerungsschnitt, was auch damit zusammenhängt, dass die Gesellschaft immer älter wird und Frauen meist lang nach ihren Männern sterben.

Dass Singles keine Kinder wollen, ist auch fraglich. In einer Auswertung des Mikrozensus für Baden-Württemberg gab jeder zweite befragte Single an, ein oder mehrere Kinder zu haben. Das überrascht. Gelten Singles doch als „deutlichster Ausdruck der These vom Zerfall der Familie“, wie eine Gruppe deutscher Alterswissenschaftler 2008 diagnostizierte („Singles im mittleren und höheren Erwachsenenalter“, Kohlhammer Verlag). Der Single werde in der Öffentlichkeit als „einsamer, weniger einfühlsam und weniger fürsorglich“ dargestellt, fanden deutsche und amerikanische Psychologen heraus – ein Bild, das in Serien, Krimis und Fernsehfilmen Verbreitung findet, in denen das Single-Dasein das „vorherrschende Lebensmodell“ sei, wie das Grimme Institut beobachtet hat. „Ich bin allein, nicht einsam“, raunte Robert de Niro 1995 in „Heat“ und blickte auf das nächtliche Lichtermeer von Los Angeles. 2011 ist „Kokowääh“ der Blockbuster: Singles sind out, ist die Botschaft: Alle Mann zurück zur (Patchwork-)Familie.

Angesichts all der Vorurteile, mit denen der Single belegt wird, mutmaßen Soziologen, die Alleinstehenden dienten mancher Familie als Projektionsfläche für das, was in der Gesellschaft insgesamt schiefläuft. So entsteht viel Halbgares. Das populärwissenschaftliche Magazin „Psychologie heute“ erklärte die steigende Zahl der Singles allen Ernstes mit „Ich-Kult“ und der „Illusion, dass Liebe ohne Leiden möglich ist“. Die steilen Thesen waren einem Bestseller der amerikanischen Journalistin Jillian Straus entnommen, einer langjährigen Mitarbeiterin von Talkshow-Queen Oprah Winfrey. Für ihr Werk hatte Straus nach eigenen Angaben 100 Singles interviewt.

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