Home
http://www.faz.net/-gqe-urml
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Freitag, 17. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Siemens Kulturkampf in der Deutschland AG

26.04.2007 ·  Nachdem Klaus Kleinfeld seinen Rücktritt angekündigt hat, präsentiert er die vermutlich erfolgreichste Quartalsbilanz, die jemals einem Siemens-Chef gelungen ist. Unklar bleibt, warum sein Vertrag nicht verlängert werden sollte. Die Wahrheit kommt vermutlich nur langsam heraus.

Von Joachim Herr, München
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Für einen kurzen Moment sieht es so aus, als bekäme Klaus Kleinfeld feuchte Augen. Vielleicht muss er tatsächlich ein paar Tränen unterdrücken, als er über Siemens ins Schwärmen gerät. „Es ist ein wunderbares und einzigartiges Unternehmen mit einer tollen Mannschaft“, sagt der Mann, der noch Vorstandsvorsitzender des Elektronikkonzerns ist.

Einen Tag, nachdem angekündigt hatte, in spätestens fünf Monaten zurückzutreten, präsentiert er in einem Luxushotel am Münchner Hauptbahnhof am Donnerstag die vermutlich erfolgreichste Quartalsbilanz, die jemals einem Siemens-Chef gelungen ist. Gleichzeitig stellt er in der Pressekonferenz ein neues Programm zur Steigerung der Profitabilität vor. „Fit4 2010“ wird es geschrieben, „fit for twenty-ten“ wird es ausgesprochen. Es ist Kleinfelds Agenda 2010, die er dem Unternehmen hinterlässt.

1987 hatte er seine Karriere bei Siemens begonnen – als Referent in der Zentralstelle Vertrieb und Werbung. „Ich bedauere es, das Unternehmen zu verlassen, das so ein wichtiger Teil meines Lebens in den letzten 20 Jahren war.“ In der Mimik des 49 Jahre alten Managers spiegeln sich seine vielfältigen Gefühle wider: die Wehmut des Abschieds, der Stolz auf glänzende Geschäftszahlen, die Erleichterung darüber, dass das Führungschaos im Siemens-Konzern für ihn nun ein Ende gefunden hat. „Ich bin froh, wenn ich am Wochenende einen langen Waldlauf machen kann.“

Wahrheit kommt nur nach und nach ans Tageslicht

Seine Anspannung kann er bei allen Fragen nach den Hintergründen für seine Entscheidung nicht verbergen. Der Blick schweift an die hohe Saaldecke, als fände er dort die richtigen Worte. Warum wollte der Aufsichtsrat in seiner Sitzung am Mittwoch Kleinfelds Vertrag, der am 30. September ausläuft, nicht verlängern? Die Antwort fällt knapp aus: „Diese Frage müssen Sie an den Aufsichtsrat richten.“

Klarheit herrscht darüber nicht – vermutlich kommen Splitter der Wahrheit nur nach und nach ans Tageslicht. Das war in anderen spektakulären Fällen, die die Münchner Wirtschaft erlebt hat, nicht anders. Im Februar 1999 mussten nach einer Aufsichtsratssitzung von BMW Konzernchef Bernd Pischetsrieder und Vorstand Wolfgang Reitzle gehen, im März 2004 überraschte Infineon mit dem Rücktritt des Vorstandsvorsitzenden Ulrich Schumacher.

Schutzklausel geplant

Die Erklärungen fallen je nach Blickwinkel unterschiedlich aus. Fest steht, dass der Aufsichtsrat von Siemens – je zehn Mitglieder der Kapital- und der Arbeitnehmerseite – nicht mehr geschlossen hinter Kleinfeld stand. Am Ende seien sogar alle gegen eine sofortige Vertragsverlängerung für den Konzernchef gewesen, behauptet eine Stimme aus dem Umfeld des Aufsichtsrats. Je nach Quelle werden die mächtigen Mitglieder, Gerhard Cromme von Thyssen-Krupp und Josef Ackermann von der Deutschen Bank, mal einzeln, mal gemeinsam als Drahtzieher für Kleinfelds Ablösung genannt. Cromme ist seit Mittwoch Aufsichtsratsvorsitzender von Siemens als Nachfolger des zurückgetretenen Heinrich von Pierer.

Noch vor wenigen Wochen gab es Signale, Kleinfelds Vertrag würde trotz der Korruptionsaffäre von Siemens verlängert. Vor allem von der Arbeitnehmerseite schien die Zustimmung sicher zu sein. Auf der Kapitalseite wurde allerdings diskutiert, die Vertragsverlängerung mit einer Schutzklausel zu verbinden. So hätte sich der Aufsichtsrat gegen eine hohe Abfindungszahlung gefeit, wenn die Ermittlungen im Korruptionsskandal doch noch ein Fehlverhalten Kleinfelds ans Licht bringen sollten.

Managertyp der laut lachen kann

Im Gegensatz zu Pierer stellt Kleinfeld seinen angekündigten Rücktritt nicht als Beitrag für einen personellen Neuanfang wegen des Skandals um Schmiergeld und schwarze Kassen dar. „Aus den bisherigen Untersuchungen wird mir nichts zur Last gelegt“, sagt er. Zudem gebe es in den Vereinigten Staaten keine Ermittlungen gegen ihn. Vor der amerikanischen Börsenaufsicht SEC haben die Manager auch hierzulande großen Respekt, da sie dafür bekannt ist, empfindliche Geldstrafen zu verhängen. Ob Kleinfeld als Beweis des guten Willens für eine umfassende Aufklärung und einen überzeugenden Neuanfang gehen muss, ist zweifelhaft. Viele vermuten, er werde aus anderen Gründen aus dem Unternehmen gedrängt.

Vielleicht ist es Kleinfeld zum Verhängnis geworden, dass er sich mehr nach Amerika orientiert als nach Berlin, Frankfurt oder Düsseldorf. Der studierte Betriebswirt, der von 2001 bis 2003 für Siemens in Amerika die meiste Zeit als Präsident der Landesgesellschaft aktiv war, ist der Managertyp, der E-Mails an Mitarbeiter und ein Tagebuch im Intranet schreibt, oft spontan reagiert, laut lachen kann und hin und wieder mit flotten Sprüchen überrascht. Er sitzt im Aufsichtsrat der amerikanischen Konzerne Alcoa und Citigroup sowie im Verwaltungsrat der Metropolitan Opera in New York.

„Autistische Züge“

Sein frisches, manchmal aber polterndes Auftreten kommt bei Aktienanalysten und manchen amerikanischen Investoren gut an, offenbar aber nicht im Club der mächtigen Herren der deutschen Wirtschaft. Außerdem ist Kleinfeld, seit Januar 2005 Siemens-Chef, gar nicht der Typ, der sich einen schönen Platz im Haus der „Deutschland AG“ sucht.

Manche halten ihm vor, er habe es versäumt, sich ein Netz in der deutschen Managerelite zu knüpfen. Kritiker von Kleinfeld unterstellen ihm, dafür fehle ihm ohnehin das Format. Andere werfen ihm vor, zu sehr auf sich selbst fixiert zu sein, und attestieren ihm „autistische Züge“. Kleinfeld antwortet auf eine Frage nach der „Deutschland AG“, der Zusammenhalt von Eliten sei überlebenswichtig. „Mein Eindruck ist aber eher, dass wir wenig Zusammenhalt in unserem Land haben.“

Am Ende eint der Abschied

Die Frage, ob ihn sein Vorgänger Pierer bis zuletzt begleitet oder sogar unterstützt hat, ist ein eigenes Kapitel in der Geschichte der kurzen Amtszeit Kleinfelds im Siemens-Vorstand wert. Beide behaupten beharrlich, ihr Verhältnis sei gut – „sehr gut“ sogar, wie der Nachfolger sagt. „Ich verdanke Herrn Dr. von Pierer sehr, sehr viel.“

Von anderen im Unternehmen, die beide aus der Nähe kennen, ist seit langem von Spannungen zwischen dem Bewahrer Pierer und dem Reformer der großen Konzernstruktur, Kleinfeld, zu hören. Pierer sprach im vergangenen Jahr von normalen Diskussionen zwischen Vorstand und Aufsichtsrat und wehrt sich nun gegen Spekulationen, er habe Kleinfeld in den Sog seines eigenen Rücktritts gerissen.

Er habe sich in den vergangenen Tagen stark für Kleinfeld eingesetzt, lässt Pierer ausrichten. Am Ende eint der Abschied von Siemens beide: Am Mittwoch, dem Tag, an dem Pierer schweren Herzens sein Amt als Aufsichtsratsvorsitzender aufgab, kündigte Kleinfeld nach turbulenten Tagen seinen baldigen Abgang an.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Abschied ohne Schock

Von Holger Steltzner

Der griechische Staatspräsident hat sich in Rage geredet: Wolfgang Schäuble habe sein Land beleidigt. Was genau meint Papoulias damit? Mehr 3 63

16.02.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.751,96 −0,09%
 OK
Umfrage

Sollen Kinderlose einen „Solidarzuschlag" zahlen?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.