01.02.2005 · Der IG-Metall-Vize Berthold Huber im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über Qualifizierungsdruck, die Lösung der Handy-Probleme und den neuen Siemens-Chef Klaus Kleinfeld.
Vor wenigen Tagen hat die IG Metall einen neuen Tarifvertrag für alle 20.000 Siemens-Beschäftigten in den 37 deutschen Niederlassungen - der sogenannten Regionalorganisation D - geschlossen. Dadurch wurde die Trennung zwischen den 8.000 Beschäftigten im Vertrieb und der Auftragsabwicklung, die nach dem Flächentarif auf Basis der 35-Stunden-Woche bezahlt wurden, und den 12.000 Montage- und Servicekräften aufgehoben, für die ein Ergänzungstarifvertrag galt (unter anderem mit 35,8-Stunden-Woche zuzüglich einer unbezahlten Qualifizierungszeit von 50 Stunden im Jahr).
Der neue Tarifvertrag schreibt die Wochenarbeitszeit nunmehr für beide Beschäftigtengruppen einheitlich bei 35,8 Stunden fest. Auch die zusätzliche Qualifizierungszeit von 50 Stunden im Jahr (umgerechnet 1,13 Stunden je Woche) ist jetzt für alle verbindlich. Dies wurde in den Medien als faktische Einwilligung der IG Metall in die 37-Stunden-Woche gewertet. Der Zweite Vorsitzende der Gewerkschaft, Berthold Huber, der zugleich Mitglied im Siemens-Aufsichtsrat ist, weist diese Bewertung entschieden zurück.
Herr Huber, man gewinnt den Eindruck, die IG Metall habe den Forderungen von Siemens nach längeren Arbeitszeiten kaum etwas entgegenzusetzen.
Dieser Eindruck ist falsch. Im neuen Tarifvertrag für die Siemens-Niederlassungen hat sich an den Arbeitszeiten nichts geändert. Wir haben mit dem Tarifvertrag erreicht, daß eine echte Qualifizierung der Beschäftigten stattfinden kann. Das Besondere an diesem Tarifvertrag ist, daß er auf einen Bereich von Dienstleistungen zugeschnitten ist, in dem die Beschäftigten sich wegen ihrer anspruchsvollen Tätigkeit ständig weiterbilden müssen. Zudem ist es uns gelungen, unterschiedliche Entgeltsysteme für zwei Beschäftigtengruppen in ein kohärentes System zu überführen. Das war ein knifflige Aufgabe.
Und doch hat die IG Metall faktisch in eine 37-Stunden-Woche eingewilligt - ist das nicht eine Arbeitszeitverlängerung durch die Hintertür?
Zählt man die 35,8 Stunden Wochenarbeitszeit und die 1,13 Stunden Qualifizierungszeit zusammen, kommt man in der Tat auf 36,93 Stunden. Aber das ist keine generelle Erhöhung der wöchentlichen Arbeitszeit - individuell ja, aber insgesamt nein. Im neuen System gibt es so viele Arbeitsstunden wie im alten. Sie sind nur anders verteilt. Früher haben 18 Prozent der Belegschaft 40 Stunden und die restlichen 82 Prozent 35 Stunden gearbeitet, jetzt arbeiten alle einheitlich 35,8 Stunden.
Die 50 Stunden unbezahlte Qualifizierungszeit kommen doch noch dazu.
Aber in ihnen findet auch tatsächlich Qualifizierung statt. Damit kann keine tatsächliche Arbeitszeit kaschiert werden. Das ist eine deutliche Verbesserung für 12.000 Beschäftigte.
Wieso das? Die Qualifizierungszeit gab es bisher auch schon.
Aber es gab überhaupt keine Entscheidungsmechanismen. Jetzt haben wir das im Kern so geregelt wie im baden-württembergischen Qualifizierungstarifvertrag: Künftig kann jeder Arbeitnehmer Qualifizierung einfordern - natürlich immer im Kontext der betrieblichen Erfordernisse. Wenn er sich mit der Niederlassungsleitung und dem Betriebsrat einigt, kann echte Qualifizierung entstehen.
Und wenn nicht?
Dann arbeiten die Beschäftigten die 50 Stunden, aber ich baue auf die Vernunft und den Weitblick der Mitarbeiter, daß sie ihren Qualifizierungsanspruch auch durchsetzen.
Das klingt so, als müßte man die Beschäftigten zu ihrem Glück - sprich: Weiterbildung - zwingen?
Die Arbeitsgesellschaft hat noch nicht begriffen, daß Weiterbildung nicht nur ein Lippenbekenntnis bleiben darf, sondern daß man sie organisieren muß. Wir haben hier in Deutschland zwar ein breites Problembewußtsein, nicht nur bei den Arbeitnehmern, sondern auch bei den Arbeitgebern. Doch den Worten folgen auf beiden Seiten zu wenig Taten.
Müssen sich die Beschäftigten langfristig darauf einstellen, dem Betrieb mehr Zeit zu opfern - und auf die reine Arbeitszeit noch Qualifizierungs-, Kommunikations- oder Gesundheitszeiten draufzusatteln, wie es VW-Personalvorstand Peter Hartz vorschwebt?
Wir haben solche Qualifizierungsansprüche bisher - denken Sie an Daimler-Chrysler oder Volkswagen - systematisch nicht auf die gleiche Weise gelöst. Bei Siemens ist es zunächst einmal nur der Versuch, für eine konkrete Problemlage eine tragfähige Lösung zu finden. Eine Verallgemeinerung läßt sich daraus nicht ableiten.
Noch einmal zurück zur Handy-Fertigung: Sind die Arbeitszeiten hier ein Problem?
Nein, gewiß nicht. Das Kernproblem in den Werken Kamp-Lintfort und Bocholt liegt auch nicht bei den Löhnen. Wir sprechen hier über einen Lohnanteil bei der Handy-Fertigung von weniger als 5 Prozent. Der Tarifvertrag für die Handy-Fertigung, den wir vergangenes Jahr abgeschlossen haben, war die erzwungene Reaktion auf die Verlagerungsentscheidung von Siemens. Daraus die generelle Aussage abzuleiten, daß bei Siemens längere Arbeitszeiten vereinbart wurden, ist Unfug.
Was also ist das Problem?
Man muß auf der Höhe des Zeitgeistes sein und das anbieten, was die Konsumenten verlangen. Da gibt es bei Siemens offensichtlich Defizite. Der Job der IG Metall ist es, zu schauen, wie wir den Prozeß so gestalten können, daß wir finanziell wieder zu dem alten Status zurückkommen. Das wird möglich sein, wenn die Defizite etwa bei der Produkt- und Modellpolitik beseitigt werden.
Die IG Metall vereinbart zunehmend Einzellösungen für betriebliche Sondersituationen. Bricht Ihnen irgendwann der Flächentarif weg?
Wir haben klar definierte Möglichkeiten vereinbart, vom Flächentarifvertrag abzuweichen. Diese Abweichungen verschaffen dem Flächentarifvertrag Atmungsmöglichkeiten mit dem Ziel, die Beschäftigung zu halten und aufzubauen.
Dem neuen Siemens-Chef Klaus Kleinfeld wird eine kompromißlosere Gangart nachgesagt als seinem Vorgänger Heinrich von Pierer. Rechnen Sie künftig mit härteren Auseinandersetzungen?
Aus den Jahren, die Herr Kleinfeld in Amerika verbracht hat, zu schließen, daß er auch den amerikanischen Geist in sich aufgesaugt hat, ist ein voreiliges Urteil. Der wird mit den Verhältnissen in Deutschland arbeiten müssen. Im Mutterhaus gibt es eine bestimmte Philosophie - und die heißt nicht „hire and fire“. Jeder sollte Zeit bekommen, seine eigene Handschrift zu finden, und ich bin optimistisch, daß Herr Kleinfeld seine finden wird - nicht in Konfrontation, sondern in Kooperation mit den Arbeitnehmern.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2465 | −0,19% |
| Rohöl Brent Crude | 106,29 $ | −0,52% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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