11.07.2006 · Siemens-Mitarbeiter in der Kommunikationssparte Com berichten über ihren Alltag und die ungewissen Aussichten. Seit Jahren baut Com Tausende Arbeitsplätze ab: Kündigungen kommen per Serienbrief. Viele sitzen ihre Stunden nur ab.
Von Joachim HerrEs klingt nach tiefer Resignation. „Wir glauben unseren Führungskräften nicht mehr. Die reden jede Woche anders.“ Das Durcheinander in der Kommunikationstechniksparte von Siemens (Com) und die Ungewißheit über die berufliche Zukunft nagen am Selbstbewußtsein des Mitarbeiters, der seit mehr als 20 Jahren in München für den Elektronikkonzern arbeitet. „Man kommt sich vor, als ob man nichts gelernt hätte“, sagt er. Die Hoffnung, innerhalb von Com eine andere Stelle zu finden, ist aber noch nicht erloschen.
Die Alternative wäre ein Wechsel in eine sogenannte betriebsorganisatorisch eigenständige Einheit (beE) von Siemens. Bis zu zwei Jahre lang können sich die Beschäftigten, die ihren Arbeitsplatz verlieren, dort für eine andere Stelle bewerben und werden dabei - auch finanziell - vom Konzern unterstützt. „Ein Kollege von mir ist schon seit Mai 2005 in so einer beE“, erzählt der Mitarbeiter von Com. „Er ist noch nicht einmal 40 Jahre alt, hat sich auf 120 Stellen beworben, bekommt aber nichts.“
Mehr Projektleiter als Entwickler
Seit Jahren baut Com Tausende Arbeitsplätze ab. Siemens verdient kaum noch Geld mit der Kommunikationstechnik. Die Arbeitnehmerseite macht dafür vor allem Managementfehler verantwortlich. „Siemens hat über viele Jahre die Dynamik der Internetentwicklung unterschätzt und die Anforderungen im Enterprise-Geschäft vielfach ignoriert“, kritisiert der Verein von Belegschaftsaktionären. Das Com-Segment Enterprise ist das Geschäft mit Telefonanlagen für Firmenkunden.
„In unserer Führung gibt es fast nur noch Kaufleute und Juristen, die von Technik keine Ahnung haben“, sagt der Mitarbeiter, der im Segment Telekommunikationsbetreiber (Carrier) tätig ist. „Frische Leute mit neuen Ideen haben wir in unserer Abteilung seit Jahren nicht mehr bekommen.“ Die Misere begründet er auch mit den vergangenen Schritten des Personalabbaus. „Bei uns ist immer nur ganz unten in der Hierarchie reduziert worden.“ Abteilungsleiter blieben, obwohl ihre Einheit aufgelöst wurde, und wurden an andere Stellen als zusätzliche Führungskraft versetzt. „In manchen Gruppen sind mehr Projektleiter als Entwickler.“
„Nicht nur teuer, sondern auch ärgerlich“
Die Folgen aus der Sicht des Mitarbeiters: „Das ist nicht nur teuer, sondern auch ärgerlich.“ Die aus aufgelösten Abteilungen versetzten Leitungskräfte hätten wenig Fachwissen über die für sie neuen Themen. „Die verstehen schon manche Abkürzungen nicht, die wir ständig verwenden.“ Enttäuschung und Wut vermischen sich: „Auch unfähige Führungskräfte bleiben vom Personalabbau verschont.
Vorstandsvorsitzender Klaus Kleinfeld hat anders auf die schwache Rendite von Com reagiert. Der Großteil des Geschäfts mit Mobilfunk- und Festnetzen soll bis Ende dieses Jahres in einem Gemeinschaftsunternehmen mit Nokia verbunden werden. Zum 1. Oktober, dem Beginn des neuen Geschäftsjahres, wird dieser Teil von Com nach Informationen der IG Metall als „nicht fortzuführendes Geschäft“ ausgegliedert, ebenso die Firmenkundensparte, für die Siemens einen Partner oder Käufer sucht.
Gestrichen - wegen Nokia
Das geplante Gemeinschaftsunternehmen mit Nokia, in dem bis zu 9.000 der 60.000 Arbeitsplätze gestrichen werden sollen, wirft seine Schatten weit voraus. „Im Zusammenhang mit Nokia ist unser Projekt schon gestrichen worden“, berichtet der Mitarbeiter von Com. Mit einem Serienbrief seien die Beschäftigten informiert worden, daß ihre Arbeit „aufgrund einer Portfoliobereinigung“ entfalle.
„Vor einigen Wochen waren wir noch voll motiviert und haben große Zukunftschancen in dem Projekt gesehen.“ Jetzt habe die ganze Abteilung keine Arbeit mehr, viele säßen nur noch ihre acht Stunden am Tag ab. „Unser Projektleiter hat gesagt, wir sollen uns auf die Stellensuche konzentrieren.“ Manche Kollegen werden zu anderen Projekten versetzt. „Die, die ohne Arbeit sitzenbleiben, fühlen sich kaltgestellt.“
„Nur am Freitag ist die Stimmung gut“
Auch ein Mitarbeiter einer deutschen Niederlassung von Siemens Business Services (SBS) macht die Erfahrung, daß eingespielte Arbeitsteams gesprengt werden. „Seit einem Jahr werden wir immer weniger Leute in unserer Abteilung.“ Die Übriggebliebenen müssen die zusätzliche Arbeit erledigen, verlorengegangenes Wissen ersetzen. „Vieles müssen wir uns dann hopplahopp aneignen.“
Zu tun gibt es in dieser Niederlassung der verlustreichen Sparte Informationstechnik-Dienstleistungen (SBS) noch genug. „Bei mir häuft sich die Arbeit auf dem Tisch“, sagt der Mitarbeiter, doch auf die Frage nach seiner Motivation antwortet er sarkastisch: „Was ist das? Die Leute kommen spät zur Arbeit und gehen früh, nur am Freitag ist die Stimmung gut.“ Er und seine Kollegen lernen indische Arbeitskräfte an, die bald in ihr Land zurückkehren werden - und die Arbeit aus Deutschland mitnehmen.
Mit Galgenhumor
„Ich bringe jemandem etwas bei, mit dem Fazit, daß ich selbst dann nichts mehr zu tun haben werde“, faßt der Mitarbeiter seine Aussichten bei SBS zusammen. „Das ist hart.“ Noch vor zwei Jahren sei die Motivation in der Abteilung gut gewesen, obwohl die Krise von Siemens Business Services schon älter ist. „Damals haben wir oft abends länger gearbeitet, manchmal auch am Wochenende.“
Auf die mittlerweile trostlose Situation reagieren manche mit Galgenhumor. „Mit einer Kollegin habe ich beschlossen, eine indische Woche zu Hause zu machen“, erzählt der SBS-Mitarbeiter. Eine Woche lang gibt es abends Currygerichte zu essen.
„Der Betriebsrat weiß genauso wenig wie wir“
Wie der Mitarbeiter von Com beklagt sein Kollege von SBS, kaum Informationen von der Unternehmensführung zu erhalten. „Alle Nase lang haben wir neue Vorgesetzte, und der Betriebsrat weiß genauso wenig wie wir.“ Wie es weitergeht, wenn die Inder künftig die Arbeit erledigen, wissen die Beschäftigten der Abteilung noch nicht.
Selbst in der täglichen Arbeit sei manchmal nicht klar, wer für was zuständig sei. Der Chef sitze an einem anderen Standort von SBS und sei viel auf Reisen. „Bei uns herrscht ziemliches Chaos, aber das will die Führung nicht wahrhaben.“ Der Leiter der Niederlassung behaupte nach wir vor, seine Mannschaft sei motiviert.
Scheinsicherheit - und Betäubung durch WM
gerd hodina (hodger)
- 11.07.2006, 13:40 Uhr
was ist schlecht am stellenabau?
d. o. (rodeo)
- 11.07.2006, 19:43 Uhr
Akzeptieren
Christine Ulrich (Chris2505)
- 11.07.2006, 23:35 Uhr
zu Christine Ulrich (Chris2505)
Holger Helpap (hhelpap)
- 18.07.2006, 20:19 Uhr
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